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Wann wird's mal wieder richtig Sommer?25. September 2007 Es regnet. In Neapel. Seit mittlerweile fünf Stunden. Unaufhörlich. Da fühlt man sich ja schon fast wie zu Hause (außer dass es trotzdem noch ziemlich schwül ist). Der Vesuv ist gänzlich in einem Wolkenmeer versunken, ebenso wie die Inseln Ischia und Procida. Und das tägliche Hupkonzert auf den Straßen ist heute um Einiges lauter, da sich ständig irgendwelche todesmutigen Fußgänger mitsamt Regenschirm in den Verkehr stürzen, ohne nach links oder rechts zu schauen. Der erste Satz, den ich heute Morgen von Alessia zu hören bekam, war: „Che schiffo di tempo che fa!“ (oder so ähnlich) und ich nehme an, das lässt sich als „Wat’n Scheißwetter!“ in die deutsche Sprache übertragen (zumindest in norddeutschen Gefilden). Als ich heute Morgen die Schule betrat, hätte ich fast losgeflucht: „Wer hat denn hier im Flur so einen Schweinkram veranstaltet?“ Durch den gesamten Eingangsbereich schlängelte sich nämlich eine matschige Sägespänespur. Allerdings ging mir irgendwann auf, dass es sich hierbei nicht etwa um eine frühmorgendliche Schnitzeljagd handelte, sondern vielmehr um eine Sicherheitsmaßnahme, damit Schüler und Lehrer nicht auf den nassen Fliesen ausrutschen. Allerdings fragte ich mich, während ich zum hundertsten Mal an diesem Tag versuchte, meine Turnschuhe von der Pampe zu befreien, ob es nicht eine bessere Lösung für dieses Problem gäbe. Wie wär’s mit nem Teppich am Eingang? Der Schultag an sich war allerdings sehr erfreulich. Ich glaube, Dienstag wird mein neuer Lieblingstag. Erst um 10 Uhr (endlich ausschlafen! Juhu!) eine Stunde in der „Secunda“ mit Anna, in der sie für Ruhe sorgt, während ich Unterricht mache, und danach Valerias (von mir heißgeliebter) Oberstufenkurs. Heute waren nur 12 von 15 Teilnehmern da. Himmlisch, in so einer kleinen Gruppe zu unterrichten! Sie sind zwar nicht auf dem Niveau, das ich von einem deutschen Oberstufenkurs erwarten würde, aber die Schüler sind alle so nett und lernwillig, dass es tatsächlich Spaß macht sie zu unterrichten. Das sind diese seltenen Stunden, in denen man wieder merkt, was einem am Lehrerdasein tatsächlich gefällt: mit Anderen über wichtige Dinge diskutieren, ein paar ihrer Kenntnisse erweitern, von ihnen eine unkonventionelle Sicht auf bestimmte Texte gewinnen, und vielleicht im Laufe der Stunde zusehen, wie der Groschen fällt. Das ist für mich überhaupt das Schönste: diese (zugegebenermaßen recht seltenen) Momente, in denen man ganz genau beobachten kann, wie ein Schüler erst konzentriert zuhört, dann die neuen Informationen verarbeitet und das ganze schließlich in ein Lächeln oder einen Aha-Effekt mündet – wenn man merkt, dass man sie irgendwie erreicht hat. Okay, okay, ich hör schon auf zu philosophieren. A propos philosophieren…da ich in meiner Stunde ein wenig über die Symbolik in Animal Farm und den Bezug zur Russischen Revolution sprechen wollte, hatte ich überlegt, ob ich Bildmaterial mit in die Stunde nehmen sollte. Dann dachte ich mir aber: „Ach was, Emmy, das ist ein Oberstufenkurs. Das ist doch viel zu einfach für die. Du darfst sie nicht wie Kleinkinder behandeln.“ – Letztendlich wären ein paar Bilder führender Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts jedoch gar nicht mal so fehl am Platz gewesen, denn auf meine Frage: „Has anyone heard of Karl Marx?“, meldeten sich sehr zögerlich ganze zwei Schüler. Valeria krümmte sich in der Ecke vor Scham über die Unwissenheit ihrer Schüler und Emmy setzte an: „Well, he was a very famous German philosopher…“. Es folgte mal wieder ein Stehgreifreferat über das Kommunistische Manifest, Überbau und Unterbau, Klassenkampf, Eigentum an Produktionsmitteln etc. – Ich sollte echt mehr Geld für diesen Job verlangen. Was gibt’s sonst noch zu berichten? Ich habe neulich einen Nichtangriffspakt mit dem Gasherd geschlossen: Er unterlässt fortan alle weiteren Anschläge auf mein Leben und im Gegenzug höre ich auf, ihn abwechselnd auf Englisch und auf Deutsch zu beschimpfen. Da wir weder einen funktionierenden Ofen noch eine Mikrowelle haben, muss alles entweder gekocht oder gebraten werden. Für meine sehr beschränkten Kochkünste heißt das: Ich schmeiße abends oft einfach alles Mögliche in die Bratpfanne und esse daher in letzter Zeit sehr viel Fett. Bin am Überlegen, ob ich nicht vielleicht einen Jazz Dance Kurs belegen oder zumindest mit irgendeiner Sportart anfangen sollte, damit ich am Ende des Jahres nicht als kleine Tonne nach Hause rolle. Allerdings könnte es durchaus sein, dass sich das Input-Output-Verhältnis bei Lehrern von selbst regelt. Wie war das noch? Ein Fußballspieler kann im Laufe eines WM-Spiels bis zu 5kg abbauen. Na, die sollte man mal eine Stunde lang vor eine 8. Klasse stellen. Fünf Kilo? Da lach ich doch drüber! Von Deutschen, Engländern und italienischer (Dis-) Organisation...24. September 2007 Fangen wir beim erfreulichen Teil dieses Eintrags an: dem Sonntag. Gestern habe ich mich das erste Mal in meinem Leben als Fremdenführerin versucht. Auf Englisch nennt man so was „the blind leading the blind“, aber egal, auch dies habe ich überstanden. Ich gebe zu: Am Sonntagmorgen überlegte ich zunächst ein paar Minuten lang, ob ich mich nicht einfach umdrehen, weiterschlafen und so tun sollte, als hätte ich den Treffpunkt falsch verstanden (wenn man nur einen Tag Wochenende hat und an diesem dann noch gezwungen ist, um 7 Uhr aufzustehen, zweifelt man irgendwann am Sinn des Lebens. Daher sei mir bitte vergeben.). Allerdings war’s im Endeffekt ein wunderschöner Tag mit Superwetter und unheimlich netten Leuten. Als erstes lernte ich Maria, die italienische Führerin, kennen. Sie ist so Mitte 20, hat Kunstgeschichte studiert, weiß absolut alles über Neapel und ist dazu noch sehr sympathisch. Nachdem wir eine Weile auf und ab gelaufen waren und uns überlegt hatten, was wir machen, wenn keiner kommt, gesellte sich Mari zu uns (das ist die Sportlehrerin von meiner Schule, die das Ganze organisiert hat. Ja, ich weiß, so langsam wird’s kompliziert mit den Namen) und lud uns erstmal auf einen extrastarken Kaffee ein. Nach und nach gesellten sich dann immer mehr spaziergangswillige Touristen und Halbtouristen zu uns, unter ihnen auch eine Gruppe von Erasmus Studenten, die alle in einer Art „auberge espagnole“ zusammenleben. Insgesamt hatten wir vier Deutsche, einen Mazedonier und eine Engländerin. Während unserer Wanderung auf einer sehr schönen (wenn auch etwas anstrengenden) Freitreppe, die bis in die Altstadt von Neapel herunterführt, habe ich mich wahrscheinlich am meisten mit Nele unterhalten. Obwohl sie erst zwei Wochen hier ist, spricht sie sehr gutes Italienisch, was mich zunächst einschüchterte – bis ich erfuhr, dass sie’s seit Jahren in Münster studiert und kurz vor der Magisterprüfung steht. Außerdem hab ich mich natürlich noch mit Ellie, der Engländerin, unterhalten. Wie sich herausstellt ist sie auch für ein Jahr als Fremdsprachenassistentin an einem Liceo in Neapel tätig, hat aber noch nicht angefangen zu unterrichten, da sie erst vor ein paar Tagen angekommen ist. Ellie ist jung, hübsch, spricht wunderschönes Italienisch (da sie seit zwei Jahren einen Freund in Neapel hat – so was nenn ich schummeln!) und studiert Spanisch und Italienisch – in Cambridge. Alle diese Attribute machen sie zum absoluten Albtraum für mein sowieso schon angeschlagenes Ego. Und das Schlimmste ist: Sie ist auch noch so verdammt nett dabei, dass man sie noch nicht mal hassen kann! Naja, jedenfalls haben wir Telefonnummern ausgetauscht, damit wir uns beim Lehrerdasein ein bisschen gegenseitig unterstützen (sprich: Unterrichtsideen klauen) können. Am Ende des Spaziergangs hat mir außerdem der Mazedonier, Goran, seine Telefonnummer gegeben, also hoffe ich, im Laufe des Jahres ein bisschen was mit dieser Clique unternehmen zu können, da mir im Moment noch ein wenig der Kontakt zu anderen Studenten fehlt. Und nun zum frustigen Teil dieses Eintrags: Während unseres Gesprächs fragte Ellie irgendwann ganz nebenbei, ob ich nächste Woche auch zum Kurs nach Turin fahre, worauf ich spontan mal Antwortete: „Kurs? Turin? Nächste Woche? Bitte was…???“ Es stellt sich also heraus, dass die liebe italienische Socrates Vertretung einen dreitägigen Einführungskurs für Fremdsprachenassistenten in Turin veranstaltet, und zwar von Donnerstag bis Samstag. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich allerdings die E-mail mit dieser Information nicht erhalten, somit konnte ich natürlich das Anmeldungsformular auch nicht abschicken etc. Naja, Ellie hat mir netterweise gleich am selben Abend noch die ganzen Infos geschickt, woraufhin ich dann heute Morgen bei dem Herren, der das Ganze organisiert, angerufen habe. Dieser war der erste unhilfsbereite Italiener, der mir bisher untergekommen ist. Auf alle meine Fragen antwortete er mit „Nein“ und beschränkte sich darauf, mir wieder und wieder zu erklären, dass die Anmeldung jetzt nicht mehr erfolgen könne, da kein Platz mehr in der Jugendherberge vorhanden sei, die sie extra für diesen Kurs gemietet haben. Super. Okay, wenn ich nicht an diesem Kurs teilnehme, geht die Welt nicht unter und wahrscheinlich erzählen die einem da lauter Sachen, die man nach drei Wochen Italien und einer Woche Schule sowieso schon kapiert hat, aber dieser Kurs wäre natürlich mal wieder eine Gelegenheit, ein paar nette Bekanntschaften zu machen – und es wäre doch einfach nett, von solchen Dingen verdammt nochmal in Kenntnis gesetzt zu werden! Irgendwie komm ich mir ein wenig verarscht vor: Ich habe mit Socrates einen Vertrag abgeschlossen und erfülle meinen Teil, während die einfach zu blöd sind, eine E-mail zu schicken. Argh! Frusssssstttt! Diesen Frust habe ich dann bei Mari (der Sportlehrerin) abgeladen, die mich erstmal in den Arm genommen hat und außerdem angeboten hat, mich zu adoptieren (- wer weiß, vielleicht komm ich drauf zurück…). Dann sagte sie: „Du rufst da nach der Schule gleich noch mal an und lässt dich wenigstens auf die Warteliste setzen. Und wenn kurzfristig noch was frei wird und du doch zum Kurs kannst, aber der Rektor dir nicht freigibt – dann ist man halt mal ein paar Tage krank!“ Jawohl, Frau General! Da es mir nie in den Sinn käme, mich einer Sportlehrerin zu widersetzen, habe ich ihren Rat auch sogleich befolgt. Habe zwar wenig Hoffnung, dass sich da in den nächsten zwei Tagen noch was tut, aber man weiß ja nie – vor allem nicht bei Italienern… Immerhin steht morgen ein etwas leichterer Schultag an: erst eine Stunde mit Annas Kleingemüse und dann Valerias Oberstufenkurs (mit nur 15 Schülern! Juhu!), den ich mal wieder mit Animal Farm quälen darf. Loredana, meine Betreuungslehrerin, weilt übrigens seit Samstag in Holland, da wir dort angeblich eine Partnerschule haben. Na, die ist fein raus! Als ich heute Morgen die Schule betrat, kam gleich eine der Sekretärinnen auf mich zu und teilte mir mit, dass ich in 10 Minuten eine Vertretungsstunde in Loredanas Klasse geben müsse. Super. Danke. Ein Glück hatte ich schon das ganze Material für eine spätere Stunde mit und hab es somit einfach noch mal kopiert. Das Tolle an der Tatsache, dass ich die ganze Zeit nur zwei Jahrgänge unterrichte, ist, dass ich für die Jüngeren immer nur eine Stunde vorbereiten muss, die ich dann in diversen Klassen wiederhole. Hab ich jedenfalls so beschlossen, sonst arbeite ich mich dumm und dämlich mit der ganzen Unterrichtsvorbereitung. Und sollten die sich mit ihren Jahrgangskameraden kurzschließen und feststellen, dass sie alle das selbe machen, fasele ich mal schnell was von Einheitlichkeit der Lehrpläne und Abstimmung der Curricula für alle Klassen etc… (Wie war das noch? „Curriculi, curricula…“ – oder so ähnlich…). Der Nachteil der sich ergibt, wenn man jede Klasse nur einmal pro Woche hat, ist, dass ich mir die Namen der Schüler einfach nicht einprägen kann. Ich meine, ich kann mir sowieso schon im täglichen Leben keine Namen merken, aber bei ungefähr 350 Schülern bin ich nun wirklich überfordert. Die haben’s umgekehrt natürlich wesentlich leichter. Jedenfalls erschallt mittlerweile jedes Mal, wenn ich die Schule betrete, aus allen Ecken ein fröhliches: „Eh, ciao Eeemily!“ (so langsam gewöhne ich mich auch an das langgezogene „e“ am Anfang des Namens – ist jedenfalls nicht schlimmer als die Überbetonung der letzten Silbe im Französischen „Émiliiiiiee“. Und wieder einmal gebührt meinen Eltern Dank dafür, dass ich so einen international aussprechbaren Namen habe und nicht Gwyneth oder Priscilla heiße.). P.S.: Alle, die Jodie Foster nicht so sehr lieben, wie sie eigentlich sollten, können an dieser Stelle gern aufhören zu lesen. Aber ich kann natürlich nicht umhin, der Gestalt meiner Anbetung einige Zeilen in meinem Blog zu widmen. Also: Jodie Foster hat einen neuen Film gemacht! Das passiert bloß alle drei oder vier Jahre einmal! Und ich werde ihn auf Italienisch gucken müssen. Verdammt. Und Jodie war zur Deutschlandpremiere ihres Films in Berlin und ich war nicht da. Verdammt. Naja, sobald ich also ein Kino hier in der Gegend entdeckt habe, werde ich mir jedenfalls „The Brave One“ antun. Habe bislang nur ein paar Szenenfotos gesehen und sehr knappe Zusammenfassungen gelesen. Plot: Jodie gegen den Rest der Welt. Diesmal mit Pistole. Ich wünschte, ich könnte behaupten, das klänge vielversprechend, aber im Grunde klingt es wie viele andere Jodie Foster Filme auch, in denen sie zwar schauspielerisch nicht zu übertreffen ist, die aber drehbuchtechnisch Einiges zu wünschen übrig lassen. (Ach Jodie, das muss doch nicht sein, oder? Du brauchst das Geld doch nicht. Du hast in Yale vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Such dir doch mal ein gutes Drehbuch aus.) Es gibt immer mal wieder Gerüchte, dass Miss Foster an einem Projekt zur Biografie von Leni Riefenstahl arbeitet. Na, das wär doch mal ein interessanter Anfang… Eine Woche Schule...22. September 2007 Eine Woche Schule und fast drei Wochen Italien sind rum und ich lebe noch. Man glaubt es kaum! Die letzte Woche war recht turbulent mit einigen ausgeprägten Höhen und Tiefen. Seit meinem letzten Bericht am Montag bin ich mehreren anderen Lehrern in den Unterricht gefolgt und es hat tatsächlich bis zum Ende der Woche gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ein gegenseitiges Missverständnis vorliegt. Loredana hatte mir nämlich versichert, dass ich in der ersten Woche nur zuschaue und mich den Schülern ein bisschen vorstelle. Allerdings ist es mir in letzter Zeit erstaunlich oft widerfahren, dass ich einer mir unbekannten Kollegin zum ersten Mal in den Unterricht folge, diese dann zu den Schülern sagt: „Das ist Emily, unsere neue Fremdsprachenassistentin.“…sich dann hinsetzt und mich erwartungsvoll anlächelt, als hätte ich alle Weisheit dieser Welt gepachtet und natürlich tausend perfekt geplante Englischstunden im Ärmel. Nun ja, in Sachen Stehgreifstunden habe ich mich im Laufe dieser Woche selbst übertroffen, aber jedes Mal dankbar geseufzt, wenn die 60 Minuten herum waren. Z.B. habe ich am Dienstag sehr gelehrt (*hust*) mit der Oberstufe über Kommunismus und die derzeitige Weltwirtschaft diskutiert (Das Tolle an Schülern ist, dass man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass man mehr Zeitung liest als sie – obwohl ich nur so ungefähr zweieinhalb Zeitungen im Jahr lese – und dass sie durch gezielt eingesetztes Halbwissen zu beeindrucken sind. Alte Klugscheißermethoden also…). Am Freitagmorgen war ich dann bei der Kollegin Barbara im Unterricht. Da es sich wiederum um einen Oberstufenkurs handelte, nahm ich an, dass sie mir die Lektüre geben würde und mir das derzeitige Programm ein wenig erklären würde. Aber es kam, wie es kommen musste. Die liebe Barbara sagt: „Also, das ist Emily, die neue Assistentin.“ – und setzt sich hin. Nach einer Schrecksekunde springt Emmy auf, klatscht sich ein fettes Lächeln ins Gesicht und schleudert ein über-enthusiastisches „Good morning, everyone!“ in die Runde. Zwischendurch zischt Emmy dann heimlich nach hinten: „Äh… was hast du letzte Stunde mit ihnen durchgenommen?“ Die Antwort: „Industrielle Revolution.“ Ugh. Für eine Millisekunde weicht mein Lächeln einem Ausdruck der allgemeinen Rat- und Fassungslosigkeit, bis mein Gehirn plötzlich auf Turbo schaltet und sämtliches Wissen aus dem mündlichen Abitur hervorkramt. Und so kam es, dass ich letztendlich äußerst gelehrt (*hust, röchel*) mit den Schülern über Textilproduktion in Manchester, Urbanisierung, die soziale Frage, die Abhängigkeit der Arbeiterklasse und die Werke von Charles Dickens geredet habe. Am Ende war ich schweißgebadet, aber auch ein bisschen stolz auf mich. Während ich in meiner Freistunde am Computer saß, kam Valeria ins Lehrerzimmer und setzte sich zu mir. Sie hat sich ganz lieb nach meinem Befinden erkundet und gefragt, wie mir die Schule so gefällt, worauf ich natürlich positiv antwortete. Außerdem sagte sie, wenn es je Probleme geben sollte, könne ich sie jederzeit anrufen, worauf ich antwortete: „Danke, das ist wirklich sehr lieb, aber im Moment läuft alles ganz gut.“ Oh Mann. Hätte sie mich bloß eine Stunde später gefragt. Diese Stunde fand in der Mittelstufe statt und hatte es ganz schön in sich. Die Schüler waren zwar nicht mies, aber wahnsinnig laut und unaufmerksam – sprich: Es war 60 Minuten lang ein einziger Kampf, sich überhaupt irgendwie Gehör zu verschaffen, geschweige denn, so etwas wie Autorität zu verströmen. Ich meine, wenn Achtklässler noch nie mit dem Konzept konfrontiert worden sind, dass man sich melden soll, bevor man etwas sagt, und somit auch nach wiederholter Ermahnung jedes Mal alle gleichzeitig losschreien, fällt mir wirklich nicht mehr viel ein. Jedenfalls hatte ich für den Rest des Tages hämmernde Kopfschmerzen und habe vom netten Oberstufenkurs, der darauf folgte, nicht viel mitbekommen. Zu Hause angekommen, war ich erst einmal froh, dass Alessia nicht da war. So schloss ich die Tür hinter mir und es folgte der erste Heulanfall dieses Auslandsaufenthaltes (okay, eigentlich waren es zwei Heulanfälle, aber da sie in so kurzem Abstand aufeinander folgten, denke ich, man kann es als einen werten – sonst hätte ich bereits mein durchschnittliches Jahresheulpensum erreicht, und ich brauche es vielleicht vor Weihnachten noch…). Da Emmys Heulanfälle aber so selten vorkommen, muss sie sich dann gleich immer den gesamten angestauten Weltschmerz der letzten Monate von der Seele heulen. Sprich: Ich sah ganz schön scheiße aus, wollte unbedingt in den Arm genommen werden und es war keiner da, der dies hätte tun können. Allerdings waren als Lebensretter von zu Hause zwei Pakete mit ganz vielen nützlichen Lehrmaterialien angekommen (thank you, Mum!) und so schaffte ich es, mich nach einer Weile wieder zu fangen. Danach stapfte ich erstmal los, um mir im Supermarkt die Grundausstattung eines jeden Lehrers zuzulegen – Taschentücher und Schokolade. Wieder zu Hause setzte ich mich an den Computer, mit der festen Absicht, dass mir das mit dem Autoritätsverlust so schnell nicht wieder passiert. Nächste Woche werde ich in meinen Klassen erstmal ein paar Grundregeln des Umgangs miteinander einführen – und Sanktionen androhen, falls diese nicht respektiert werden sollten. Jedenfalls habe ich jetzt einen Eindruck von den Englischkenntnissen der Schüler und kann somit hoffentlich meine zukünftigen Stunden besser planen. Naja…immerhin habe ich seit gestern einen Schulausweis, der mir am schicken blauen Band um den Hals hängt. Das ist insofern eine Erleichterung, als dass ich jetzt nicht mehr jedes Mal beim Betreten meiner Arbeitsstätte von der Rezeptionistin militärisch zurückgepfiffen werde und lang und breit erklären muss, dass ich die neue Fremdsprachenassistentin bin und nicht etwa eine angehende Kinderschänderin auf der Ausschau nach Frischfleisch. Außerdem habe ich mir heute einen persönlichen Code für den Kopierer besorgt. Dabei war übrigens die Tatsache sehr hilfreich, dass ich letzte Woche in einem Anflug von Wahnsinn „James Bond – Golden Eye“ auf Italienisch geguckt habe, in dem sie ständig irgendwelche Codes irgendwo eingeben müssen. Und so trat ich todesmutig dem Rektor entgegen und sprach: „Ho bisogna del codice per la fotocopiatrice.“ – Na bitte, geht doch. Was 007 kann, kann ich schon lange Der gestrige Tag war dann allerdings doch nicht komplett zum Davonlaufen, denn am Abend habe ich mich das erste Mal so richtig mit Alessia unterhalten und wir haben uns ein bisschen besser kennen gelernt – was ja aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse immer noch sehr schwierig ist. Beim ziellosen Zappen durch diverse Fernsehprogramme landeten wir bei einer Talkrunde, in der es um Sex vor der Ehe ging. Während ich gerade versuchte, mir vorzustellen, welcher deutsche Sender noch bereit wäre, ein solches Thema ins Programm zu stellen, fragte Alessia, wie es sich denn in England mit dem Sex vor der Ehe verhalte. Und so erklärte ich, dass die meisten Engländer in ihrer neugewonnen Freiheit an der Uni ziemlich austicken und ein sehr promiskuitives Verhalten an den Tag legen. Tja, und so kamen wir ins Reden über Flirts, Beziehungen, Gott und die Welt. Und es folgte mein allererstes Coming Out auf Italienisch – was ja auch nicht unbedingt ganz einfach ist, da man (oder ich) ja immer gleich ganz viele zusätzliche Erklärungen und Ausführungen hinterherschieben möchte, und bei einem akuten Mangel an Vokabeln ziemlich ins Stocken gerät. Naja, irgendwie hab ich’s irgendwie geschafft. Alessia hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt und nur gemeint: „Das stell ich mir gar nicht mal so einfach vor.“, woraufhin ich einfach nickte. Diese Hürde hätten wir somit auch genommen Ansonsten gestaltet sich das Zusammenleben mit Alessia ganz okay. Sie hat am Montag eine wichtige Prüfung in Pädagogik und läuft daher seit zwei Wochen den ganzen Tag lang im Pyjama auf und ab, während sie irgendwelche Fakten vor sich hinplappert (das kann ja meinem Fremdsprachenerwerb nur förderlich sein…). Andererseits habe ich es mal wieder hinbekommen, mit einer Person zusammenzuziehen, die noch unordentlicher ist als ich. Wie schaffe ich das bloß immer?! Als ich kaum eingezogen war, sagte Alessia nebenbei: „Also, wenn es eine Sache gibt, die ich total hasse, dann ist es Abwaschen.“ – womit sie recht hatte. Ich glaube, ich habe sie bisher ein einziges Mal beim Abwasch erwischt. Da fühl ich mich doch gleich wie zu Hause in meiner Cherrywood-WG Alessias Verhalten lässt sich allerdings damit erklären, dass sie bis zum Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren immer mit dieser zusammen in einer Wohnung gelebt hat. Und laut eigener Aussage musste sie nie einen Teller abwaschen oder gar den Fußboden saugen. Hat alles die Mamma gemacht. Ich gebe ja zu, dass ich mich auch von vorn bis hinten bedienen lasse, wenn ich zu Hause bin, aber immerhin habe ich die letzten vier Jahre nicht mehr ganzzeitig im Hotel Mama gewohnt. Lieber Gott, lass mich nie in Italien sesshaft werden, sonst werden meine Kinder von mir erwarten, dass sie über das 30. Lebensjahr hinaus bei vollständiger Bewirtung zu Hause wohnen können! Naja, wenigstens sieht Alessia ein, dass sie sich ändern muss, wenn sie irgendwann mit Davide zusammenziehen will, denn der ist von geradezu pingeliger Sauberkeit. Heute Abend kommt er übrigens vorbei und kocht für uns, daher kam Alessia auch am späten Nachmittag an, setzte ihren Hundeblick auf und fragte: „Du…Emily? Ich bin total gestresst und muss noch so viel lernen… Glaubst du, du könntest noch den Fußboden in der Küche feudeln? Nachher kommt nämlich Davide und ich möchte nicht, dass er schon wieder einen schlechten Eindruck von mir bekommt…“ – Und so habe ich nun auch dieses erledigt. Will ja schließlich nicht für das Scheitern zukünftiger Ehen zuständig sein. So, hier endet dieser Eintrag, denn am morgigen Sonntag muss ich eine kleine Touristenführung vornehmen. Eine Kollegin an der Schule organisiert nämlich mehrmals im Jahr solche Spaziergänge und brauchte jemanden, der die englische Version übernimmt. So kam es, dass ich vorgestern drei Stunden lang einen italienischen Text ins Englische übersetzt habe, damit ich tatsächlich den Anschein einer Ahnung habe, was ich diesen Leuten erzählen soll. Habe allerdings den besagten Stadtteil noch nie gesehen, also werde ich wahrscheinlich (mal wieder) sämtliche theatralische und klugscheißerische Verarschungstechniken mobilisieren müssen, um mein Gefolge von unbequemen Zwischenfragen abzuhalten. *schlägt wiederholt mit der Stirn auf den Schreibtisch* - Na, denn man gute Nacht! Die ersten zwei Wochen Italien7. September 2007 Buona sera alle zusammen! Vorab erlaubt ihr mir bitte eine kurze Bemerkung (und entschuldigt gleichzeitig die Wortwahl): Das mediterrane Klima ist einfach nur geil! Ehrlich, anders kann man es tatsächlich nicht sagen. Ich sitze hier um halb sieben Uhr abends in Trägerhemd und aufgerollten Jeans auf dem bereits beschriebenen Balkon meiner neuen Wohnung. Vor mir erstreckt sich strahlend blauer Himmel über tiefblauem Meer und unter mir tobt das neapolitanische Leben. Kurz gesagt: Ich habe keine Ahnung, warum Gott in Frankreich lebt, denn hier lässt es sich auch ganz gut aushalten ;-) Gestern war also großer Umzugstag. Zunächst musste ich mir allerdings erstmal Bettwäsche zulegen. Und hier kommt Ihre 500.000€ Frage: Was heißt Bettwäsche auf Italienisch? Ich habe immer noch keine Ahnung, aber mit drauf zeigen und dem Satzbrocken „per un letto singolo“ ging es dann doch irgendwie – zwar etwas überteuert und mit feschem Fallschirmspringer-Aufdruck, aber was soll’s, ich war jung und brauchte was zum drin Schlafen. Der Umzug selbst war dann eine einzige Tortur. Nachdem ich mich von Nick und Jess (zwei sehr netten Australiern aus der Jugendherberge) verabschiedet hatte, ging es mit ca. 40kg Marschgepäck zunächst zum Funicolare (einer Art unterirdischer Bergbahn), dann in die Metro, und schließlich zu Fuß das letzte Stück bis in die Via Naccherino. Da mein Koffer aufgrund des Gewichts nur zu rollen war, habe ich auf dieser Strecke festgestellt, dass Neapel ganz schön behindertenunfreundlich ist. Zwar gibt es in den Metrostationen Rollstuhlrouten – diese sind aber praktischerweise nur über Stufen zu erreichen. Und davon gibt es in dieser Stadt SAUVIELE. Außerdem hat die Straße, in der ich nun wohne, ein bisschen Mount-Everest-Charakter, daher habe ich heute Schwielen an der rechten Hand, das linke Handgelenk steht kurz vor der Sehnenscheidenentzündung, mir tut der Rücken weh und meine Schultern sind tierisch verspannt. Als ich nun endlich schweißgebadet mit meiner Ladung an der Tür klingelte, öffnete mir Alessia mit den Worten: „Das ist alles, was du hast?!“ Nachdem ich angefangen hatte, meine Sachen auszupacken, hab ich auch so langsam verstanden, was sie meinte: Es ist doch irgendwie deprimierend, wie wenig man von seinem Leben in so einen Koffer quetschen kann. Mein Zimmer wirkte mit den paar Sachen im Schrank wie eine Gefängniszelle, ich war körperlich völlig am Ende – und schwupps, kam auch schon die erste Heimwehattacke. Ich hätt’ heulen können, hab es aber dann doch nicht getan und mich statt dessen zusammengerissen und erstmal ausgiebig geduscht. Ich muss sagen, dass ich in solchen Momenten extrem dankbar für meine Kanada-Erfahrungen bin, da ich während dieses Jahres gelernt habe, mich jeden Tag neu zu motivieren und mir klar zu machen, dass das Heimweh nur dann kommt, wenn ich körperlich völlig fertig bin oder Langeweile habe. Und vor allem weiß ich Eins: Wenn du dir nichts sehnlicher wünschst, als zu Hause anzurufen, kannst du nichts Schlimmeres tun, als zu Hause anzurufen. Für alle, denen so Etwas noch bevorsteht: Tut es unter keinen Umständen! Es macht das Heimweh garantiert tausendmal schlimmer! Also habe ich mich erstmal vor den Spiegel gestellt und ein bisschen Lachtherapie gemacht (wenn man lächelt, werden Glückshormone freigesetzt und angeblich kann der Körper dabei nicht zwischen einem echten und einem falschen Lächeln unterscheiden. – Hab ich jedenfalls mal irgendwo gehört.). Tja, und dann kam auch schon Alessia an mit dem Angebot, uns ein bisschen Pasta zum Abendessen zu machen, was ich dankend annahm. Zwischendurch haben wir italienische Nachrichten geguckt und gemeinsam das Ableben Pavarottis bedauert (sie anscheinend etwas mehr als ich. Ich meine, er war relativ alt, hat eine lange Karriere gehabt, ziemlich ungesund gelebt, und am Ende nicht mehr wirklich toll gesungen. Naja, de mortuis nil nisi bene. – Das war’s übrigens auch schon mit meinem Latein.). Beim Essen hat mir Alessia dann erstmal ausgiebig von ihrem Freund Davide vorgeschwärmt. Also, ich muss sagen, er wirkt unheimlich nett und hilfsbereit (er programmiert und testet Computer – sowas sollte man sofort heiraten!). Außerdem ist er sehr musikbegeistert und hat ungefähr den gleichen Musikgeschmack wie ich – folglich kann er kein schlechter Mensch sein ;-) Laut Alessia waren die beiden schon mal zwei Jahre zusammen, haben sich dann getrennt und elf Jahre lang nicht gesehen. Vor fünf Monaten sind sie sich dann zufällig in einer Bar begegnet und es hat sofort wieder gefunkt. Und da soll noch mal Einer sagen, wahre Liebe gäbe es nicht! Selbst die Zynikerin in mir musste bei der Geschichte ein wenig verträumt seufzen… Nun ja, und zum Abschluss dieses Abends beschloss ich, ein wenig Lerneifer an den Tag zu legen und mir das italienische Fernsehprogramm reinzuziehen, während Alessia sich zum Lernen in ihr Zimmer zurückzog. Habe schließlich „Ghost Whisperer“ auf Italienisch geguckt. Dazu nur drei Bemerkungen: 1.) Wer Jennifer Love-Hewitt allen Ernstes als „Schauspielerin“ bezeichnet, sollte dringend mal das Wort im Lexikon nachschlagen. 2.) Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Serie nicht in einer Sprache ertragen könnte, die ich tatsächlich verstehe. 3.) Der Plot war so spannend, dass ich kurz vor Schluss (sprich um 22.00 Uhr) eingenickt bin und beschlossen habe, ins Bett zu gehen. Nun aber mal zu wichtigeren Themen: Heute war mein erster Arbeitstag. Nach knappen 5 Minuten Fußweg habe ich mich mit Loredana (meiner Betreuungslehrerin) vor der Schule getroffen und es begann der übliche Marathon aus Vorstellen, Händeschütteln, Namenvergessen… Ich glaube, ich habe im Laufe des Vormittags den Rektor, seine Stellvertreterin, mehrere Sekretärinnen und natürlich die restlichen Englischlehrer kennen gelernt. Es war nämlich „Fachkonferenz“. Und ich muss immer noch jedes Mal schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. Eine italienische Fachkonferenz muss man sich nämlich folgendermaßen vorstellen: 10 Damen sitzen bei 20 Grad allesamt im Pullover um einen viel zu kleinen Tisch herum und tun alle gleichzeitig lautstark ihre Meinung kund. Ich glaube, es ging hauptsächlich um die Festlegung der Minimalanforderungen für verschiedene Jahrgänge…und irgendwann haben sie dann angefangen, lauter zu reden und ab und zu auf mich zu zeigen. Ich nehme also an, es ging darum, was genau ich machen soll und wer mich abbekommt (bzw. aushalten muss). Da sie immer noch alle gleichzeitig geredet haben, kann es natürlich auch um ganz etwas Anderes gegangen sein, z.B. „Wer ist denn das überhaupt?“ „Das ist die neue Sprachassistentin.“ „Warum grinst die so dämlich?“ „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie sich kürzlich einem kosmetischen Eingriff unterzogen und kriegt jetzt die Mundwinkel nicht mehr runter.“ „Bist du sicher, dass das kein Hund ist? Es guckt nämlich immer so verständnislos und gleichzeitig erwartungsvoll, wenn es seinen Namen hört…“ Naja, nach einer Weile haben sie dann netterweise Englisch mit mir geredet, um herauszufinden, ob ich tatsächlich so unintelligent bin, wie es den Anschein hatte. Dann haben sie sich wiederum gestritten, ob ich hauptsächlich Grammatik, Konversation oder Literatur unterrichten soll. Im fünften (und letzten) Jahr des Liceo nehmen sie wohl ziemlich rigoros englische Literatur von der Romantik bis zur Moderne durch. Und da ich ein gewisses Interesse für Literatur angemeldet hatte, schlugen dann einige Kollegen vor, ich könnte doch ohne Weiteres mit den Schülern über Wordsworth, Shelley oder Joyce diskutieren. „Ja, klar.“ – sprach’s… und beschloss insgeheim, die Werke besagter Autoren tatsächlich mal zu lesen. Ähem… Nach dieser interessanten Erfahrung zeigte Loredana erstmal Anna (einer anderen Kollegin, die neu an der Schule ist) und mir das Gebäude. Es gibt einen Videoraum, einen Computerraum, in dem ich jederzeit ins Internet kann (juhu!) und eine sehr kleine Bücherei. Ansonsten ist die Schule nicht besonders gut ausgestattet. So ungefähr wie das Gymnasium Winsen, bloß mit kleineren Tafeln. Jedenfalls kann ich die Powerpoint-Präsentationen, die ich beim Schulpraktikum in England letztes Jahr anfertigen musste, hier komplett vergessen. Naja, das hat für ein Computergenie wie mich natürlich auch so seine Vorteile. Um kurz nach elf war der ganze Zirkus auch schon wieder vorbei und Loredana eröffnete mir, dass ich erst wieder am Freitag (dem ersten offiziellen Schultag) erscheinen müsse – sprich: Ich habe jetzt eine ganze Woche lang frei. Werde mir also demnächst mal ein Touristenprogramm zusammenstellen, denn bisher habe ich weder die Sehenswürdigkeiten der Stadt, noch Pompeii, noch den Vesuv, noch die Golfinseln wirklich wahrgenommen – also wird es höchste Zeit, dass ich dies nachhole, damit ich zukünftigen Besuchern dann auch ein bisschen Ortskunde vortäuschen kann… Den Rest des heutigen Tages habe ich damit verbracht, erste lebensnotwendige Einkäufe zu machen und den Stadtteil Vomero näher zu erkunden. Scheint in der Tat ein recht nettes Viertel zu sein – mit Fußgängerzone und vom Einkaufsangebot durchaus mit Hamburg oder Lüneburg vergleichbar. Bin auf meiner Entdeckungsreise natürlich zwangsläufig irgendwann in einem großen CD-Laden gelandet und habe mit Schrecken festgestellt, dass Tokio Hotel mittlerweile sogar in dem Land, wo die Zitronen blühen, als „empfehlenswerte Neuheit“ gehandelt werden. Da flieht man schon ins Ausland und sie holen einen trotzdem noch ein. *schauder* Abschließend noch ein paar Sätze zur italienischen Sprache (und dann ist dieser Mammuteintrag auch wirklich vorbei – versprochen.). Obwohl ich immer noch viel rumstottere und mir jedes zweite Wort fehlt, habe ich den Eindruck, dass sich langsam aber sicher italienische Ausdrücke und Strukturen zaghaft in meinem Gehirn festsetzen. Ich führe jedenfalls ab und zu bei meinen Streifzügen durch die Straßen Selbstgespräche und überlege ständig, wie ich dieses oder jenes auf Italienisch sagen würde – was ja der Sprachaneignung nur förderlich sein kann. Außerdem bin ich hin und weg vom wunderschönen Klang dieser Sprache. Die Leute hier drücken sich doch tatsächlich unbewusst unglaublich lyrisch aus. Wenn z.B. eine Mutter im Supermarkt ihrem Sohn zuruft: „Vieni! t’affretta!“ („Komm, beeil dich!“), habe ich für den Rest des Tages Maria Callas mit der Arie aus Verdis „Macbeth“ im Ohr – und könnte vor Verzückung quietschen Für alle, die sich bis hierhin tapfer durchgeschlagen haben, hier noch meine italienische Adresse: Emily Oliver c/o Alessia Iannotti Via M. Naccherino 4 80128 Napoli Italien Post ist jederzeit willkommen! Und alle, denen ich so voreilig meine Adresse per SMS mitgeteilt hatte, beachten bitte die Änderung der Postleitzahl (80128 statt 80131)!
10. September 2007 Eine knappe Woche Italien ist herum und ich lebe noch. Gerade noch In letzter Zeit ist mal wieder Achterbahn der Gefühle angesagt. Fühle mich sehr an die erste Zeit in Kanada erinnert, da ich immer wieder am Abgrund des Heimwehs wandele, aber dann wieder Phasen erlebe, in denen es mir total gut geht. So auch dieses Wochenende… Am Samstag habe ich ein bisschen Sightseeing betrieben: Erst war die Villa Floridiana dran (ein sehr schönes Anwesen hier in der Nähe, mit wunderschönem Ausblick auf Neapel) und anschließend das Castel Sant’Elmo – eine wuchtige alte Burg, die sich hoch über Neapel erhebt und ein ziemlich beeindruckendes Panorama bietet. Obwohl es herrlichstes Wetter war und man sich wirklich keinen schöneren Anblick wünschen könnte, hatte ich doch den ganzen Tag lang mit Heimweh zu kämpfen. Merke jetzt, dass verreisen mir eigentlich nur Spaß macht, wenn ich die ganzen Eindrücke mit jemandem teilen kann. Obwohl ich seit Jahren immer wieder mit dem Gedanken einer Interrail Tour spiele, muss ich doch zugeben, dass mir alleine reisen wirklich nichts gibt. Also sollte es jemals zu dieser berühmten Tour kommen, werde ich mir auf jeden Fall einen Travel Buddy suchen – auch wenn man sich ab und zu auf die Nerven geht, ist es doch was ganz Anderes, wenn man jemanden dabei hat, auf den man sich verlassen kann und der die eigene Sprache spricht… Okay, genug gejammert. Der Rest des Wochenendes war nämlich total schön. Am Samstag Abend eröffnete mir Alessia, dass es eine lange Nacht werden würde. – Und sie hatte nicht gelogen. Zunächst waren wir mit Davide in einer Art Irish Pub (habe noch nie so viele Guinness trinkende Italiener auf einem Haufen gesehen!). Dort gesellten sich dann nach und nach Davides Freunde zu uns. Und da er im August Geburtstag hatte, gab’s erstmal Geschenke von allen Seiten. Als er sie auspackte, wurde mir allmählich klar, dass ich mitten in eine Comic Fan Convention geraten war: Seine Freunde wirken allesamt wie die hochintelligenten Kinder und Computerfreaks, die früher in der Schule ausgegrenzt wurden, und sich stattdessen in Comicbücher flüchten. Davide hat sich jedenfalls total über irgendeine Plastikfigur gefreut, die man ihm geschenkt hat. Und sein bester Freund sammelt Würfel. *lach* Da fühlte ich mich doch ein wenig an England und meine Cherrywood-Avenue-WG erinnert, deren Mitglieder sich auch für jeden Fantasy-Scheiß begeistern konnten und bereit waren, Unsummen dafür auszugeben… Wo ich jetzt aber so gemein über Davides Freunde abgelästert habe, muss ich doch sagen, dass sie mir alle sehr sympathisch waren. Habe mich vor allem mit seiner besten Freundin unterhalten (deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe *seufz*). Die arbeitet für Amnesty International und spricht daher sehr gut Englisch. Von ihr habe ich außerdem erfahren, dass die gesamte Clique total in Schottland vernarrt ist. Sie waren jedenfalls schon mehrmals da, so auch in diesem Sommer. Auf die zwangsläufige Frage: „Wer fährt denn im Sommer nach Schottland, wenn er doch jederzeit im Mittelmeer baden könnte?“, wusste sie keine überzeugende Antwort, außer dass ihr die Landschaft gut gefällt. Nun ja, Jedem das seine… Später am Abend kamen dann noch Alessias Freunde hinzu. Die sind zwar sehr viel schicker und modebewusster als Davides Clique, aber trotzdem sehr nett und immer bemüht, mit mir ins Gespräche zu kommen (was gar nicht mal so einfach ist, da ich nur jedes dritte Wort verstehe und man mir jeden Satz mehrmals wiederholen muss, bevor der Groschen fällt). Ihre beste Freundin, Marina, hat mir jedenfalls mehrmals versichert, dass ich „total sympathisch“ bin – na, das lässt doch hoffen, dass ich hier irgendwann richtig Anschluss finden werde Zusammen mit diesem Freundeskreis waren wir dann noch „auf Piste“, sprich: in irgendeinem Club ziemlich weit außerhalb von Neapel, wo die ganzen Mitt-Dreißiger zu Popmusik aus den 80ern abgehottet sind. Also, ich fand’s lustig ;-) Anschließend (sprich: gegen halb 4 Uhr morgens) hat uns Marinas Bruder, Sergio, noch allen Kaffee und Croissants ausgegeben, da er Namenstag hatte (ist wohl so Tradition hier). Der Laden, in dem dies geschah, hatte übrigens den klangvollen Namen „Up Down Coffe“ (ja, mit nur einem „e“) – was das genau heißen soll, weiß kein Mensch. Habe mich als Ausländerin geoutet und einen Cappuccino bestellt, da ich vom italienischen hardcore Kaffee immer noch Herzrasen bekomme – vor allem, weil man ihn als richtiger Italiener „stürzen“ muss (egal wie heiß oder wie stark, in 1-2 Sekunden muss das Zeug weg sein). Kurz vor fünf Uhr morgens bin ich dann dankend ins Bett gefallen, mit der festen Absicht, mich die nächsten zehn Stunden lang nicht mehr zu regen. Daraus wurde allerdings nichts. Um halb elf klopfte Alessia an meine Tür und erklärte, dass wir um kurz nach elf alle zusammen „al mare“ fahren würden. Also, blitzschnell geduscht, Strandsachen zusammengesucht, schlaftrunken mehrere Türen eingerannt, und schon ging’s los. Soweit ich das verstanden habe, sind wir nach Capo Miseno (nördlich von Neapel) gefahren, wo es einen wunderschönen Sandstrand mit glasklarem Wasser gibt. Unterwegs wurde noch schnell gefrühstückt (sprich: Kaffee und Croissants) – und da Sergio immer noch Namenstag hatte, musste er auch dieses ausgeben Einen Vorteil bringt die keltische Abstammung allerdings doch mit sich: Als wir das erste Mal im Wasser waren, fiel mir irgendwann auf, dass ich nur noch mit den Jungs (Davide, Sergio und Flavio, Marinas Freund) unterwegs war, während Alessia und Marina sich noch kreischend im seichten Wasser aufhielten. Laut eigener Aussage war ihnen das Wasser zu kalt. Kalt! Ha! Das Meer hat hier mindestens 20-25 Grad! Naja, ich hab ihnen vorgeschlagen, dass wir irgendwann mal alle zusammen im September in der Nordsee baden gehen… Bevor auch dieser Eintrag sich dem Ende neigt, noch ein paar Worte zu den ganzen Italienern, die ich dieses Wochenende kennen gelernt habe. Es hat mich wirklich beeindruckt wie offen, herzlich, humorvoll und großzügig die Leute hier sind. Alessias Freunde Marina und Sergio sind mir z.B. absolut sympathisch. Die beiden sind total witzig und nett, und man kann sich mit ihnen über alles Mögliche unterhalten. Marina hat genau wie Alessia Literatur studiert, während Sergio Philosophie studiert hat. Allerdings arbeiten jetzt wohl beide seit Jahren im Callcenter, da es in Neapel unheimlich schwer ist, eine feste Arbeitsstelle zu finden. Da hat Davide wirklich Glück gehabt mit seiner festen Arbeit als Graphiker und Computertester. Mir ist übrigens endlich eingefallen, an wen mich Davide erinnert: an Dustin Hoffman in „Rain Man“! Das soll jetzt nicht heißen, dass er irgendwelche autistischen Züge an sich hätte (im Gegenteil: Er ist unheimlich lieb und fürsorglich), aber er sieht ein bisschen so aus und er tanzt auch ein bisschen so ;-) Außerdem hat er anscheinend ein wahnsinniges Talent dafür, sich zu verletzen. Am Samstag hat er beim Telefonieren im Auto eine falsche Bewegung gemacht und konnte daraufhin das gesamte Wochenende seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Und angeblich hat er es vor ein paar Jahren tatsächlich geschafft, sich beim Haaretrocknen zwei Halswirbel auszurenken. Wie genau das gehen soll, hab ich immer noch nicht verstanden. Der einzige Italiener, der mir bisher ein bisschen negativ aufgefallen ist, ist Marinas Freund, Flavio. Der erfüllt meiner Meinung nach so ziemlich alle Klischees eines typischen Italieners. Er hat lange dunkle Haare zum Pferdeschwanz gebunden, das Hemd ist stets mindestens bis zur Hälfte aufgeknöpft, er muss sich ständig präsentieren und in Pose werfen, hat diverse Tätowierungen (u.a. auch das obligatorische Arschgeweih) und fährt nicht nur wie eine besengte Sau Auto, sondern auch Motorrad (natürlich eine Harley Davidson). Ach, und er arbeitet bei Alpha Romeo. Naja, das alles macht er aber durch seinen Sinn für Humor wieder wett. Wie Marina und er es miteinander aushalten, ist mir allerdings rätselhaft… Ach, und zum Schluss gibt es dann doch noch was Interessantes zu berichten: Emmy hat endlich eine italienische Telefonnummer. Künftig bin ich jederzeit unter folgendem Anschluss zu erreichen: 0039-3484685098 Habe es doch tatsächlich geschafft, der Dame bei Vodafone zu verklickern, dass ich erstens eine SIM-Karte haben wollte und dass ich zweitens damit ins Ausland telefonieren können möchte. Allerdings habe ich den Fehler gemacht, erst um 14:30 Uhr in die Stadt loszuziehen. Tja, da musste ich dann erstmal feststellen, dass die Geschäfte hier alle von 14:00 bis mindestens 15:30 geschlossen haben. Naja, besser ist das – mir geht sowieso langsam das Geld aus…
11. September 2007 Komme mir gerade wahnsinnig kultiviert und gebildet vor. Ja, Freunde der Sonne, ich war heute in Pompeii. Mit der Circumvesuviana Bahn braucht man ab Neapel ca. 45 Minuten bis zur versunkenen Stadt am Vesuv. Und wenn man zwischen 18 und 24 Jahre alt ist und in Besitz eines EU-Passes, kommt man sogar zum halben Preis rein. Nun ja, was kann ich zu Pompeii sagen? Beeindruckend. Wirklich. Zuerst dachte ich: „Juhu. Trümmer. Oh, und da: noch mehr Trümmer!“, aber irgendwann hat mich das Ganze dann doch in seinen Bann gezogen. Ist schon erstaunlich, was die Römer so alles aufgebaut haben; z.B. ein Schwimmbad mit Außenbecken, Kalt- und Warmwasserbecken, Sauna, Fitnesscenter und Massagecenter. Und die Gipsabdrücke der Körper, die vom Vesuvausbruch überrascht wurden, sind schon wahnsinnig interessant, allein weil man sogar die Falten der Kleider und den genauen Gesichtsausdruck der Menschen sehen kann. Irgendwie unheimlich… Habe außerdem das erste Mal in meinem Leben ein antikes Theater in Augenschein genommen, was auch total spannend war (und ja, natürlich musste ich sofort die Bühne stürmen, um mal zu sehen, wie so ein Zuschauerraum auf die Schauspieler gewirkt haben muss. Ziemlich imposant. *schluck*). Naja, und besonders interessant war natürlich auch das pompeianische Bordell mit seinen recht expliziten Mosaiken über jeder Tür. Dazu der furztrockene Kommentar des Audioguide in schönstem Oxford-English: „It is presumed that these mosaics were meant to inspire customers to try out the various positions they present…“ – Herrlich! Die Ausgrabungsstätte an sich war gar nicht mal so überlaufen, wie man mir ausgemalt hatte. Klar, es waren schon einige Gruppen unterwegs (hauptsächlich Australier, Amerikaner, Engländer, Franzosen und Holländer), aber das Gelände ist so riesig, dass man denen gut ausweichen kann. Ich bin jedenfalls der vom Audioguide vorgeschlagenen Tour gefolgt, die laut Faltblatt ca. zwei Stunden dauern sollte. Nachdem ich knappe vier Stunden dafür gebraucht hatte, war ich dann doch froh, nicht die „4-hour-route“ gewählt zu haben. Wahrscheinlich hätten sie mich erst Mitte nächster Woche irgendwo unter einem kleinen Aschehäufchen entdeckt. Im Endeffekt war ich sowieso erst bei Anbruch der Dunkelheit wieder am Hauptbahnhof von Neapel, da ich mal wieder vergessen hatte, dass es hier ab ca. halb acht schlagartig dunkel wird. Dies stellte bei der Navigation des Rückwegs ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, weil ich nur meine Sonnenbrille in meiner Sehstärke dabei hatte. Folglich hatte ich auf dem Rückweg beim Schilderlesen die Wahl zwischen „extrem dunkel“ und „unscharf“. Muss jedenfalls ziemlich dämlich ausgesehen haben, wenn ich an jeder Straßenkreuzung erstmal im Stockdunklen einen auf pseudo-cool machen musste. Übrigens, um noch mal zum Thema des antiken Bordells zurückzukommen… Da ich nach meinem Streifzug durch die Antike ziemlich fertig war, hab ich mich einfach mal spontan vor den Fernseher gefläzt…um mit Erstaunen festzustellen, dass gerade auf drei verschiedenen Programmen Sendungen laufen, in denen sich die Leute gegenseitig auspeitschen. Hmm, das eröffnet doch eine ganz neue Sicht auf die italienische Kultur…
13. September 2007 Thema des Tages: Frustessen. Habe gerade zwei Zwieback mit Nutella verdrückt, dicht gefolgt von einer Portion Vienetta. Warum? Ich will endlich anfangen zu arbeiten. Ich weiß, ich weiß, das muss jetzt allen Daheimgebliebenen wie blanker Hohn vorkommen, wenn sich Klein-Emmy darüber beschwert, dass sie bei 25 Grad im Schatten an der Mittelmeerküste gerade zu viel Freizeit hat – aber es ist tatsächlich so: Ich sehne mich nach einer sinnvollen Aufgabe. Morgen sollte eigentlich mein erster Schultag sein. Daher habe ich nur mal so zur Sicherheit meiner Betreuungslehrerin Loredana heute eine SMS geschickt, in der ich höflich fragte, wann ich denn aufkreuzen solle und wo wir uns treffen. Daraufhin erhielt ich die Antwort, dass sie den Rektor gebeten habe, mir noch bis Montag freizugeben, damit sie mehr Zeit hat, meinen Stundenplan zu organisieren. Ja, kann denn das so schwer sein? Ich soll doch sowieso in der ersten Woche nur bei diversen Lehrern zugucken, um einen Eindruck vom Unterricht zu bekommen. Naja, sie nimmt wahrscheinlich an, dass sie mir damit einen riesigen Gefallen tut, aber ganz ehrlich: Das Letzte, was ich momentan brauche, ist Freizeit. Klar kann ich mir die Zeit mit Sightseeing vertreiben (und in spätestens drei Wochen werde ich mir wahrscheinlich inbrünstig wünschen, mehr Freizeit zu haben), aber erstens kostet das natürlich alles Geld (was mir nach diversen anfänglichen Ausgaben in diesem Monat nicht ganz so üppig zur Verfügung steht) und zweitens fände ich es viel schöner, diese ganzen Sachen zu unternehmen, wenn ich erstmal ein paar Leute kennen gelernt habe. Komme mir so langsam echt blöd vor, wenn ich alleine durch diese ganzen Urlaubsziele streife, an denen lauter Paare händchenhaltend den Sonnenuntergang bewundern. Ja okay, ich weiß, egal wie ich’s drehe und wende, es klingt immer noch nach Jammern ohne Grund. Dazu muss man aber wissen, dass ich im fremdsprachigen Ausland durchaus autistische Charakterzüge entwickle: Nichts macht mich glücklicher, als eine geordnete, verlässliche Routine. Dann geht nicht nur die Zeit schneller rum, sondern man hat auch weniger Gelegenheit, sich dem Heimweh hinzugeben. Ein erster Lichtblick ergab sich gestern Nachmittag, als wir Valeria besucht haben. Valeria ist eine Englischlehrerin an meiner Schule. Ihre Tochter Ilaria (24) macht dieselbe Lehrerausbildung wie meine Mitbewohnerin Alessia, und über diesen Umweg habe ich auch meine Wohnung erhalten. Alessia muss im Zuge ihrer Ausbildung eine Lehrerin interviewen und hat sich dafür eben Ilarias Mutter ausgesucht. Nun ja, Valeria wohnt direkt bei uns um die Ecke, ist eine sehr respekteinflößende Person – und begrüßte mich in wunderschönstem Bilderbuchdeutsch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wohl das tat! Natürlich bin ich in erster Linie hier, um Italienisch zu lernen, aber es freut mich grundsätzlich, Menschen kennen zu lernen, die genau wie ich Deutsch für eine der schönsten Sprachen halten, die es gibt. Valeria hat mir auch sogleich erzählt, dass sie vor Ewigkeiten mal als Fremdsprachenassistentin an einer deutschen Schule gearbeitet hat und dass sie die deutsche Sprache innig liebt. Außerdem spricht sie natürlich noch astreines Englisch, wirkt wahnsinnig intelligent und hat den Ruf, eine sehr strenge, auf Disziplin bedachte Lehrerin zu sein. Ich glaube, diese Frau muss ich mir im Laufe des Jahres zur Adoptivmutter machen ;-) Zusammen mit Valeria werde ich im zweiten und fünften Jahrgang des Liceo tätig sein (das Liceo geht insgesamt fünf Jahre lang, was so in etwa der 8.-12. Klasse entspricht. Übrigens unterrichten alle Lehrer in allen Jahrgängen.). Im zweiten Jahrgang geht’s natürlich hauptsächlich um Grammatik und die üblichen Teenie-Themen, die so gern in den Schulbüchern aufgegriffen werden. Der fünfte Jahrgang klingt allerdings etwas interessanter, da wir George Orwell’s Animal Farm lesen werden. Dieses Buch hat zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: 1.) Es ist kurz. 2.) Ich habe es schon mal vorher gelesen. Naja, Valeria hat mir jedenfalls erstmal ganz viel Lehrmaterial in die Hand gedrückt und so habe ich den heutigen Tag damit verbracht, mir zu überlegen, wie man Animal Farm einer Klasse auf interessante Art und Weise näher bringen kann. Vorschläge sind natürlich jederzeit willkommen…
17. September 2007 Die Zeit des „Carpe diem“ ist vorbei; fortan heißt es „ora et labora“ (wobei es einige Kollegen eher mit dem ora als mit dem labora haben, aber dazu später mehr…). Nachdem ich mich ja in letzter Zeit pausenlos über den Überfluss an Freizeit beschwert habe, kam am Samstag prompt die Quittung dafür. Loredana rief an und teilte mir mit, dass sie jetzt meinen vorläufigen Stundenplan erstellt habe (jauchzet, frohlocket – man mag es kaum glauben!) und dass ich am Montag eine Vertretungsstunde geben müsste. Allein. In der neunten Klasse. In der ersten Stunde. Ach so. Ja klar. Gut, kein Problem. Sowas nennt man, glaub ich, Feuertaufe. Während dieses Telefonats schnellte mein Puls auf ca. 200 und meine Innereien verknoteten sich ein ganz wenig, aber im Grunde war ich doch froh, dass es endlich losgehen sollte. Nun ja, Samstag und Sonntagmorgen noch schnell eine Stehgreifstunde vorbereitet, und Sonntagnachmittag ging’s dann auch schon wieder mit Alessia und Davide zum Strand. Herrlich…! Nachdem Alessia allen erzählt hatte, dass ich am nächsten Tag ganz allein meine Stunde geben müsste, riefen sie mir alle zum Abschied „in bocca al lupo“ zu, was so ungefähr mit „dem Wolf ins Maul“ übersetzt werden kann und wahrscheinlich dem deutschen „in der Höhle des Löwen“ relativ nahe kommt. Soll jedenfalls „viel Glück“ auf Neapolitanisch heißen. Darauf antwortet man übrigens „crepi il lupo“ – auf dass der Wolf krepiere Heute galt es also, Wölfe zum Krepieren zu bringen – und ich glaube, es ist mir einigermaßen gelungen. Bin zwar mittlerweile völlig erschöpft, weil’s heute außerdem plötzlich ca. 30 Grad warm war, aber insgesamt hätte mein Schulstart durchaus schlimmer verlaufen können. Die Neunte schien jedenfalls sehr interessiert und aufgeweckt (wenn auch etwas laut. Mein Gott, was können Italiener quatschen!) und hat ganz gut mitgemacht. Ich hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, was hier so die Unterrichtskonventionen sind – bis nach einer Viertelstunde der Ko-Rektor reinschneite, um ein Merkblatt ins Klassenbuch zu legen, und alle Schüler urplötzlich aufsprangen, um sich geordnet hinter ihren Tischen aufzustellen. Ups…naja, nächstes Mal werde ich sie dann ermahnen, sich am Anfang des Unterrichts hinzustellen und erst auf mein Zeichen hin Platz zu nehmen… Den Rest des Tages habe ich diverse Lehrer in ihre Stunden begleitet und ich muss sagen, mir bot sich im Lauf des Tages ein pädagogisches Pick’nMix. Das Spektrum reicht vom mediterranen „laisser faire“ bis hin zum nordkoreanisch anmutenden Militärregime. Grundlegendes Problem ist die Einrichtung und Ausstattung der Klassenräume, die nur eine winzige Tafel vorweisen. Diese ist Günstigerweise auch noch so angebracht, dass jeweils nur die Hälfte der Klasse tatsächlich lesen kann, was draufsteht. Außerdem sind die Räume gefliest, was sie extrem hellhörig macht. Hinzu kommt der neapolitanische Verkehrslärm von draußen, da die Temperaturen bei geschlossenen Fenstern nicht auszuhalten sind. – Der langen Rede kurzer Sinn: Entweder man sorgt für absolute Stille in der Klasse oder man schreit sich im Laufe des Morgens heiser. Zunächst war Loredana dran. Die ist definitiv eine Vertreterin der „laisser faire“-Fraktion. Soll heißen: Erst wird die Assistentin vorgestellt, dann wird die Klasse aufgefordert, der Assistentin Fragen zu stellen. Auch wenn keine Fragen mehr kommen, fischen wir weiterhin eine halbe Ewigkeit danach („No more questions?…Really?…Are you sure?…Luca, you must have a question…No?…“ *schnarch*). Sodann wird die beste Schülerin (ein unheimlich liebes Mädchen, das in der ersten Reihe sitzt, aufmerksam zuhört, alles mitschreibt und die ganze Zeit total ermutigend lächelt) aufgefordert, ihre Hausaufgaben (einen Aufsatz über den Unterschied zwischen englischen und italienischen Wohnverhältnissen) vor der ganzen Klasse zu verlesen. Dann wird der nächste Schüler aufgefordert, das selbe zu tun. Loredana korrigiert zwei, drei Wörter, dann muss der Nächste nach vorne. Dann der nächste. Und der nächste… Bei Nummer sieben oder acht hab ich aufgehört zu zählen. Ich musste zu viel Energie darauf verwenden, das Zuklappen meiner Augenlider zu verhindern. Während dieser gesamten Prozedur herrschte ein Grundlärmpegel erster Güte (d.h. kein Mensch hat irgendwas von den Aufsätzen der Anderen mitbekommen). Kein Wunder! Bei einer derartigen „Unterrichtsgestaltung“ würde ich auch sofort abschalten. Solche Hausaufgaben sammelt man ein und korrigiert sie zu Hause, wenn einem tatsächlich was daran liegt. Aber halt! Es ging ja noch weiter. Als nächstes Highlight wurde nämlich ein Text über englische Wohnverhältnisse ausgeteilt. Die erste Anweisung, nachdem die Schüler den Text gelesen hatten, lautete: „Tragt bitte die Zeilennummerierung ein und sucht dann die Wörter heraus, die ihr nicht versteht.“ (Und wieder: Zeilennummerierungen trägt man doch vorher zu Hause auf der Kopiervorlage ein, oder?) Danach lässt man dann in aller Ruhe die Assistentin sämtliche Vokabeln erklären. (Loredanas Stunde muss mich übrigens ziemlich an den Rande des Wahnsinns getrieben haben, da ich mich beim Erklären des Begriffs „Skyline“ sagen hörte: „Warte, ich mal dir eine Skyline an die Tafel, dann verstehst du’s.“ – bevor die Stimme der Vernunft mir sanft ins Ohr raunte: „Emmy…du kannst doch gar nicht malen. Kein Stück. Noch nicht mal ein Mondgesicht.“ – Aber da war’s schon zu spät. *seufz*). Fazit: Wenn Loredana weniger Zeit damit verbrächte, allen zu erzählen, wie beschäftigt sie ist, und stattdessen mehr Zeit (oder überhaupt mal Zeit) in die Unterrichtsvorbereitung investieren würde, wäre sie vielleicht nicht permanent heiser. Aber so was verkauft sich ja auch gern als rauchige italienische Stimme mit Sexappeal... Das einzig Gute an dieser Stunde war die Tatsache, dass die Musterschülerin am Ende losgeschickt wurde, um uns beiden einen Kaffee zu besorgen (mittlerweile trinke ich übrigens den richtigen Espresso mit tierisch viel Zucker – genau wie die Neapolitaner. Werde wahrscheinlich nie wieder irgendwo anders in Europa Kaffee trinken können). Viel schlimmer kann’s ja kaum werden, dachte ich nach dieser Stunde. Falsch gedacht. Nächste Kandidatin war nämlich Maria-Grazia. Trotz des klangvollen Namens hat diese Kollegin nicht besonders viel Grazie – und erbarmensreich wie die Mutter Gottes ist sie schon gar nicht. Die Stunde begann mit einer ordentlichen Standpauke, da sich einige Schüler ohne Erlaubnis zum Rauchen in den Hof begeben hatten und anfangs nur 12 von 26 Schülern anwesend waren. Obwohl sie gerechtfertigt war, fand ich diese Standpauke vom Ton her dann doch ganz schön hart, und sie ließ natürlich von Anfang an die Stimmung völlig in den Keller sinken. Diese Oberstufenklasse saß zudem in einem Raum im Kellergeschoss, dessen Wände völlig mit Edding-Gekritzel übersät waren. Das ganze mutete eher wie eine Gefängniszelle an – und einige der Schüler wirkten auch ein bisschen wie Insassen. „O-ha“, dachte ich, „das ist wohl der geistige Abschaum des fünften Jahrgangs.“ Aber weit gefehlt. Als sie mir wiederum Fragen stellen sollten, kam mit den zwei kriminellst aussehenden Jungs ein sehr nettes Gespräch zustande, in dem sie echtes Interesse für meine Antworten zeigten. Als ich z. B. auf die Frage nach meiner Lieblingsmusik das übliche Gestammel anfing: „Well, I like all sorts of music… pop, rock, country (hab ich das grad wirklich zugegeben?! Sag jetzt bloß nicht Céline Dion, sonst bist du unten durch.)…I also like opera…“, unterbrach mich einer der beiden Jungs mit der Zwischenfrage „What kind of opera?“ Daraufhin hab ich ein bisschen übriggebliebenes Bayreuthwissen aktiviert, worauf er antwortete: „Ah, I like opera too. But I prefer musicals.“ – Und das von einem 2-Meter-großen Schrank von einem Kerl. Meine spontane Antwort: „Dir ist schon klar, dass du damit von der gesamten englischsprachigen Welt als schwul eingestuft wirst, oder?!“, konnte ich mir zum Glück verkneifen. Puh! Der restliche Verlauf der Stunde gestaltete sich in etwa so: Maria-Grazia macht der Klasse unmissverständlich klar, dass sie sich schleunigst „Dubliners“ von James Joyce zulegen muss, da wir diese Lektüre demnächst durchnehmen. Sie übergibt mir eine Ausgabe und fängt an, mir stundenlang im Zwiegespräch zu erklären, was ich genau mit der Klasse bearbeiten soll. Derweil fangen die Schüler natürlich an, sich untereinander zu unterhalten. Mitten im Gespräch knallt Maria-Grazias Handfläche mit solcher Wucht auf den Schreibtisch, dass ich mich zu Tode erschrecke und erst nach einiger Verzögerung merke, dass es sich dabei um eine Disziplinarmaßnahme handelt. Diese wird im Laufe des Gesprächs mehrmals wiederholt und mir bleibt jedes Mal das Herz stehen. Fazit: Auch Maria-Grazia scheint so gut wie keine Unterrichtsvorbereitung geleistet zu haben und gleichzeitig so ein mieses Klima in der Klasse zu schaffen, dass sie sich dadurch unnötig Probleme schafft. Das klingt jetzt alles sehr altklug und natürlich bin ich nicht so naiv zu denken, alle Schüler seien kleine Engelchen, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich mit einem Lächeln und interessantem Unterricht bei dieser Klasse schon Einiges erreichen kann. Die letzte Stunde hatte ich zum Glück mit Valeria in der Klasse, in der ich schon die Vertretungsstunde gegeben hatte. Valeria ist – wie erwartet – streng, aber fair. Die Schüler halten den Mund, wenn sie nicht dran sind, und machen bei Aufforderung aktiv mit. Außerdem hat Valeria eine schöne Redensart für die neunte Klasse parat: „Euer Englischbuch ist wie eure Verlobte: Man vergisst es nicht und man teilt es nicht.“ Zur Hälfte der Stunde überlässt sie mir das Feld und gibt mir freie Hand, neue Vokabeln einzuführen. Und zu guter Letzt bittet diese Frau ihre neunte Klasse um Feedback: „Was war gut an der Stunde? Was war eurer Meinung nach verbesserungsfähig?“ – Da fühlt sich der Schüler doch fast schon, als wäre er ein vollwertiger Mensch… Nun ja, morgen erfahre ich dann, wie Anna (die Kollegin, die neu an der Schule ist) ihren Unterricht schmeißt. Sie ist mir trotz einiger Ecken und Kanten bislang jedenfalls sehr sympathisch. Heute Morgen im Lehrerzimmer reichte sie mir vor der ersten Stunde die Hand, zog mich zu sich hin und raunte mir verschwörerisch ins Ohr: „So, how do you feel?“ Worauf ich mit „Pretty nervous…?“ antwortete. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob auch diese Frau im Klassenzimmer einen totalen Persönlichkeitswandel erlebt… Danach bin ich mit Valeria in der Oberstufe mit Animal Farm zu Gange, worauf ich mich schon ein bisschen freue Unterwegs hätte ich übrigens beim Buchhändler am Straßenrand zum Schnäppchenpreis von 5€ eine Ausgabe von „Mein Kampf“ erstehen können. Ob auf Deutsch oder Italienisch, habe ich nicht nachgeprüft, da ich zu viel Angst hatte, von Schülern oder Kollegen beim Schmökern in Klassikern der Naziliteratur ertappt zu werden. Was war noch? Ach ja, ich habe Loredana während unserer Kaffeepause heute Morgen nach den Ferienterminen gefragt. Die Osterferien gehen vom 20. bis 25. März. Mir klappte die Kinnlade runter. Erst nach mehreren Rückfragen und unter Zuhilfenahme eines Kalenders war ich bereit, zu glauben, dass sie hier tatsächlich nur fünf Tage Osterferien bekommen. Fünf verdammte Tage!!! Dabei wollte ich doch in dieser Zeit entweder mit meiner Mom durch Italien reisen oder zu diversen Unibewerbungsgesprächen in England antanzen. *seufz* Zu guter Letzt noch ein kleiner Spruch, den ich während meiner ersten Tage im Hostel aufgeschnappt habe (leider krieg ich ihn nicht mehr ganz zusammen): Heaven is where… … the cooks are Italian. … the tax collectors are Greek. … the police are English. … the mechanics are German. … And it is all organised by the Swiss. Hell is where… … the cooks are English. … the tax collectors are Swiss. … the police are German. … the mechanics are Greek. … And it is all organised by the Italians. |
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