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Den Kater kriegt man nicht vom Alkohol, sondern vom Aufwachen...10. Mai 2008
Guten Morgen, meine Lieben!
Vielleicht hätte ich euch lieber einen wunderschönen Nachmittag wünschen sollen, denn es ist immerhin schon 14:30 Uhr. Angesichts der Tatsache, dass ich immer noch im Schlafanzug rumhänge, hielt ich erstere Begrüßung jedoch für angebracht. Es ist so ein typischer Samstagmorgen, an dem man gegen 10 Uhr zögerlich die Augen öffnet, weil die Sonne trotz geschlossener Rollläden (mit dreifachem L! Also der Reihe nach: Es fing an mit der SMS von Martina. Ob wir uns nicht alle mit ihrem spanischen Besuch treffen wollten, um erst ein wenig zu quatschen und dann in Chiaia auszugehen. Klar. Bin dabei. Ich machte mich also um 21:30 Uhr auf den Weg zu Martina, um ihre Freundinnen kennen zu lernen. Mit einem zögerlichen „Hola!“ betrat ich die Küche und wurde sofort Carolina, Jolie und Alba vorgestellt, die nicht nur unheimlich nett waren, sondern zum Glück auch sehr gut Englisch sprechen konnten. Nach und nach gesellten sich auch Kim und Alison zu uns und die Spanier statteten uns mit dem unabdingbaren Grundwortschatz fürs Ausgehen in ihrer Sprache aus, der da lautet:
„Yo chiero una cerveca, por favor.“ („Ein Bier, bitte.“) „Te chiero. Te amo. Te adoro…“ („Ich mag dich. Ich liebe dich. Ich vergöttere dich…“) „Es loco!“ („Der spinnt doch!“)
…Wie man „Leck mich am Arsch!“ auf Spanisch sagt, hab ich mittlerweile leider wieder vergessen. (Irgendwas mit „culo“ … hm … egal.) Es folgte ein ausgedehnter Streifzug durch die Kneipenmeile von Chiaia. Das Übel nahm seinen Lauf, als Alison ausrief: „What are you drinking? I’ll buy us a round.“ – Merke: Wenn die Schottin für Getränke sorgt, kann das kein gutes Ende nehmen. Nachdem ich einen nicht unerheblichen Teil des heutigen Tages damit verbracht hab, nachzuvollziehen, was und wie viel ich letzte Nacht konsumiert habe, folgt hier die vorläufige Liste: - 2 Bier (bei Martina) - 1 Rum & Coke - 1 Amaretto & Coke - 1 Whisky & Coke (brrr! *schüttel* Thanks, Alison…) - 2 Gin & Lemon
*hicks* - Oh, Verzeihung. Nun ja, irgendwann im Laufe des Abends geschah es auf dem Weg von einer Bar zur nächsten, dass mir auf einmal eine unvorhergesehene Treppenstufe ans Schienbein gesprungen ist. – Sowas aber auch… Unterwegs wurde viel gelacht, geflirtet und getanzt. Gegen 2 Uhr gesellte sich auch Michele zu uns, den wir vor einer Weile durch Nathan kennen und schätzen gelernt haben. Ich rechne es ihm immer noch hoch an, dass er so gut mit sieben besoffenen, gackernden Mädels fertig geworden ist. Ach, und außerdem hat er mir am Ende des Abends meine erste Fahrt auf einem „Motorino“ beschert
Gegen 4:30 Uhr fiel ich schließlich dankbar ins Bett. Nun zum Rest der Woche:
San Gennaro Day
Letzten Samstag machte ich mich mit Alison auf den Weg in die Altstadt, da ich während des Spanien-Austauschs meiner Schule unsere Stadtführerin gefragt hatte, wann denn die nächste Feier für den Schutzpatronen und wichtigsten Heiligen Neapels stattfände. Antwort: am Samstag vor dem ersten Sonntag im Mai. Folglich musste das dieses Jahr der 3. Mai sein. Nachdem wir verzweifelt alle unsere Bekannten gefragt und sämtliche Zeitungen und Internetseiten nach einer Ankündigung oder gar Zeitangabe für dieses Ereignis erfolglos durchkämmt hatten, beschlossen wir, einfach aufs Geratewohl gegen 11 Uhr in die Stadt zu fahren und vor Ort mal nachzuschauen. – Und da fragt man sich noch, warum Touristen es in Neapel so schwer haben! Ich meine, erstens sprechen wir die Sprache; zweitens sind wir bereits vor Ort; drittens kennen wir ein paar „Einheimische“ und viertens haben wir alle nur denkbaren Medien zur Verfügung – und trotzdem konnte oder wollte uns keine Sau eine Auskunft erteilen! Soviel zum Thema Benutzerfreundlichkeit. Im Dom selbst war tatsächlich gütigerweise eine winzige Tafel angebracht, aus der wir entnehmen konnten, dass die Prozession zu Ehren von San Gennaro um 17 Uhr stattfinden würde. Also beschlossen wir, den Rest des Tages mit Essen und Einkaufen zu verbringen. Es folgte ein unglaublich typischer, ja geradezu klischeehaft süditalienischer Tag. Erst wurden wir beim Panino-Essen von einem sehr gut aussehenden Bäcker angeflirtet, der ständig irgendwelche örtlichen Köstlichkeiten an uns vorbeitrug und uns ganz lieb erklärte, woraus die gemacht seien. Dann gönnten wir uns in der Altstadt ein köstliches Eis (Geschmacksrichtungen: Amarena-Kirsch und Kinderschokolade – mit Schokoladenwaffel Nachdem wir uns dankend verabschiedet hatten, schlenderten wir relativ ziellos durch ein paar Seitenstraßen – und hörten auf einmal wunderschöne Mandolinenklänge! In einem der vielen „bassi“ (Einzimmerwohnungen auf Straßenebene, in denen teilweise 6-köpfige Familien wohnen) saßen tatsächlich zwei alte Männer und spielten seelenruhig Mandoline. Und das sogar sehr gut. Wir lauschten also beide völlig begeistert der wunderschönen Musik, über uns hing die Wäsche sämtlicher Haushalte, ständig fuhren irgendwelche Vespas vorbei – und irgendwie kam man sich so vor, als würde man gerade in „Der Pate“ mitwirken. Allerdings ohne abgehackte Pferdeköpfe und so. (Wofür ich sehr dankbar war.)
Im Laufe des Tages kauften wir außerdem ein paar Sommerkleider für Alison und dringend benötigte neue Schuhe für mich. Tja, und schließlich haben wir es tatsächlich geschafft, San Gennaro in all seiner Herrlichkeit zu bewundern. Übrigens, für alle, die mit der neapolitanischen Kultur nicht so vertraut sind: San Gennaro (zu deutsch: der heilige Januarius) war ursprünglich Bischof in Benevento, bis ihm irgendwelche Wüstlinge den Kopf abhackten und ihn somit zum Märtyrer machten. Angeblich hat eine Frau kurz nach der Exekution sein Blut in einem Gefäß aufgefangen, das später nach Neapel gebracht wurde. In fester Form wird dieses Blut seitdem in einer Kapelle des Doms aufbewahrt und dreimal im Jahr vollzieht sich das sogenannte „Blutwunder des San Gennaro“. Sprich: Ein Haufen Ur-Neapolitaner, die alle behaupten, direkte Nachfahren von San Gennaro zu sein (ähem … schon klar) versammeln sich zum Gottesdienst im Dom und beschwören (oder beleidigen) den Schutzpatronen, sein Blut zu verflüssigen. Ja, genau, das Blut verflüssigt sich. Wenn man Glück hat. In den ein oder zwei Jahren, in denen sich das Zeug (was auch immer es sein mag) nicht verflüssigt hat, ist Neapel von schrecklichen Plagen heimgesucht worden. Müll fällt anscheinend nicht in besagte Kategorie, denn in den letzten Jahren hat sich das Blutwunder immer brav vollzogen.
Schließlich endete dieser typisch italienische Tag mit einem Spontananruf von Sarah aus Orvieto: „Du, mein Handyanbieter hat mir gerade 30€ Guthaben geschenkt. Einfach so!“ – Fazit: Manchmal muss man Italien einfach lieb haben
Und hier die neuesten Highlights aus Emmys täglichem Schulchaos:
Montagmorgen spielte ich mit meinen Schülern mal wieder „If I were a …, what would I be?“. Diesmal allerdings in einer anderen Klasse. Auf Emmys Frage: „What kind of animal would I be?“, prusten die Jungs in der letzten Reihe los: „A butterfly!“ – Jaja, schon klar, Jungs. Verarschen kann ich mich selber... Unbeirrt fahre ich fort: „What kind of film would I be?“. Und ein Schüler antwortet ohne zu zögern: „Scary Movie.“ – Trotz Entrüstungsfaktor musste ich dann doch unwillkürlich lachen.
Montag, 2. Stunde: Emmy betritt den Klassenraum und stellt fest, dass die Oberstufe gerade eine Klausur schreibt – sprich: die Sprachassistentin wird nicht benötigt. Das hätte man mir natürlich auch vorher mitteilen können - aber egal. Die liebe (sprich: furchteinflößende) Kollegin Maria-Grazia erhebt sich, lächelt eiskalt und fragt, ob ich kurz aufpassen könne, während sie sich einen Kaffee holt. Kein Problem. Kaum ist die Tür zu, guckt mich die Klasse mit großen Augen an und zischt wie aus einem Mund: „Emily! Help! Please!“. Ich werfe einen Blick auf den Klausurtext und stelle fest, dass es sich um einen Auszug aus Animal Farm handelt, den wir erst in der letzten Stunde zögerlich angefangen hatten zu bearbeiten. Sprich: Die Schüler können noch nicht mal die Charaktere auseinanderhalten, geschweige denn irgendwelches Hintergrundwissen oder eine schlüssige Interpretation präsentieren. Emmy wägt kurz im Kopf ab: 1.) In vier Wochen bin ich hier weg und die sehen mich nie wieder. 2.) Diese Aufgabenstellung ist unfair und Maria-Grazia einfach nur gemein. Ganz offensichtlich hasst sie Schüler wie die Pest. 3.) Die erste Aufgabe ist eine Inhaltsangabe. Das kann ich mit links. Emmy wirft also einen Blick auf die Tür und holt tief Luft: „Listen. I’m only going to say this once… Ready? In this extract Napoleon carries out the public trial and execution of several animals on the farm. He uses his dogs to threaten and kill the animals. In this context, the dogs can be interpreted as the secret police…“ Und so weiter. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt: Ich habe einer ganzen Klasse beim Spicken geholfen. – Fazit: Gott sieht alles. Aber er petzt nicht.
Montagabend komme ich gerade völlig gerädert von meinen ganzen Privatstunden nach Hause, als ich eine SMS von der Kollegin Valeria erhalte: „Hallo Emily! Wir haben vor kurzem in der 8. Klasse das Passiv durchgenommen. Könntest du eventuell für morgen eine Stunde zu diesem Thema vorbereiten?“ Aber klar doch. *seufz* In einem Anflug von Kreativität, der mich selbst überrascht hat, setze ich mich also vor den Computer, in der einen Hand ein Nutella-Glas, in der anderen einen Löffel. Am nächsten Morgen stehe ich vor einer Klasse, in der einen Hand den Deckel eines (mittlerweile leeren) Nutella-Glases, und schreibe folgenden Satz an die Tafel: „Nutella is made by the Ferrero company.“ Sodann dürfen die lieben Kleinen auf einem Arbeitsblatt die verschiedenen Stufen des Herstellungsprozesses in die richtige Reihenfolge bringen und anschließend ins Passiv übertragen („The hazelnuts are roasted. When they are almost black, the nuts are separated from their skins…“ etc.). – Fazit: Ich weiß jetzt ganz genau über die Herstellung von Nutella bescheid und kann sogar über die Entstehungsgeschichte referieren - man muss das Passiv ja schließlich auch im past tense können
Am Mittwoch habe ich versucht, meinem tollen Oberstufenkurs Sons and Lovers von D.H. Lawrence schmackhaft zu machen. Da es in diesem Buch stark um den Ödipus-Komplex geht, habe ich ihnen folgendes Video zur Analyse präsentiert:
Und da soll noch mal einer sagen, Literaturunterricht sei trocken und langweilig!
Ende dieser Woche haben übrigens die Trinity Prüfungen begonnen. D.h. ich hoffe und bange, dass meine Schüler alle gut durchkommen. Außerdem darf ich den ganzen Montag- und Dienstagnachmittag in der Schule verbringen, um den Schülern ihre Prüfungsunterlagen auszuhändigen und im Gang für Ruhe zu sorgen. Oh, à propos Trinity Prüfung folgt hier das Peinlichkeitsereignis Nr. 1 der vergangenen Woche: Nach meiner letzten Stunde am Mittwoch kommt eine Oberstufenschülerin auf mich zu. Also, nicht irgendeine Schülerin, sondern eine wahnsinnig gutaussehende, supernette, unheimlich intelligente Schülerin, die in jeder Stunde total lieb lächelt und supergut mitmacht. Besagte Schülerin (sie heißt übrigens Chiara) kommt also auf mich zu, während der Rest der Klasse die Sachen zusammenpackt, und fragt, ob ich morgen möglicherweise ihr Trinity Referat durchgehen könnte. - Emmy: „So, what’s your topic?“ - Chiara: „The history of the …“ (Da wurde es in der Klasse plötzlich so laut, dass ich nichts mehr verstehen konnte.) - Emmy: „Sorry, the history of what?“ - Chiara: „The history of the bikini.“ – Sprach's, und deutete sich dabei zur Verdeutlichung auf die Brust.
…An dieser Stelle brauchte ich ein paar Sekunden, bis sich mein Gehirn wieder einschaltete. Und zwar mit einer dringenden Warnmeldung („Emmy, verdammt! Sie redet noch mit dir! Wo befinden sich die Augen einer Frau...? – Richtig: im Gesicht. Jetzt guck da gefälligst wieder hin!“).
– Fazit: Ich muss dringend dieses Land verlassen, bevor ich ernsthaftes Interesse an Minderjährigen entwickle! What do you do with a B.A. in Drama & Creative Writing?2. Mai 2008
Ja, Freunde der Sonne, es ist soweit. Nach zahllosen Lehr- und Wanderjahren habe ich heute endlich eine Antwort auf diese Frage gefunden. Wer sie wissen will, muss sich allerdings bis zum Ende dieses Eintrags gedulden, da ich weiterhin im Ansatz chronologisch vorgehen möchte, und in der Zwischenzeit so einiges passiert ist. Wer möchte, kann sich beim Weiterlesen den Soundtrack zum Musical „Avenue Q“ runterladen, aus dem die Titelzeile entnommen ist.
(What do you do with a B.A. in English? What is my life going to be? Four years of college And plenty of knowledge Have earned me this useless degree. I can’t pay the bills yet, Cause I have no skills yet. The world is a big scary place. But somehow I can’t shake The feeling I might make A difference to the human race…)
Äh…wo war ich? Ach ja, Chronologie, Emmy, Chronologie…
Hablas espagnol? No, ma yo comprendo… un pochito zumindest
Keine Angst; Emmy hat nicht plötzlich das Land gewechselt. Im Gegenteil: Die Spanier sind zu uns gekommen. Eine Woche lang war eine 10-köpfige Schülergruppe aus Ibiza zu Besuch am Liceo Alberti. Zwei Tage vorher hatte mich Loredana nebenbei während einer Unterrichtsstunde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei der Betreuung des Austauschs mitzuhelfen. Als ich zusagte, wusste ich noch nicht, was „Betreuung“ auf italienisch heißt: Jeden Morgen erst ein paar Stunden im Computerraum rumhängen, während die Schüler eigenständige Gruppenarbeit leisten, dann eine kostenlose Führung durch das Archeologische Museum, den Botanischen Garten oder die historische Altstadt mitmachen, ab und zu die Schüler ein bisschen vorantreiben („Andiamo, ragazzi! … Vamos, chicas!“ etc.). Dann ab nach Hause. – Ganz ehrlich: Life could be worse. Zwar war es letztendlich eine sehr zeitintensive und schlaflose Woche, da ich direkt von irgendwelchen Exkursionen zur nächsten Privatstunde und von dort zur Essensverabredung mit den Lehrern hetzen musste, aber ich habe die ganze Woche keinen Pfennig für Essen ausgegeben, da mittags das Lunchpaket von der Schule gestellt wurde und abends immer auf Kosten eines netten Kollegen im Restaurant gespeist wurde. Fazit nach einer Woche Austausch: Neapolitaner und Ibizaner (Ibizesen?) sind sich vom Temperament her sehr ähnlich (sprich: Ich war die Einzige, die bei den Führungen zugehört hat); die spanischen Kolleginnen (Anna und Neus) waren in Englisch wesentlich fitter als meine italienischen Kolleginnen – ihre Schüler hingegen waren aus ungeklärter Ursache noch schlechter als die Italiener; und – erfreulich-überraschende Entdeckung – nach einem Jahr des täglichen Italienischsprechens und –hörens kann ich auf einmal Spanisch verstehen. Sprechen kann ich es nicht, aber nach der Führung durch das Archeologische Museum war ich völlig begeistert, dass ich die Ausführungen über griechische Mythen und kunsthistorische Details zumindest im Ansatz verstanden hatte. – Fazit des Fazits: Das Spracharsenal der Emily O. aus W. an der L. weitet sich immer mehr aus… Hier ein paar Eindrücke vom Austausch:
Auf dem zweiten Bild seht ihr übrigens meine Betreuungslehrerin Loredana (r.) im Gespräch mit der spanischen Kollegin, Neus.
„Cercasi David“ – oder: Frischzellenkur in Orvieto
Mitte April nutzte ich die Gelegenheit drei schulfreier Tage zu einem Gegenbesuch bei Sarah in Orvieto (also, nicht Hamburg-Sarah, sondern Regensburg-Sarah. Ach, ihr wisst schon, wer ihr seid.). Übrigens, Grund für den unerwarteten Schulstundenausfall: die italienischen Parlamentswahlen. Ja, ihr habt richtig gelesen.
Meine Schule wurde als Wahllokal genutzt, sprich: Samstag fiel der Unterricht wegen Wahlvorbereitungen aus (den hab ich sowieso frei), Sonntag und Montag wurde gewählt (warum die Italiener als einziges Volk in Europa zwei Tage zum Wählen brauchen, weiß keiner so genau), Dienstag musste die Schule gereinigt werden (was mich zu der Frage nötigt: Wieviel Dreck verursachen Italiener beim Wählen? Auf italienisch hieß dieser Vorgang übrigens „desinfestazione“. – Klingt, also würden sie Ratten oder irgendwelche Parasiten beseitigen.), tja, und Mittwoch war halt… der Tag nach der „desinfestazione“. Da kann man ja nicht sofort wieder in die Schule. Klar. – Meine Reaktion nach acht Monaten Italien: nicht erst blöd fragen. „Freier Tag? Super! Danke! Ich bin dann mal weg…“ …Sprach’s und setzte sich in den Zug nach Rom. In der ewigen Stadt angekommen, erwischte ich eine etwas gestresste Sarah am Handy: „Du, also, wir sind hier mit unserer deutschen Austauschgruppe unterwegs und haben grad die Hälfte verloren.“ – Been there, done that. Ich setzte mich also auf die Spanische Treppe, bis die Gruppe sich wiedergefunden hatte und wir uns am Trevi-Brunnen treffen konnten. Von dort aus ging’s mit dem Zug weiter nach Orvieto – und ich kam mir vor, als wäre ich in einer ganz anderen Welt gelandet. Dieser kleine Ort zwischen Florenz und Rom ist wunderschön und ungefähr so groß wie meine Heimatstadt Winsen (sprich: ca. 30.000 Einwohner, wenn man die ganzen umliegenden Kuhkäffer mitzählt). Die gesamte Innenstadt ist eine Fußgängerzone, d.h. um 9 Uhr abends ist dort kein Mucks mehr zu hören und man möchte eigentlich nur noch flüstern, um die Nachbarn nicht aufzuwecken. Nach acht Monaten Neapel war das fast wie eine Mondlandung. Ich lag am ersten Abend todmüde im Bett und stellte fest, dass ich ohne knallende Aufzugtüren, bellende Nachbarshunde, hupende Autos und das Krachen und Rumsen der Müllabfuhr um 2 Uhr morgens nicht mehr einschlafen konnte. Außerdem wohnt Sarah in einer ganz traumhaften Umgebung – mit eigenem Garten und in Sichtweite des wunderschönen Doms von Orvieto. Und ihre Vermieter haben eine Katze, die gerade eine Woche zuvor Junge bekommen hatte. So haben wir also einen gesamten Abend damit verbracht, Katzenbabys zu bewundern und in regelmäßigen Abständen „ah!“ und „oh!“ und „Mein Gott, sind die süüüüüß!“ auszurufen. Hier ein paar Eindrücke:
Nun ja, im Laufe des Wochenendes hat sich Sarah wirklich alle Mühe gegeben, mir die örtlichen Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Wir haben die umbrische Landschaft bewundert, sind durch malerische Gässchen geschlendert, in tiefe Brunnen gestiegen, auf hohe Türme geklettert – und haben über 25 Kirchen in diesem kleinen Ort gezählt. Madonna santa!
Außerdem haben wir mit der deutsch-italienischen Austauschgruppe ein paar Sprach- und Kennenlernspiele gemacht und eine Exkursion nach Florenz betreut. Dort besichtigten Sarah, ich und Sarahs Schülerin Anka unter anderem die wunderschöne Kirche Santa Croce, sodass ich im Vorbeigehen Rossini, Galilei, Dante, Machiavelli und Michelangelo posthum Guten Tag sagen konnte.
Das Wochenende hatte außerdem noch einen ganz besonderen Reiz. Sarah erweist sich nämlich bei näherem Kennenlernen als „domestic goddess“ – sprich: Sie kann ganz wundervoll kochen. Angefangen bei Rucola-Birnen-Salat mit Parmesan, über eigens importierte Käsespätzle, bis hin zu Spargel in Sahnesauce mit Schinken, Käse und Kartoffeln, hat meine liebe Gastgeberin mich kulinarisch derart verwöhnt, dass ich mich zum Heiratsantrag veranlasst fühlte. Derzeit streiten wir uns allerdings noch darum, wer das Kleid tragen darf…
Zurück in Neapel musste ich erstmal den Schock des Wahlergebnisses verdauen. Berlusconi ist wieder an der Macht. Che palle! Wie kann denn das angehen?! Ich kann verstehen, dass bestimmte Leute aus bestimmten Gründen einen schmierigen, Frauen verachtenden, machtgeilen, korrupten Idioten zum Volksoberhaupt wählen. Was ich nicht verstehen kann, ist wie man einen 71-jährigen, schmierigen, Frauen verachtenden, machtgeilen, korrupten Idioten wiederwählen kann! Valentina, die im politischen Spektrum eher links angesiedelt ist, konnte dies offensichtlich auch nicht verstehen. Den ganzen Abend lang saß sie depressiv am Küchentisch und beschwerte sich über das Wahlverhalten ihrer Landsleute. Bis es plötzlich still wurde am Tisch. Und wir beide Alessia anguckten. Und Valentina zögerlich fragte: „Du hast nicht zufällig Berlusconi gewählt, oder? … Sag mir bitte, dass du nicht Berlusconi gewählt hast!“ Ale: (zuckt mit den Schultern) „Ich hab schon immer die Konservativen gewählt.“ Vale: (springt auf und rauft sich die Haare) „Mein Gott! Ich hab den Feind im eigenen Haus!“ … und so weiter.
Fazit 1: All countries get the government they deserve. Fazit 2: Mir tut Angela Merkel leid, die jetzt mit Sarkozy und Berlusconi gleich zwei Egomanen in Schach halten muss.
Nachdem auch diese WG-Krise überwunden war, folgte schon das nächste verlängerte Wochenende, denn der 25. April ist der Tag der italienischen Einheit (oder „Garibaldi Day“, wie ich ihn zu nennen pflege). An diesem Wochenende waren drei meiner englischen Uni-Freunde eingeflogen, um den Geburtstag meiner walisischen Freundin Fflur in Benevento zu feiern ( - und für alle, die jetzt vollends verwirrt sind bezüglich der Staatszugehörigkeit und des Aufenthaltsortes meiner Freunde, kommt hier folgende sinnlose Zusatzinformation: Fflur ist als Kind holländischer Eltern in Wales aufgewachsen und spricht somit Englisch, Holländisch und Walisisch. Ach, und seit zwei Jahren studiert sie außerdem Italienisch und Französisch. Noch Fragen?). So kam es, dass ich am Freitag den Zug nach Salerno nahm, um mich mit Fflur, Lisa, Nim (Naomi), Rory und Lucie (Fflurs französischer Freundin) zu treffen, die allesamt ein Auto gemietet hatten. Wir quetschten uns also zu sechst in einen 4-Personen Hyundai und fuhren bei strahlendem Sonnenschein die Amalfiküste entlang. Und da Lisa, Nim, Fflur und ich uns aus dem Chor kennen, wurde natürlich die ganze Zeit lang lautstark alles mitgesungen/mitgegrölt, was gerade im Auto zu hören war. Schließlich legten wir uns in Maiori an den Strand und die Todesmutigen unter uns beschlossen, sich ins kühle Nass zu stürzen. – Wobei „kühles Nass“ die Untertreibung des Jahrhunderts darstellt. Oh. Mein. Gott. War. Das. Schweinekalt! Oder, wie es der arme Rory ausdrückte: „I’m inverted!“
Nachdem wir uns die Zeit am Strand mit diversen Cheerleader-Posen vertrieben hatten, machten wir uns schweren Herzens wieder auf den Heimweg – und brauchten Dank Ferienverkehrs und grottenschlechter italienischer Ausschilderung nur viereinhalb Stunden für den Rückweg.
Am Morgen darauf folgte bereits die nächste Überraschung: 1) Fflur und Rory ziehen los, um den Mietwagen vom öffentlichen Parkplatz abzuholen und zurückzugeben. 2) Anruf von Fflur: „Ähm…Leute…wir stehen hier…und das Auto ist weg.“ 3) Wir: „Scheiße!“ 4) Fflur kontaktiert einen befreundeten Polizisten und fährt mit ihm zu den Carabinieri ( - was kennt die Frau bloß für Leute?!) 5) Anruf von Fflur: „Das Auto ist nicht gestohlen, sondern abgeschleppt worden. Wir holen’s jetzt ab und zahlen dann 80€ Strafe.“ Schließlich schafften wir es dann doch noch alle rechtzeitig zum Bahnhof und fuhren erschöpft aber glücklich wieder nach Hause. Fazit: Wenn ein Road Trip mit sechs Personen schon so viel Chaos verursachen kann, bin ich mal gespannt, was alles passiert, wenn ich mit diesen (und 20 anderen) Leuten Ende Juni auf Chorfahrt nach Venedig, Verona und an den Gardasee fahre…
Was war sonst noch?
Ich habe letzten Sonntag mit Davide und Alessia einen wunderschönen Spaziergang im Parco Virgiliano gemacht. Der liegt etwas oberhalb von Neapel und bietet herrliche Ausblicke über die Stadt und das Meer. Daher gibt’s von diesem Tag auch tolle Fotos.
…And finally, the mystery is solved:
Es folgt der Moment, auf den wir alle gewartet haben. Die Antwort auf die ewig-wiederkehrende BWLer-Frage: „Und was macht man mit so nem verrückten Studiengang?“ Man bewirbt sich bei englischen Sommersprachschulen. So geschehen in den letzten zwei Wochen. Ich habe mich für diesen Sommer erfolgreich bei zwei Sprachschulen beworben, die beide sehr an meinen Erfahrungen im Bereich Theater und Kreatives Schreiben interessiert waren. Ätsch. Nachdem ich heute Morgen das letzte Bewerbungsgespräch hinter mich gebracht habe, kann ich euch nun mitteilen, dass ich vom 12. Juli bis 16. August für die Oxford Intensive School of English (www.oise.com) als Resident Teacher in Headington (Vorort von Oxford) arbeiten werde. Das heißt, die stellen Unterkunft und Verpflegung in der Schule und zahlen mir 300€ die Woche dafür, dass ich jeden Tag drei 90-minütige Englischstunden gebe (in Gruppen von maximal acht Teilnehmern *jauchz*), diverse Sport-, Spiel- und Workshopaktivitäten betreue und anschließend sicherstelle, dass alle Teenager (13-16 Jahre) im richtigen Bett schlafen. Außerdem wird’s Tagesausflüge nach Oxford und London geben. Das Ganze wird wahrscheinlich wahnsinnig arbeitsintensiv, da ich die Schüler praktisch 24 Stunden am Tag um mich habe, aber hoffentlich kann man sie dadurch auch besser kennen lernen und sehr viel Spaß zusammen haben. Ach, und irgendwann in dieser Zeit wär’s klasse, wenn ich für einen Tag nach Stratford könnte, um mir eventuell eine Wohnung für’s nächste Jahr zu organisieren. Der vorläufige Plan für die nächsten Monate sieht also folgendermaßen aus: Am 7. Juni endet mein Vertrag hier in Italien. Mitte Juni kommt mein Vater mit nem leeren Koffer vorbei, um zumindest einen Teil meines ganzen Mülls wieder nach Deutschland zu schleppen. Vom 17.-24. Juni bin ich hoffentlich mit meinem Uni-Chor unterwegs, und Ende Juni/Anfang Juli fliege ich dann für ca. 10 Tage nach Hause. An alle Winsener, die ihr diesen Blog lest: Haltet euch bitte den 6. Juli frei! Da hab ich nämlich Geburtstag und werde ihn hoffentlich ausnahmsweise mal mit euch feiern können.
In diesem Sinne: Euch allen eine gute Nacht! |
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