EM's profileThe Art of LosingPhotosBlogListsMore Tools Help

Blog


    Wir sind das Volk! - oder so aehnlich...

    3. Oktober 2007

    Ich bin heute morgen mal wieder ein bisschen ins Grübeln gekommen (- ich weiß, das passiert mir in letzter Zeit erstaunlich oft). Und zwar habe ich versucht, mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal am Tag der Deutschen Einheit um sieben Uhr morgens in Caprihose draußen auf dem Balkon gefrühstückt habe. Okay, sehen wir einmal von der Tatsache ab, dass ich bisher noch nie in einem Haus mit Balkon gewohnt habe. Und sehen wir auch großzügig von der Tatsache ab, dass es mich nach einer Weile dann doch etwas fröstelte, ich aber beharrlich sitzenblieb, da ich unter keinen Umständen auf diese hämisch-frohlockende Einleitung verzichten wollte. Unter Außerachtlassung dieser zwei Umstände ist es doch erstaunlich, wie lange der mediterrane Sommer sich bis in den Herbst erstreckt. Die letzten zwei Tage hatten wir jedenfalls Höchsttemperaturen von 27 Grad. Der Nachteil am Verweilen in mediterranen Gefilden ist allerdings, dass hier der Tag der Deutschen Einheit leider nicht begangen wird. Sprich: Ich hatte erste Stunde. Bleugh! Um acht Uhr betrat ich also mit Maria-Grazia den Klassenraum, in dem sich unser Kleingemüse versammelt hatte. Da Maria-Grazia einfach nur mit einem stoischen Lächeln auf den Lippen regungslos dasaß, ergriff ich die Initiative und versuchte, mit der Stunde zu beginnen. Allerdings wurde ich immer wieder durch zu spät kommende Schüler unterbrochen, sodass ich irgendwann frustriert abbrach, um zu warten, bis ein bisschen Ruhe eingekehrt war. Maria-Grazia drehte sich derweil zu mir und fragte: „Do the students go on strike in England too?“ „You mean, do they arrive late for lessons?“ „No. Do they go on strike?“ „On strike?! Erm…no, I don’t think so.“ „Ah… In Italy this happens all the time.“ Soso. Die Schüler streikten also. Und zwar auf der Straße vor dem Schulgebäude. Aus diesem Grund war auch das übliche Hupkonzert um Einiges lauter als sonst. Ich hatte davon ursprünglich nichts mitbekommen, da ich schon etwas früher im Schulgebäude eingetroffen war und eine gute Viertelstunde im Nahkampf mit dem (heute sehr unwilligen) Kopierer verbracht hatte. Naja, jedenfalls trafen nach und nach die meisten Schüler der Klasse ein und ich konnte letztendlich meine Stunde geben, aber sie waren natürlich dauernd vom Toben ihrer Mitschüler draußen auf der Straße abgelenkt. Zwischendurch schaute noch eine der Sekretärinnen vorbei, die normalerweise dafür zuständig sind, zu kontrollieren, welche Schüler in welchen Stunden abwesend sind. Sie steckte kurz den Kopf zur Tür rein und sagte: „2C – anwesend.“ Als Maria-Grazia Einspruch erheben wollte, sprach sie: „Der Großteil ist da. Das reicht für heute.“ Was das genau bedeutete, begriff ich erst in der nächsten Stunde. Denn nach erbittertem Kampf mit dem Schulcomputer („Jetzt öffne endlich diese verdammte Datei. Es ist eine pissige kleine Word-Datei. So schwer kann das doch nicht sein, verdammt! … Jaaa…guuut. So, jetzt nur noch drucken. Ich sagte: DRUCKEN. Du Scheißrechner! Aargh!!!“ etc.) und einer mittleren Kopiererkrise („Es ist nur ein Blatt. Das sollst du 30 Mal kopieren. Ich weiß, es ist früh morgens, aber du bist ein technisches Gerät. Dir kann das doch völlig egal sein! Ich hingegen sollte schon seit fünf Minuten meine Stunde geben! Ach, jetzt ist dir auch noch das Papier ausgegangen. Super!“ etc.) stürzte ich mit hängender Zunge und einer ausführlichen italienischen Entschuldigung auf den Lippen in Elisas Oberstufenkurs. Oder eher: in einen leeren Raum. Kein Lehrer, keine Schüler, kein gar nichts. Das ist das Tolle an der Oberstufe: Die Eltern haben keine Macht mehr, also wird bei jedem Streik begeistert mitgemacht. Wenig später traf ich Elisa im Flur und sagte: „Coffee?“, woraufhin sie lachend nickte. Wir begaben uns also zum Kaffee- und Süßigkeitenstand im Keller – wo wir auch sogleich das halbe Kollegium antrafen. Elisa spendierte uns beiden erstmal einen „caffè del nonno“. Das heißt auf Deutsch „Opa-Kaffee“ und es handelt sich dabei um einen eiskalten Cappuccino mit Kakaopulver oben drauf. Superlecker! Auf dem Rückweg zum Lehrerzimmer fiel uns dann ein Demo-Flugblatt des Schülerstreiks in die Hände. Darin hieß es: „Wir protestieren gegen die Entscheidungen des Bildungsministers (- die übrigens nicht näher benannt wurden Anm. d. Red.) und gegen den Machtmissbrauch der Lehrer, die das Leben der Schüler zur Hölle machen.“ Wie Lehrer so sind, wurde erstmal die Rechtschreibung und Grammatik des Flugblatts korrigiert und anschließend herzhaft drüber gelacht. Ach, was sind wir doch gemein! Ich hab Elisa vorgeschlagen, dass wir ab sofort in unserer Klasse englische Methoden einführen: Sie kriegen alle eine Uniform verpasst und wenn die Krawatte schief sitzt, gibt’s gleich Extra-Hausaufgaben. Dann haben sie endlich mal was zu meckern. Außerdem haben wir beschlossen, dass wir ab morgen in Streik treten, um gegen den Machtmissbrauch der Schüler zu protestieren, die uns das Leben zur Hölle machen. Später gesellte sich noch eine sehr unglücklich wirkende Anna zu uns, die uns auch sogleich ihr Leid klagte: „Warum denn ausgerechnet heute? Ich hab nur zwei Stunden. Hätten sie’s nicht morgen machen können? Da hab ich fünf!“ Nun ja, und so kam es, dass wir alle eine unverhoffte Freistunde hatten und trotz Auslandsaufenthalts noch ein Hauch von drittem Oktober durch mein Leben wehte.

    Was gibt’s sonst noch Neues zu berichten? Valentina (die letztens die Wohnung besichtigt hat) hat WG-technisch für Ende Oktober zugesagt. Angeblich war sie sehr beeindruckt, wie sauber und ordentlich die Wohnung war. Na, das kann ja noch lustig werden. Wir sprechen uns im November wieder… Außerdem ist Alessia seit zwei Tagen erkältet. Sie erklärt sich das folgendermaßen: „Weißt du noch, als ich vor ein paar Tagen mit Davide im totalen Platzregen stecken geblieben bin? Da muss das passiert sein. Naja, und dann hab ich ja am nächsten Tag so lange geputzt und ganz ohne Handschuhe und immer mit dem Wasser hantiert und so…“ Soso. Vom Putzen werden wir also neuerdings krank. So langsam komm ich mir echt vor wie im Film. Der langen Rede kurzer Sinn: Seit Neuestem mache ich nicht nur regelmäßig den Abwasch, sondern koche auch noch für uns beide, da sich Alessia nicht lange Zeit auf den Beinen halten kann. Es sei denn das Handy klingelt. Denn beim Telefonieren muss man ja auf und ab gehen. Klar. Und da wir grad auf dem „ich-glaub-mein-Schwein-pfeift“-Trip sind: Die Kollegin Lia drückte mir gestern Material für ihren Oberstufenkurs in die Hand. Die mussten über die Sommerferien eine gekürzte Version von Dickens’ David Copperfield lesen. Als ich in der letzten Stunde nach Meinungen zum Buch gefragt hatte, meinten die meisten: „It was boring.“ Okay, dachte ich, klassische Schülerantwort. Man kann ja nicht alles gut finden. Und dann las ich gestern Abend besagte Lektüre. Die Tatsache, dass ich (bei meiner sehr langsamen Lesegeschwindigkeit) in der Lage war, innerhalb von dreißig Minuten einen Roman von Charles Dickens komplett durchzulesen, sollte einem schon zu denken geben. Und am Ende dieser quälenden dreißig Minuten kam auch ich zu dem Schluss: „It’s boring.“ Allerdings kam ich noch zu einem weiteren Schluss: Im Falle von Menschen, die Lektüren auf eine solche Art und Weise kürzen, bereut man tatsächlich, dass die kollektive Steinigung aus der Mode gekommen ist. Ich hab ja nichts dagegen, wenn sie die Syntax oder die Lexis simplifizieren. Meinetwegen können sie sogar die Satzstruktur und die benutzten Wörter vereinfachen. Aber in diesem Fall scheint jemand wirklich eine geniale Idee gehabt zu haben: „Hm…guck mal, dieser Wälzer ist echt zu lang. Wie wär’s, wenn wir einfach alle Charakterisierungen und Situationsbeschreibungen rausschneiden? Damit sparen wir uns mindestens zwei Drittel des Buches! Super, was?“ Ja. Echt klasse. Wie soll ich denn bitte meinen Schülern vermitteln, dass Charles Dickens berühmt ist für seine einzigartigen, lebendigen Charaktere? Und für seine detaillierten Schilderungen der Lebensumstände im viktorianischen England? In der abgespeckten Version sagt David Copperfield z.B. solch Sätze wie: „I was introduced to my employer’s daughter, Dora, and I fell in love with her at once.“ Punkt. Der nächste Absatz handelt von einem ganz anderen Thema. Und im gesamten Buch sucht man vergeblich nach irgendeinem Charakterzug, der Dora von einem Namen in einen Menschen (oder gar in die Liebe seines Lebens) verwandeln würde. Eine der wichtigsten Funktionen von Literatur ist doch, dass ich mich mitverliebe! (Oder dass ich zumindest nachvollziehen kann, wie die Hauptfigur über andere Figuren denkt.) Nach 100 Seiten Blitzlektüre hat man also die gesamte Handlung mitbekommen (und der gute Mr Dickens hat sich ca. 20 Mal im Grabe umgedreht), aber es ist absolut nichts hängen geblieben. Dora könnte mir nicht egaler sein. Fazit: Dickens ohne Charakterbeschreibungen ist wie eine Tüte fettfreie Kartoffelchips. – Ich weiß danach zwar, dass ich Chips gegessen hab, aber der eigentliche Sinn der Sache (also der Genuss am Geschmack und an der kleinen Sünde) ist völlig abhanden gekommen. Okay, okay, ich hör schon auf mit laienhafter Literaturkritik und dilettantischen Vergleichen, aber es hat mich eben tierisch aufgeregt!

    Ansonsten läuft der Schulbetrieb wie gehabt. Manche Stunden machen Spaß, andere weniger; manche Klassen arbeiten gut mit, andere nicht. Wie z.B. Maria-Grazias Oberstufenkurs, mit dem ich ja nun leider Gottes Dubliners durchnehmen muss. Vom Sprachniveau hätte ich diese Lektüre nie für diesen Kurs gewählt, also kann ich es durchaus verstehen, wenn die Schüler die Texte nicht besonders interessant finden. Aber lesen sollten sie sie nach Möglichkeit schon. Hausaufgabe war es, ca. 20 Zeilen einer Geschichte zu lesen, die wir bereits im Unterricht angefangen hatten. Ergebnis am Montagmorgen: Kein einziger Schüler hatte auch nur eine Zeile gelesen. Also haben wir’s im Unterricht nachgeholt, was die Stunde natürlich wahnsinnig dröge machte. Für dieses Mal hab ich’s bei einer Schlussbemerkung belassen: „I expect you to read the text. And I expect you to take notes.“ Sollte sich nächsten Montag das gleiche Bild bieten, werde ich wahrscheinlich mal die zickige Junglehrerin raushängen lassen („Ihr seid nur noch neun Monate an dieser Schule. Danach wird sich nie wieder jemand darum reißen, euch irgendetwas beizubringen. Was ihr von da an lernt, hängt ganz allein von euch ab. Wenn ihr erstmal auf die Uni geht, werdet ihr Bauklötze staunen. Von wegen zwanzig Zeilen! Da liest man drei Bücher in einer Woche! Ist euch eigentlich bewusst, wie weit ihr hinter der europäischen Konkurrenz zurückhängt? Also, mir ist’s ja egal. Ich kann Englisch…“ blablabla. Wie man sich bei 18-Jährigen beliebt macht – Lektion 1). Zum Schluss noch ein Lob für rege Beteiligung an die liebe Sarah. Sie ist bislang die Einzige, die auf dieser Seite ein paar Kommentare hinterlassen hat. Nehmt euch an ihr ein Beispiel! Ich hör gern von euch, was ihr so macht, ob euch mein Geschwafel tatsächlich interessiert oder ob ich es doch lieber etwas interessanter gestalten sollte oder was auch immer ihr sonst loswerden möchtet. – Oder muss ich erst meine Lehrerbrille aufsetzen…? Meldet euch! Ich will nicht immer nur dieselben drannehmen!… (Wenn euch das öffentliche Web-Geschwafel nicht so zusagt, könnt ihr mir natürlich auch gern eine E-mail schreiben.)

    Immer schön "piano, piano"...

    29. September 2007

    Wichtigste Neuigkeit des Tages: Es gibt wieder Klopapier auf dem Lehrerklo! Hat nur eine Woche gedauert, diesen Missstand zu beheben. Alle Achtung! Daraus ziehen wir folgende Lehre: Wichtigstes Utensil eines italienischen Lehrers ist und bleibt das Taschentuch. Übrigens nicht nur für bereits erwähnte Heulanfälle oder besagten Toilettenpapiernotstand, sondern auch um jederzeit die Tafel wischen zu können. Es gibt nämlich in keiner einzigen Klasse einen Schwamm (womit wir wieder beim Müllproblem der Stadt wären *gähn*). Außerdem verbringen die meisten Lehrer die ersten fünf Minuten der Stunde damit, einen Schüler loszuschicken, um Kreide zu holen. Ach, und wo er grad dabei ist, kann er ja auch ruhig mal einen Kaffee mitbringen… Gut organisierte Lehrer (wie z.B. Valeria) hingegen erkennt man daran, dass sie auf Kommando eine Klarsichtfolie zücken, in der nicht nur der eigene Schwamm, sondern auch der persönliche Kreidevorrat sowie der eigene Whiteboard-Marker aufbewahrt werden. Bin am Überlegen, ob ich mich auch dieser Kaste anschließen soll, denn natürlich gehöre ich gern zu der effizienten Lehrerschaft. Allerdings widerstrebt es mir derzeit noch, für solche grundlegenden Dinge Geld auszugeben. Kann das nicht die Schule stellen? Nun ja, wie das anfangs genannte Beispiel zeigt, übe ich mich neuerdings in einer italienischen Tugend: Abwarten bei gleichzeitigem Wunderglauben. Wer weiß? Vielleicht löst sich dieses Problem ja irgendwann ganz von selbst. Wir werden sehen…

    Ansonsten stellt sich in Bezug auf Schule langsam so etwas wie Routine ein. Je öfter ich ein und dieselbe Stunde gebe, desto besser wird sie natürlich. Und so langsam gewöhne ich mich auch an den 60-Minuten-Rhythmus (wobei es manchmal immer noch ganz schön schwer ist, 60 Minuten auch wirklich mit sinnvollem Inhalt zu füllen). Der Eindruck vom Kollegium hat sich auch inzwischen gebessert. Es überwiegen meiner Ansicht nach doch die fähigen und willigen Lehrer, die tatsächlich mit einer Assistentin zusammenarbeiten wollen, statt sie als inoffizielle Vertretungskraft und Alleinunterhalterin zu nutzen. Mittlerweile habe ich auch alle meine zukünftigen Klassen kennen gelernt – und wenn ich noch einmal die Frage „Have you got a boyfriend?“ beantworten muss, schreie ich. Und zwar in italienischer Lautstärke. Gestern habe ich mich außerdem wieder meiner Horrorklasse vom letzten Freitag gestellt und denen erstmal ein paar Regeln eingebläut.

    1) Don’t talk when Emily is talking. (Mit nachgeschobener Erklärung: „In Italy it’s okay to talk when other people are talking. In England that is considered very rude. So, if you talk while I’m talking, I will get very angry.“ *blickt in ein Meer aus angsterstarrten Achtklässlergesichtern und lacht sich heimlich ins Fäustchen*)

    2) If you want to say something, raise your hand and wait for me to ask you. (Es wird wahrscheinlich noch etwas dauern, bis diese Regel angekommen ist, da es sich anscheinend um ein völlig neues Konzept handelt. *seufz*)

    3) Listen when your classmates give an answer. (Auch dies = Basiswissen, erste Klasse, oder?)

    4) Always copy vocabulary from the board. (Die Schüler sind es anscheinend nicht gewohnt, Dinge mitzuschreiben. Seltsam…)

    Danach war’s tatsächlich vom Lärmpegel her erträglich. Ich musste sie zwar mehrmals ermahnen, aber sie scheinen mittlerweile wenigstens kapiert zu haben, wer in der Klasse das Sagen hat. Und daran lasse ich ab sofort nicht mehr rütteln.

    Nach so viel autoritärem Geschwafel muss ich aber doch zugeben, dass die letzten zwei Tage durchaus angenehm waren, da die überwiegende Mehrheit der Schüler sehr gut mitgemacht hat und sich mir gegenüber sehr nett verhält. Vor allem bei der Kollegin Elisa macht mir der Unterricht Spaß. Sie hat ein freundliches Verhältnis zu den Schülern und diese hören ihr trotzdem zu. So langsam entwickeln wir uns zum eingespielten Team: Sie witzelt ein bisschen mit den Schülern, übergibt dann mir die Leitung des Unterrichts, und wenn sie sicher ist, dass alles gut läuft, geht sie für uns beide Kaffee holen (das ist an einem Samstagmorgen übrigens eine lebensrettende kollegiale Leistung). Heute habe ich außerdem Lia kennen gelernt, eine andere Kollegin, die bis vor kurzem krank war. Sie kam heute morgen im Lehrerzimmer auf mich zu und war ganz besorgt, da ich für ihre erste Stunde eingetragen war. Es fing das übliche Gestammel an: „Also, hast du etwas vorbereitet? Ich weiß nicht, wir könnten hier im Buch diese Seite machen…“ – Worauf ich diesmal souverän antworten konnte: „Also, ich hab da mehrere Stunden vorbereitet. Ich dachte, ich stelle mich erstmal vor und ermutige die Schüler dann zum reden…“ In der Zwischenzeit hatte sich Elisa zu uns gesellt, klopfte der besorgten Lia auf die Schulter, sagte irgendwas von wegen „assistente“ und „bravissima ragazza“, woraufhin Emmy anfing, wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen. (Übrigens, kurze Zwischenfrage: Obwohl sich wahrscheinlich Jeder unter dem letzten Satz etwas vorstellen kann, würde ich doch zu gerne wissen: Was genau ist ein Honigkuchenpferd? Hat irgendwer schon mal eins gesehen? Und warum grinsen die Viecher so breit? Macht das der Honig? Oder der Kuchen? Oder ganz etwas Anderes…?). Elisa ist jedenfalls eine meiner neuen Lieblingskolleginnen, da sie mich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit Lob versorgt, was ich derzeit auch gut gebrauchen kann. Nachdem ich sie letzten Mittwoch kurzerhand in der Oberstufe vertreten musste, kam sie gestern auf mich zu und sprach: „My class said it was fun. They really liked you.“ – Solche Kollegen muss man einfach gern haben, oder? Auch Lia hat sich anscheinend diesem Trend angeschlossen, denn nachdem ich bei ihrem Kleingemüse eine Stunde gegeben hatte, stellte sie mich ihrer Oberstufe als „a very excellent language assistant“ vor. Trotz der etwas eigenwilligen Sprachkonstruktion habe ich mich über diesen Titel sehr gefreut Smile

    Ansonsten stellt sich auch im WG-Leben so langsam ein bisschen Routine ein. Gestern war allerdings eine Riesenputzaktion angesagt. Dieses hatte folgenden Grund: Alessia hat diese Woche als Referendarin an meiner Schule angefangen und ihre Betreuungslehrerin hat erfahren, dass wir noch ein Zimmer freihaben. Daraufhin fragte sie, ob ihre 29-jährige Tochter irgendwann zur Wohnungsbesichtigung kommen könnte. Sollte diese tatsächlich bei uns einziehen, würde das heißen, dass alle Menschen, die ich in Neapel kenne, irgendwie mit dem Liceo Alberti zusammenhängen. Allmählich wird das Ganze schon fast inzestuös… Aber egal, wir waren ja beim Putztag. Also, nachdem sie die Wohnungsbesichtigung arrangiert hatte, fragte mich Alessia, ob ich ihr am Freitag beim Putzen helfen könnte, da die Wohnung ja möglichst gut aussehen sollte. Hätte ich gewusst, was „Wir müssten ja sowieso mal putzen.“ auf Italienisch heißt, ich hätte es an dieser Stelle angebracht. Allerdings kamen mir beim endlosen Staubwischen und Fußbodenfeudeln zwei Gedanken:

    1.) Diese Wohnung ist seit einer halben Ewigkeit nicht mehr geputzt worden.

    2.) Ist es wirklich fair, dieser ahnungslosen Wohnungssuchenden ein derart verzerrtes Bild des Iannotti-Haushalts zu präsentieren?

    Nun ja, diese Gedanken wurden schnell durch die Tatsache verdrängt, dass ich mich immer mehr über das Verhalten meiner derzeitigen Mitbewohnerin wundern durfte. Alessia hat sich nämlich extra zum Putzen einen Tag schulfrei genommen (wie lange braucht man, um mit zwei Personen eine 8-Zimmer-Wohnung zu putzen? Ganze 24 Stunden?). Allerdings hatte sie, als ich aus der Schule kam, noch nicht mit besagtem Putzen begonnen. Mit viel Tam-Tam ging es schließlich nach dem Mittagessen zu Werk, wobei ich meine eigenen Badputzaktivitäten immer wieder unterbrechen musste, um mal wieder zu bestaunen, wie schön Alessia eine Kommode poliert oder einen Fußboden gefeudelt hatte. Außerdem gab’s in regelmäßigen Abständen eine neue Auflage von Tante Alessias nützlichen Putztipps: „Ich würd sagen, du wischst erst Staub und fegst dann den Fußboden… Sag mal, wusstest du eigentlich, dass man vorm feudeln den Feudel nassmacht?...“ – Ich rechne es mir hoch an, dass ich gestern Nachmittag zu keinem Zeitpunkt geschrien habe. Der Hammer kam allerdings noch. Nachdem ich mein Zimmer, das Bad und das Wohnzimmer von Kopf bis Fuß gesäubert hatte, während Alessia stundenlange Telefongespräche führte, erklärte sie voller Freude: „Davide kommt nachher und putzt das Bad. Wenn es nämlich eins gibt, was ich hasse…" (etc.). Und heute Abend kommt noch eine Freundin vorbei und macht die ganze Küche.“ Ich war zunächst einmal sprachlos. Und dann geriet ich wieder ins Grübeln: Wer aus meinem Freundeskreis wäre wohl bereit, einfach mal so an einem Freitagabend vorbeizukommen, um meine Küche zu putzen, nur weil ich zu faul bin, dies selbst zu tun? Mir fiel spontan mal Keiner ein. Ich musste schon ein wenig schmunzeln, als ich mir derartige Telefongespräche und die entsprechende Reaktion meiner Freunde auf eine solche Anfrage ausmalte. Also, wer fortan Lust hat, mir einmal im Monat kostenlos bei der Generalüberholung meiner Wohnung zu helfen, der fülle bitte das Formular im Anhang dieses Eintrags aus…

    Zu guter Letzt folgen jetzt noch ein paar Eindrücke von Land und Leuten (damit dieser Blog auch tatsächlich eine Daseinsberechtigung hat und nicht ausschließlich als Endlager für seelischen Restmüll dient). In meiner Funktion als Beobachterin des kulturellen Allerlei habe ich nämlich in letzter Zeit folgende Dinge bemerkt.

    1.) Italiener haben Zeit ohne Ende. Egal, ob ich gerade zur Schule hin oder von der Schule weg laufe, mir stehen grundsätzlich zwanzigtausend Leute im Weg. Vom Kleinkind bis zur runzligen, schwarzgekleideten Oma – alle stehen sie den ganzen Tag lang auf der Straße rum und unterhalten sich lautstark. Und es ist völlig unmöglich, an diesen Leuten vorbeizukommen, denn kein Mensch kommt auf die Idee, auch nur zwei Millimeter Platz zu machen. Selbst wenn sie sich gerade fortbewegen (wie z.B. meine Schüler, die ja theoretisch alle den selben Weg haben wie ich), tun sie dies derart langsam, dass ich mir manchmal Wünsche, ich wäre Supermann. Dann könnte ich einfach über sie hinwegsegeln und ihnen gleichzeitig auf den Kopf spucken Wink

    2.) Italiener stehen viel mehr auf Körperkontakt als Deutsche oder gar Engländer. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen (deren Namen ich mir noch nicht mal merken konnte) ich in den letzten Wochen auf die Wangen geküsst habe. Außerdem halten sie hier ständig Händchen. Jedenfalls ist es durchaus üblich, mit der besten Freundin Hand in Hand durch die Fußgängerzone zu schlendern. – Entweder das, oder es gibt hier verdammt viele Lesben. Beide Trends wären meiner Meinung nach zu begrüßen ;-) Übrigens kommt ein solches Verhalten durchaus auch bei den Männern vor. Jedenfalls habe ich vor ein paar Tagen einen Vater gesehen, der mit seinem 20-jährigen Sohn eingehakt die Straße entlang ging. – Süß! Und auch die Männer begrüßen und verabschieden sich stets mit Küsschen links und Küsschen rechts – sogar in der Schule. Da musste ich doch letztens auch wieder Schmunzeln, als ich beobachten durfte, wie sich zwei meiner 14-jährigen Schüler morgens in ganz ehrlicher Freude mit Küsschen auf beide Wangen begrüßten. Wer so was als 14-Jähriger in Deutschland versucht, würde das Schulgebäude wahrscheinlich nicht wieder lebendig verlassen. Aber vielleicht tue ich den Deutschen damit unrecht. Werde diesen Trend jedenfalls mal bei meinen männlichen deutschen Freunden anregen. Mal sehen, was sie davon halten…