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Sommer vorm Balkon17. Juni 2008
Der Sommer ist da! Juhu! Und zwar mit voller Wucht. Soll heißen: jeden Tag strahlend blauer Himmel und ca. 30 Grad. Und das Beste daran? Ich habe endlich mal Zeit, dieses Wetter zu genießen! Momentan sitze ich übrigens im Zug nach Venedig, um mich dort meiner Chaos-Chorfahrt anzuschließen. Aber bevor dieses Erlebnis über mich hereinbricht, wollte ich noch einmal die Ereignisse der letzten Wochen Revue passieren lassen. Aaalso…
Trinity – oder: Unheimliche Begegnung der dritten Art
Im letzten Eintrag hatte ich ja von den bevorstehenden Prüfungen gesprochen. Nun ja, sie sind alle irgendwie über die Bühne gegangen. Nachdem meine Kollegen mir schon alle möglichen Horrorstorys von der externen Englischprüferin erzählt hatten („È molto precisa. Non è italiana.“ – Sprich: Sie fängt gern pünktlich an.), lernte ich sie schließlich persönlich kennen, als ich zwei Nachmittage lang Aufsicht im Gang führen durfte. Diese zwei Nachmittage brauchte ich auch, um herauszufinden, wie genau die gute Frau denn heißt. Sie stellte sich mir nämlich folgendermaßen vor:
Prüferin: „Hello, I’m Jane Eyre.“ Emmy: „Hi. Nice to meet you.“
(Derweil spielt mein innerer Monolog mal wieder verrückt. – „Jane Eyre?! Moment…da kenn ich noch eine. Kommen Sie zufällig aus Yorkshire? Und haben Sie einen Kerl geheiratet, der ungefähr doppelt so alt ist wie Sie? Dann passen Sie bloß auf, dass sie keine Streichhölzer rumliegen lassen. Sonst fackelt nämlich seine geistesgestörte Ex das Haus ab!“ – Und. So. Weiter.) Währenddessen hat sie mir wahrscheinlich irgendwas wahnsinnig Wichtiges über die Prüfungen erzählt, aber ich hab’s (verständlicherweise) nicht mitbekommen. Nun ja, nach zwei Tagen des Kopfzerbrechens („Wer nennt seine Tochter bitte Jane Eyre??!“) bekam ich schließlich einen offiziellen Wisch mit ihrem Namen drauf zu sehen. Man lese und staune: JANIA heißt sie. Ach so. Wie Janina ohne N. Hätte sie ja auch gleich sagen können. Prüfungstechnisch war in meiner Gruppe soweit alles in Ordnung. Ein Einziger meiner Schüler ist durchgefallen – dafür hat eine andere Schülerin mit Auszeichnung bestanden. Alle anderen haben’s ganz normal gemeistert. In meinem mathematisch unbegabten Hirn ergibt das plus-minus Null. Und wenn ich ganz großes Glück habe, werde ich irgendwann in den nächsten 20 Jahren sogar von der Schule für meine hochqualifizierten Sprachstunden bezahlt. Das Nette an der Nachmittagsaufsicht war, dass ich endlich mal Zeit hatte, außerhalb des Unterrichts mit meinen Schülern auf italienisch zu reden und sie ein bisschen kennen zu lernen. Das Dumme an meiner strikten „Wir sprechen im Unterricht nur Englisch“-Politik ist nämlich leider, dass die meisten Schüler sich wirklich nur an den Unterrichtsstoff halten und man nie irgendwas Persönliches über sie erfährt. – Aber genug gemeckert. Es folgte nämlich ein recht spontanes Wochenende in…
Bari – „Ladies and Gentlemen, please take off your phones…“
Es begab sich nämlich zu der Zeit, dass meine Bayreuth-Freundin Antje (die eigentlich aus Wilhelmshaven kommt und anschließend in Leicester „Arts Management & Dance“ studiert hat) mir per StudiVz mitteilte, dass sie als Choreografin auf dem Festival junger Künstler in Bari ihre Abschlussarbeit präsentieren würde. Da Bari nur drei Zugstunden von Neapel entfernt liegt und ich Antje seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen hatte, beschloss ich, mich den jungen Künstlern ein Wochenende lang anzuschließen. Ein überaus vorteilhafter Beschluss, wie sich herausstellen sollte. Das gesamte Wochenende stand nämlich unter dem Motto: „Wie beute ich möglichst viele europäische Kunstsponsoren gleichzeitig aus?“
- Beispiel 1: Antjes Hotelzimmer wird vom Arts Council England bezahlt. Emmy schläft als „blinder Passagier“ zwei Nächte im selben Bett und labt sich morgens unbehelligt am Frühstücksbuffet. - Beispiel 2: Alle teilnehmenden Künstler können kostenlos alle Transportmittel der Stadt nutzen. Da wir in Italien sind, kontrolliert keiner die Teilnehmerpässe. Ergebnis: Emmy zahlt auch hier nix. Gleiches gilt für den Eintritt in die Biennale. - Beispiel 3: Alle Künstler bekommen kostenlose Essensmarken für Mittag- und Abendessen auf dem Ausstellungsgelände. Da wir in Italien sind, beinhaltet das einen „primo piatto“ (Nudeln) und einen „secondo piatto“ (Fleisch, denn Vegetarier haben’s in diesem Land echt schwer). Da Antje Vegetarierin ist, überlässt sie mir großzügig ihren Hauptgang, sodass ich auch für Essen keinen Pfennig ausgeben muss.
Und so kam es, dass ich ein sehr nettes Wochenende mit Antje, ihren fünf Tänzerinnen und ihrem Komponisten verbringen durfte und mir gleichzeitig alle möglichen zeitgenössischen Kunstprojekte reinziehen konnte (wobei mich Antjes Choreografie sehr beeindruckt hat. Zu sehen übrigens hier: http://www.ukyoungartists.co.uk/artists.html). Außerdem wurden wir am zweiten Abend alle von Antjes Uni-Tutoren zum Essen eingeladen. Immerhin konnte ich mein schlechtes Gewissen über diese unverdiente Großzügigkeit etwas beruhigen, indem ich mich als Dolmetscherin nützlich machte. Alles in allem ein gelungenes Wochenende. – Thanks, Antcha!
Nach meiner Rückkehr von der Adria-Küste war eine Woche lang Strand und Party angesagt. Zunächst war ich mit Nathan, Martina und Alison in La Gaiola, einer felsigen Bucht in Neapel, in der man sehr schön baden kann.
Hier trafen wir auch zufällig Mery, die Freundin von Nathans Mitbewohner Fabio. Diese Beiden schlugen uns ein paar Tage später vor, mit ihnen zu einem Konzert am Strand zu fahren. Nach einer kleinen Irrfahrt durch die neapolitanische Peripherie erreichten wir schließlich den richtigen Strandclub und es stellte sich heraus, dass wir auf einem Techno-Konzert des Londoner Duos „Too Many DJs“ gelandet waren. Ja, richtig, Emmy hat einen ganzen Abend lang Techno gehört. Und am Strand dazu getanzt. Rückkehr gegen 6 Uhr morgens.
Am nächsten Abend trafen wir uns alle bei Alison, um sie und Martina mit einer ordentlichen Party zu verabschieden. Eine bunte Mischung aus Italienern, Briten und Amerikanern begab sich in den Club „L’Arenile“, wo wieder die ganze Nacht lang durchgetanzt wurde. Diesmal allerdings zu 80er und 90er Musik – sprich: Emmy konnte mitsingen
Kaum 12 Stunden später versammelten wir uns alle schon wieder bei Nathan, um mit seinen Mitbewohnern in den kleinen Ort Somma Vesuviana zu fahren, wo jedes Jahr am 31. Mai die „Festa della Tammorra“ gefeiert wird. Die Tammorra ist ein großes Tamburin und bei diesem Fest handelt es sich um eine Art „Tanz in den Juni“ mit viel traditioneller süditalienischer Musik, Gesang, Tanz, Kastagnetten und köstlichen einheimischen Produkten, die überall verkauft wurden (z.B. 1 Becher Rotwein = 50 Cent). – Ein wirklich wunderschöner Abend, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Am nächsten Tag hieß es dann Abschiednehmen von Martina. Aus diesem Anlass hatten wir uns alle vorgenommen, in altenglischer Kolonialmanier ein schönes Picknick in der Villa Communale (einem der wenigen Parks von Neapel) zu veranstalten. Allerdings fing es während des Picknicks immer wieder an leicht zu nieseln, sodass wir schließlich beschlossen, Martinas letzte Stunden in Neapel auf ihrem Bett zu verbringen und Disneys „Aladdin“ zu gucken (wobei sich herausstellte, dass Nathan jedes einzelne Lied mitsingen kann
Tja, da waren’s nur noch vier in unserer Exil-Clique. Ein paar Tage später reiste dann auch noch Alison ab. Jetzt bin ich als Britin in der Minderheit und lege mir so langsam wieder einen amerikanischen Akzent zu.
Abschiednehmen war übrigens auch in der Schule angesagt. Tag für Tag sah ich eine Klasse nach der anderen zum letzten Mal und ich muss sagen, das Ganze ist mir näher gegangen, als ich gedacht hätte. Irgendwie hat man sie dann doch am Ende lieb. Und sie mich anscheinend auch ein bisschen. Einige Klassen waren nämlich wirklich süß. So habe ich zum Beispiel von Valerias 8. Klasse eine neapolitanische Espressokanne geschenkt bekommen, damit ich nie wieder schlechten Kaffee trinken muss. Hier ein paar Fotos von meiner süßen 2A:
Und diverse Klassen haben mich zum Jahresabschlusspizzaessen mit allen Lehrern eingeladen. So auch mein Lieblingsoberstufenkurs, der mir bei dieser Gelegenheit einen Satz Espressotassen geschenkt hat. Dieser Kurs ist mir wirklich ans Herz gewachsen und ich hatte zum Schluss den Eindruck, dass sie viel gelernt haben und tatsächlich dankbar waren für die geleistete Arbeit.
Loredanas 8. Klasse begrüßte mich in der letzten Stunde mit einer selbstgebackenen Nutella-Torte (die Nutella-Passiv-Stunde hat sich also doch gelohnt!) und einer sehr lieben Abschiedskarte.
Und meine lieben Kleinen aus Angelas achter Klasse kamen am Ende der letzten Stunde alle an, um mich einzeln in den Arm zu nehmen. Da musste ich dann doch arg schlucken.
Übrigens hatte ich Valeria für unsere letzte gemeinsame Stunde vorgeschlagen, den lieben Kindern ein bisschen Deutsch beizubringen, was sie begeistert aufnahm. Ich durfte also eine Stunde lang Sätze wie „Ich heiße Emily. Ich komme aus Hamburg. Ich bin 23 Jahre alt.“ wiederholen, wobei ich feststellen musste, dass die deutsche Aussprache für Italiener wesentlich einfacher zu meistern ist als die englische. Nach diesem Erfolgserlebnis betrat ich also am nächsten Tag voller Elan die Schule, um die Klasse der Kollegin Barbara mit einer weiteren Fremdsprache zu beglücken. Diese Klasse unterscheidet sich allerdings von Valerias insofern als sie sich weder 2 Sekunden lang konzentrieren, noch zuhören, noch diszipliniert mitmachen kann. Irgendwann wurde mir das Ganze zu bunt und ich brüllte aus voller Kehle: „RUHE!!! ES REICHTTTT!!!!“ Da starrten mir auf einmal 25 angsterstarrte Achtklässlergesichter entgegen, die sich gerade in einem Kriegsfilm glaubten. In meinem Kopf sang es derweil: „I’ve got the power!“ – Fazit: Ich liebe die deutsche Sprache.
Für alle meine Klassen hatte ich außerdem zum Abschluss einen Fragebogen auf englisch vorbereitet, in dem sie meine Stunden bewerten und ein bisschen über das vergangene Jahr reflektieren sollten. Viele Schüler haben sich wirklich Gedanken gemacht und interessante (wenn auch grammatikalisch katastrophale) Sachen aufgeschrieben. Einige Schüler haben auch sehr charmant herumgeschleimt.
Mein absoluter Favorit unter den Feedback-Bögen war allerdings ein Oberstufenschüler, der auf dem ganzen Blatt nur eine einzige Frage beantwortet hat.
Frage: If you were me, what would you have done differently? Antwort: I would have worn less.
Fazit: Ich hätte doch während des Trinity-Kurses auf den Rat meiner Freundin Nicola hören sollen: „There are two ways of giving a kick-arse English lesson. Make a detailed lesson plan, prepare engaging materials, practice the lesson the day before, give yourself plenty of sleep and enter the class with an enthusiastic smile. – Alternatively, wear a low-cut dress.“
Ach, und natürlich habe ich auch in dieser Woche meine letzten Privatstunden gegeben. Zum Beispiel bei Ricci und Margherita:
…und bei Angelica und ihrem Cousin Francesco (Kiko):
- Wie süß können diese Kinder bitte gucken?!
Gleich nach meinem letzten Schultag bekam ich auch schon wieder Besuch, diesmal von meinem Vater. Obwohl er nur drei Tage hier war, haben wir es doch geschafft ein recht ansehnliches Spektrum an Aktivitäten abzudecken – von Trümmergucken in Pompeji bis zur Bootsfahrt in der blauen Grotte von Capri. Und da das Wetter sehr schön mitgespielt hat, gibt es von diesen Tagen ein paar wunderschöne Fotos. Bittesehr:
PS: Wer erkennt das Kunstzitat in folgendem Bild? (Ich nenne es: "Texter überm Mittelmeer")
Oh, und wo wir gerade bei schönen Fotos sind…
Trekking sui due golfi
Letztes Wochenende machte ich mich mit Kim, Nate, Matt und Brett (zwei weiteren Fullbright-Amerikanern) auf zu einer Wanderung an der Amalfiküste. Wir haben unter anderem den Punkt erklommen, von dem aus man gleichzeitig den Golf von Neapel und den Golf von Sorrento sehen kann, bevor es in einem teilweise recht haarsträubenden Parcours bergab zu der entlegenen Bucht „Baia d’Iervante“ ging. Dort genehmigten wir uns ein wohlverdientes Mittagessen aus typischen Campania-Produkten (Brot aus Matts Nachbarsbäckerei mit Büffelmozzarella und Pecorino, gefolgt von frischen Orangen) und verbrachten den Rest des Tages damit, Kim ins Wasser zu locken („Komm rein, ist total erfrischend!“ „Leute, ich bin am Golf von Mexiko aufgewachsen. Und ich sage euch, dieses Wasser ist EISKALT!“). Schließlich ging es wieder steil bergauf und dann per Bus nach Sorrento, wo wir uns alle erstmal ein Rieseneis bestellten. Obwohl es teilweise extrem anstrengend war, wird diese Wanderung als echtes Highlight meines Jahres in Italien in Erinnerung bleiben. Ach, und außerdem habe ich beschlossen, dass ich irgendwann mal meine Flitterwochen an der Amalfiküste verbringen will. Es ist und bleibt für mich das Paradies auf Erden.
Der kleine Fleck dort oben bin übrigens ich:
So, das war's erstmal. Die nächsten Neuigkeiten kommen dann aus Venedig! Den Kater kriegt man nicht vom Alkohol, sondern vom Aufwachen...10. Mai 2008
Guten Morgen, meine Lieben!
Vielleicht hätte ich euch lieber einen wunderschönen Nachmittag wünschen sollen, denn es ist immerhin schon 14:30 Uhr. Angesichts der Tatsache, dass ich immer noch im Schlafanzug rumhänge, hielt ich erstere Begrüßung jedoch für angebracht. Es ist so ein typischer Samstagmorgen, an dem man gegen 10 Uhr zögerlich die Augen öffnet, weil die Sonne trotz geschlossener Rollläden (mit dreifachem L! Also der Reihe nach: Es fing an mit der SMS von Martina. Ob wir uns nicht alle mit ihrem spanischen Besuch treffen wollten, um erst ein wenig zu quatschen und dann in Chiaia auszugehen. Klar. Bin dabei. Ich machte mich also um 21:30 Uhr auf den Weg zu Martina, um ihre Freundinnen kennen zu lernen. Mit einem zögerlichen „Hola!“ betrat ich die Küche und wurde sofort Carolina, Jolie und Alba vorgestellt, die nicht nur unheimlich nett waren, sondern zum Glück auch sehr gut Englisch sprechen konnten. Nach und nach gesellten sich auch Kim und Alison zu uns und die Spanier statteten uns mit dem unabdingbaren Grundwortschatz fürs Ausgehen in ihrer Sprache aus, der da lautet:
„Yo chiero una cerveca, por favor.“ („Ein Bier, bitte.“) „Te chiero. Te amo. Te adoro…“ („Ich mag dich. Ich liebe dich. Ich vergöttere dich…“) „Es loco!“ („Der spinnt doch!“)
…Wie man „Leck mich am Arsch!“ auf Spanisch sagt, hab ich mittlerweile leider wieder vergessen. (Irgendwas mit „culo“ … hm … egal.) Es folgte ein ausgedehnter Streifzug durch die Kneipenmeile von Chiaia. Das Übel nahm seinen Lauf, als Alison ausrief: „What are you drinking? I’ll buy us a round.“ – Merke: Wenn die Schottin für Getränke sorgt, kann das kein gutes Ende nehmen. Nachdem ich einen nicht unerheblichen Teil des heutigen Tages damit verbracht hab, nachzuvollziehen, was und wie viel ich letzte Nacht konsumiert habe, folgt hier die vorläufige Liste: - 2 Bier (bei Martina) - 1 Rum & Coke - 1 Amaretto & Coke - 1 Whisky & Coke (brrr! *schüttel* Thanks, Alison…) - 2 Gin & Lemon
*hicks* - Oh, Verzeihung. Nun ja, irgendwann im Laufe des Abends geschah es auf dem Weg von einer Bar zur nächsten, dass mir auf einmal eine unvorhergesehene Treppenstufe ans Schienbein gesprungen ist. – Sowas aber auch… Unterwegs wurde viel gelacht, geflirtet und getanzt. Gegen 2 Uhr gesellte sich auch Michele zu uns, den wir vor einer Weile durch Nathan kennen und schätzen gelernt haben. Ich rechne es ihm immer noch hoch an, dass er so gut mit sieben besoffenen, gackernden Mädels fertig geworden ist. Ach, und außerdem hat er mir am Ende des Abends meine erste Fahrt auf einem „Motorino“ beschert
Gegen 4:30 Uhr fiel ich schließlich dankbar ins Bett. Nun zum Rest der Woche:
San Gennaro Day
Letzten Samstag machte ich mich mit Alison auf den Weg in die Altstadt, da ich während des Spanien-Austauschs meiner Schule unsere Stadtführerin gefragt hatte, wann denn die nächste Feier für den Schutzpatronen und wichtigsten Heiligen Neapels stattfände. Antwort: am Samstag vor dem ersten Sonntag im Mai. Folglich musste das dieses Jahr der 3. Mai sein. Nachdem wir verzweifelt alle unsere Bekannten gefragt und sämtliche Zeitungen und Internetseiten nach einer Ankündigung oder gar Zeitangabe für dieses Ereignis erfolglos durchkämmt hatten, beschlossen wir, einfach aufs Geratewohl gegen 11 Uhr in die Stadt zu fahren und vor Ort mal nachzuschauen. – Und da fragt man sich noch, warum Touristen es in Neapel so schwer haben! Ich meine, erstens sprechen wir die Sprache; zweitens sind wir bereits vor Ort; drittens kennen wir ein paar „Einheimische“ und viertens haben wir alle nur denkbaren Medien zur Verfügung – und trotzdem konnte oder wollte uns keine Sau eine Auskunft erteilen! Soviel zum Thema Benutzerfreundlichkeit. Im Dom selbst war tatsächlich gütigerweise eine winzige Tafel angebracht, aus der wir entnehmen konnten, dass die Prozession zu Ehren von San Gennaro um 17 Uhr stattfinden würde. Also beschlossen wir, den Rest des Tages mit Essen und Einkaufen zu verbringen. Es folgte ein unglaublich typischer, ja geradezu klischeehaft süditalienischer Tag. Erst wurden wir beim Panino-Essen von einem sehr gut aussehenden Bäcker angeflirtet, der ständig irgendwelche örtlichen Köstlichkeiten an uns vorbeitrug und uns ganz lieb erklärte, woraus die gemacht seien. Dann gönnten wir uns in der Altstadt ein köstliches Eis (Geschmacksrichtungen: Amarena-Kirsch und Kinderschokolade – mit Schokoladenwaffel Nachdem wir uns dankend verabschiedet hatten, schlenderten wir relativ ziellos durch ein paar Seitenstraßen – und hörten auf einmal wunderschöne Mandolinenklänge! In einem der vielen „bassi“ (Einzimmerwohnungen auf Straßenebene, in denen teilweise 6-köpfige Familien wohnen) saßen tatsächlich zwei alte Männer und spielten seelenruhig Mandoline. Und das sogar sehr gut. Wir lauschten also beide völlig begeistert der wunderschönen Musik, über uns hing die Wäsche sämtlicher Haushalte, ständig fuhren irgendwelche Vespas vorbei – und irgendwie kam man sich so vor, als würde man gerade in „Der Pate“ mitwirken. Allerdings ohne abgehackte Pferdeköpfe und so. (Wofür ich sehr dankbar war.)
Im Laufe des Tages kauften wir außerdem ein paar Sommerkleider für Alison und dringend benötigte neue Schuhe für mich. Tja, und schließlich haben wir es tatsächlich geschafft, San Gennaro in all seiner Herrlichkeit zu bewundern. Übrigens, für alle, die mit der neapolitanischen Kultur nicht so vertraut sind: San Gennaro (zu deutsch: der heilige Januarius) war ursprünglich Bischof in Benevento, bis ihm irgendwelche Wüstlinge den Kopf abhackten und ihn somit zum Märtyrer machten. Angeblich hat eine Frau kurz nach der Exekution sein Blut in einem Gefäß aufgefangen, das später nach Neapel gebracht wurde. In fester Form wird dieses Blut seitdem in einer Kapelle des Doms aufbewahrt und dreimal im Jahr vollzieht sich das sogenannte „Blutwunder des San Gennaro“. Sprich: Ein Haufen Ur-Neapolitaner, die alle behaupten, direkte Nachfahren von San Gennaro zu sein (ähem … schon klar) versammeln sich zum Gottesdienst im Dom und beschwören (oder beleidigen) den Schutzpatronen, sein Blut zu verflüssigen. Ja, genau, das Blut verflüssigt sich. Wenn man Glück hat. In den ein oder zwei Jahren, in denen sich das Zeug (was auch immer es sein mag) nicht verflüssigt hat, ist Neapel von schrecklichen Plagen heimgesucht worden. Müll fällt anscheinend nicht in besagte Kategorie, denn in den letzten Jahren hat sich das Blutwunder immer brav vollzogen.
Schließlich endete dieser typisch italienische Tag mit einem Spontananruf von Sarah aus Orvieto: „Du, mein Handyanbieter hat mir gerade 30€ Guthaben geschenkt. Einfach so!“ – Fazit: Manchmal muss man Italien einfach lieb haben
Und hier die neuesten Highlights aus Emmys täglichem Schulchaos:
Montagmorgen spielte ich mit meinen Schülern mal wieder „If I were a …, what would I be?“. Diesmal allerdings in einer anderen Klasse. Auf Emmys Frage: „What kind of animal would I be?“, prusten die Jungs in der letzten Reihe los: „A butterfly!“ – Jaja, schon klar, Jungs. Verarschen kann ich mich selber... Unbeirrt fahre ich fort: „What kind of film would I be?“. Und ein Schüler antwortet ohne zu zögern: „Scary Movie.“ – Trotz Entrüstungsfaktor musste ich dann doch unwillkürlich lachen.
Montag, 2. Stunde: Emmy betritt den Klassenraum und stellt fest, dass die Oberstufe gerade eine Klausur schreibt – sprich: die Sprachassistentin wird nicht benötigt. Das hätte man mir natürlich auch vorher mitteilen können - aber egal. Die liebe (sprich: furchteinflößende) Kollegin Maria-Grazia erhebt sich, lächelt eiskalt und fragt, ob ich kurz aufpassen könne, während sie sich einen Kaffee holt. Kein Problem. Kaum ist die Tür zu, guckt mich die Klasse mit großen Augen an und zischt wie aus einem Mund: „Emily! Help! Please!“. Ich werfe einen Blick auf den Klausurtext und stelle fest, dass es sich um einen Auszug aus Animal Farm handelt, den wir erst in der letzten Stunde zögerlich angefangen hatten zu bearbeiten. Sprich: Die Schüler können noch nicht mal die Charaktere auseinanderhalten, geschweige denn irgendwelches Hintergrundwissen oder eine schlüssige Interpretation präsentieren. Emmy wägt kurz im Kopf ab: 1.) In vier Wochen bin ich hier weg und die sehen mich nie wieder. 2.) Diese Aufgabenstellung ist unfair und Maria-Grazia einfach nur gemein. Ganz offensichtlich hasst sie Schüler wie die Pest. 3.) Die erste Aufgabe ist eine Inhaltsangabe. Das kann ich mit links. Emmy wirft also einen Blick auf die Tür und holt tief Luft: „Listen. I’m only going to say this once… Ready? In this extract Napoleon carries out the public trial and execution of several animals on the farm. He uses his dogs to threaten and kill the animals. In this context, the dogs can be interpreted as the secret police…“ Und so weiter. Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt: Ich habe einer ganzen Klasse beim Spicken geholfen. – Fazit: Gott sieht alles. Aber er petzt nicht.
Montagabend komme ich gerade völlig gerädert von meinen ganzen Privatstunden nach Hause, als ich eine SMS von der Kollegin Valeria erhalte: „Hallo Emily! Wir haben vor kurzem in der 8. Klasse das Passiv durchgenommen. Könntest du eventuell für morgen eine Stunde zu diesem Thema vorbereiten?“ Aber klar doch. *seufz* In einem Anflug von Kreativität, der mich selbst überrascht hat, setze ich mich also vor den Computer, in der einen Hand ein Nutella-Glas, in der anderen einen Löffel. Am nächsten Morgen stehe ich vor einer Klasse, in der einen Hand den Deckel eines (mittlerweile leeren) Nutella-Glases, und schreibe folgenden Satz an die Tafel: „Nutella is made by the Ferrero company.“ Sodann dürfen die lieben Kleinen auf einem Arbeitsblatt die verschiedenen Stufen des Herstellungsprozesses in die richtige Reihenfolge bringen und anschließend ins Passiv übertragen („The hazelnuts are roasted. When they are almost black, the nuts are separated from their skins…“ etc.). – Fazit: Ich weiß jetzt ganz genau über die Herstellung von Nutella bescheid und kann sogar über die Entstehungsgeschichte referieren - man muss das Passiv ja schließlich auch im past tense können
Am Mittwoch habe ich versucht, meinem tollen Oberstufenkurs Sons and Lovers von D.H. Lawrence schmackhaft zu machen. Da es in diesem Buch stark um den Ödipus-Komplex geht, habe ich ihnen folgendes Video zur Analyse präsentiert:
Und da soll noch mal einer sagen, Literaturunterricht sei trocken und langweilig!
Ende dieser Woche haben übrigens die Trinity Prüfungen begonnen. D.h. ich hoffe und bange, dass meine Schüler alle gut durchkommen. Außerdem darf ich den ganzen Montag- und Dienstagnachmittag in der Schule verbringen, um den Schülern ihre Prüfungsunterlagen auszuhändigen und im Gang für Ruhe zu sorgen. Oh, à propos Trinity Prüfung folgt hier das Peinlichkeitsereignis Nr. 1 der vergangenen Woche: Nach meiner letzten Stunde am Mittwoch kommt eine Oberstufenschülerin auf mich zu. Also, nicht irgendeine Schülerin, sondern eine wahnsinnig gutaussehende, supernette, unheimlich intelligente Schülerin, die in jeder Stunde total lieb lächelt und supergut mitmacht. Besagte Schülerin (sie heißt übrigens Chiara) kommt also auf mich zu, während der Rest der Klasse die Sachen zusammenpackt, und fragt, ob ich morgen möglicherweise ihr Trinity Referat durchgehen könnte. - Emmy: „So, what’s your topic?“ - Chiara: „The history of the …“ (Da wurde es in der Klasse plötzlich so laut, dass ich nichts mehr verstehen konnte.) - Emmy: „Sorry, the history of what?“ - Chiara: „The history of the bikini.“ – Sprach's, und deutete sich dabei zur Verdeutlichung auf die Brust.
…An dieser Stelle brauchte ich ein paar Sekunden, bis sich mein Gehirn wieder einschaltete. Und zwar mit einer dringenden Warnmeldung („Emmy, verdammt! Sie redet noch mit dir! Wo befinden sich die Augen einer Frau...? – Richtig: im Gesicht. Jetzt guck da gefälligst wieder hin!“).
– Fazit: Ich muss dringend dieses Land verlassen, bevor ich ernsthaftes Interesse an Minderjährigen entwickle! What do you do with a B.A. in Drama & Creative Writing?2. Mai 2008
Ja, Freunde der Sonne, es ist soweit. Nach zahllosen Lehr- und Wanderjahren habe ich heute endlich eine Antwort auf diese Frage gefunden. Wer sie wissen will, muss sich allerdings bis zum Ende dieses Eintrags gedulden, da ich weiterhin im Ansatz chronologisch vorgehen möchte, und in der Zwischenzeit so einiges passiert ist. Wer möchte, kann sich beim Weiterlesen den Soundtrack zum Musical „Avenue Q“ runterladen, aus dem die Titelzeile entnommen ist.
(What do you do with a B.A. in English? What is my life going to be? Four years of college And plenty of knowledge Have earned me this useless degree. I can’t pay the bills yet, Cause I have no skills yet. The world is a big scary place. But somehow I can’t shake The feeling I might make A difference to the human race…)
Äh…wo war ich? Ach ja, Chronologie, Emmy, Chronologie…
Hablas espagnol? No, ma yo comprendo… un pochito zumindest
Keine Angst; Emmy hat nicht plötzlich das Land gewechselt. Im Gegenteil: Die Spanier sind zu uns gekommen. Eine Woche lang war eine 10-köpfige Schülergruppe aus Ibiza zu Besuch am Liceo Alberti. Zwei Tage vorher hatte mich Loredana nebenbei während einer Unterrichtsstunde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei der Betreuung des Austauschs mitzuhelfen. Als ich zusagte, wusste ich noch nicht, was „Betreuung“ auf italienisch heißt: Jeden Morgen erst ein paar Stunden im Computerraum rumhängen, während die Schüler eigenständige Gruppenarbeit leisten, dann eine kostenlose Führung durch das Archeologische Museum, den Botanischen Garten oder die historische Altstadt mitmachen, ab und zu die Schüler ein bisschen vorantreiben („Andiamo, ragazzi! … Vamos, chicas!“ etc.). Dann ab nach Hause. – Ganz ehrlich: Life could be worse. Zwar war es letztendlich eine sehr zeitintensive und schlaflose Woche, da ich direkt von irgendwelchen Exkursionen zur nächsten Privatstunde und von dort zur Essensverabredung mit den Lehrern hetzen musste, aber ich habe die ganze Woche keinen Pfennig für Essen ausgegeben, da mittags das Lunchpaket von der Schule gestellt wurde und abends immer auf Kosten eines netten Kollegen im Restaurant gespeist wurde. Fazit nach einer Woche Austausch: Neapolitaner und Ibizaner (Ibizesen?) sind sich vom Temperament her sehr ähnlich (sprich: Ich war die Einzige, die bei den Führungen zugehört hat); die spanischen Kolleginnen (Anna und Neus) waren in Englisch wesentlich fitter als meine italienischen Kolleginnen – ihre Schüler hingegen waren aus ungeklärter Ursache noch schlechter als die Italiener; und – erfreulich-überraschende Entdeckung – nach einem Jahr des täglichen Italienischsprechens und –hörens kann ich auf einmal Spanisch verstehen. Sprechen kann ich es nicht, aber nach der Führung durch das Archeologische Museum war ich völlig begeistert, dass ich die Ausführungen über griechische Mythen und kunsthistorische Details zumindest im Ansatz verstanden hatte. – Fazit des Fazits: Das Spracharsenal der Emily O. aus W. an der L. weitet sich immer mehr aus… Hier ein paar Eindrücke vom Austausch:
Auf dem zweiten Bild seht ihr übrigens meine Betreuungslehrerin Loredana (r.) im Gespräch mit der spanischen Kollegin, Neus.
„Cercasi David“ – oder: Frischzellenkur in Orvieto
Mitte April nutzte ich die Gelegenheit drei schulfreier Tage zu einem Gegenbesuch bei Sarah in Orvieto (also, nicht Hamburg-Sarah, sondern Regensburg-Sarah. Ach, ihr wisst schon, wer ihr seid.). Übrigens, Grund für den unerwarteten Schulstundenausfall: die italienischen Parlamentswahlen. Ja, ihr habt richtig gelesen.
Meine Schule wurde als Wahllokal genutzt, sprich: Samstag fiel der Unterricht wegen Wahlvorbereitungen aus (den hab ich sowieso frei), Sonntag und Montag wurde gewählt (warum die Italiener als einziges Volk in Europa zwei Tage zum Wählen brauchen, weiß keiner so genau), Dienstag musste die Schule gereinigt werden (was mich zu der Frage nötigt: Wieviel Dreck verursachen Italiener beim Wählen? Auf italienisch hieß dieser Vorgang übrigens „desinfestazione“. – Klingt, also würden sie Ratten oder irgendwelche Parasiten beseitigen.), tja, und Mittwoch war halt… der Tag nach der „desinfestazione“. Da kann man ja nicht sofort wieder in die Schule. Klar. – Meine Reaktion nach acht Monaten Italien: nicht erst blöd fragen. „Freier Tag? Super! Danke! Ich bin dann mal weg…“ …Sprach’s und setzte sich in den Zug nach Rom. In der ewigen Stadt angekommen, erwischte ich eine etwas gestresste Sarah am Handy: „Du, also, wir sind hier mit unserer deutschen Austauschgruppe unterwegs und haben grad die Hälfte verloren.“ – Been there, done that. Ich setzte mich also auf die Spanische Treppe, bis die Gruppe sich wiedergefunden hatte und wir uns am Trevi-Brunnen treffen konnten. Von dort aus ging’s mit dem Zug weiter nach Orvieto – und ich kam mir vor, als wäre ich in einer ganz anderen Welt gelandet. Dieser kleine Ort zwischen Florenz und Rom ist wunderschön und ungefähr so groß wie meine Heimatstadt Winsen (sprich: ca. 30.000 Einwohner, wenn man die ganzen umliegenden Kuhkäffer mitzählt). Die gesamte Innenstadt ist eine Fußgängerzone, d.h. um 9 Uhr abends ist dort kein Mucks mehr zu hören und man möchte eigentlich nur noch flüstern, um die Nachbarn nicht aufzuwecken. Nach acht Monaten Neapel war das fast wie eine Mondlandung. Ich lag am ersten Abend todmüde im Bett und stellte fest, dass ich ohne knallende Aufzugtüren, bellende Nachbarshunde, hupende Autos und das Krachen und Rumsen der Müllabfuhr um 2 Uhr morgens nicht mehr einschlafen konnte. Außerdem wohnt Sarah in einer ganz traumhaften Umgebung – mit eigenem Garten und in Sichtweite des wunderschönen Doms von Orvieto. Und ihre Vermieter haben eine Katze, die gerade eine Woche zuvor Junge bekommen hatte. So haben wir also einen gesamten Abend damit verbracht, Katzenbabys zu bewundern und in regelmäßigen Abständen „ah!“ und „oh!“ und „Mein Gott, sind die süüüüüß!“ auszurufen. Hier ein paar Eindrücke:
Nun ja, im Laufe des Wochenendes hat sich Sarah wirklich alle Mühe gegeben, mir die örtlichen Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Wir haben die umbrische Landschaft bewundert, sind durch malerische Gässchen geschlendert, in tiefe Brunnen gestiegen, auf hohe Türme geklettert – und haben über 25 Kirchen in diesem kleinen Ort gezählt. Madonna santa!
Außerdem haben wir mit der deutsch-italienischen Austauschgruppe ein paar Sprach- und Kennenlernspiele gemacht und eine Exkursion nach Florenz betreut. Dort besichtigten Sarah, ich und Sarahs Schülerin Anka unter anderem die wunderschöne Kirche Santa Croce, sodass ich im Vorbeigehen Rossini, Galilei, Dante, Machiavelli und Michelangelo posthum Guten Tag sagen konnte.
Das Wochenende hatte außerdem noch einen ganz besonderen Reiz. Sarah erweist sich nämlich bei näherem Kennenlernen als „domestic goddess“ – sprich: Sie kann ganz wundervoll kochen. Angefangen bei Rucola-Birnen-Salat mit Parmesan, über eigens importierte Käsespätzle, bis hin zu Spargel in Sahnesauce mit Schinken, Käse und Kartoffeln, hat meine liebe Gastgeberin mich kulinarisch derart verwöhnt, dass ich mich zum Heiratsantrag veranlasst fühlte. Derzeit streiten wir uns allerdings noch darum, wer das Kleid tragen darf…
Zurück in Neapel musste ich erstmal den Schock des Wahlergebnisses verdauen. Berlusconi ist wieder an der Macht. Che palle! Wie kann denn das angehen?! Ich kann verstehen, dass bestimmte Leute aus bestimmten Gründen einen schmierigen, Frauen verachtenden, machtgeilen, korrupten Idioten zum Volksoberhaupt wählen. Was ich nicht verstehen kann, ist wie man einen 71-jährigen, schmierigen, Frauen verachtenden, machtgeilen, korrupten Idioten wiederwählen kann! Valentina, die im politischen Spektrum eher links angesiedelt ist, konnte dies offensichtlich auch nicht verstehen. Den ganzen Abend lang saß sie depressiv am Küchentisch und beschwerte sich über das Wahlverhalten ihrer Landsleute. Bis es plötzlich still wurde am Tisch. Und wir beide Alessia anguckten. Und Valentina zögerlich fragte: „Du hast nicht zufällig Berlusconi gewählt, oder? … Sag mir bitte, dass du nicht Berlusconi gewählt hast!“ Ale: (zuckt mit den Schultern) „Ich hab schon immer die Konservativen gewählt.“ Vale: (springt auf und rauft sich die Haare) „Mein Gott! Ich hab den Feind im eigenen Haus!“ … und so weiter.
Fazit 1: All countries get the government they deserve. Fazit 2: Mir tut Angela Merkel leid, die jetzt mit Sarkozy und Berlusconi gleich zwei Egomanen in Schach halten muss.
Nachdem auch diese WG-Krise überwunden war, folgte schon das nächste verlängerte Wochenende, denn der 25. April ist der Tag der italienischen Einheit (oder „Garibaldi Day“, wie ich ihn zu nennen pflege). An diesem Wochenende waren drei meiner englischen Uni-Freunde eingeflogen, um den Geburtstag meiner walisischen Freundin Fflur in Benevento zu feiern ( - und für alle, die jetzt vollends verwirrt sind bezüglich der Staatszugehörigkeit und des Aufenthaltsortes meiner Freunde, kommt hier folgende sinnlose Zusatzinformation: Fflur ist als Kind holländischer Eltern in Wales aufgewachsen und spricht somit Englisch, Holländisch und Walisisch. Ach, und seit zwei Jahren studiert sie außerdem Italienisch und Französisch. Noch Fragen?). So kam es, dass ich am Freitag den Zug nach Salerno nahm, um mich mit Fflur, Lisa, Nim (Naomi), Rory und Lucie (Fflurs französischer Freundin) zu treffen, die allesamt ein Auto gemietet hatten. Wir quetschten uns also zu sechst in einen 4-Personen Hyundai und fuhren bei strahlendem Sonnenschein die Amalfiküste entlang. Und da Lisa, Nim, Fflur und ich uns aus dem Chor kennen, wurde natürlich die ganze Zeit lang lautstark alles mitgesungen/mitgegrölt, was gerade im Auto zu hören war. Schließlich legten wir uns in Maiori an den Strand und die Todesmutigen unter uns beschlossen, sich ins kühle Nass zu stürzen. – Wobei „kühles Nass“ die Untertreibung des Jahrhunderts darstellt. Oh. Mein. Gott. War. Das. Schweinekalt! Oder, wie es der arme Rory ausdrückte: „I’m inverted!“
Nachdem wir uns die Zeit am Strand mit diversen Cheerleader-Posen vertrieben hatten, machten wir uns schweren Herzens wieder auf den Heimweg – und brauchten Dank Ferienverkehrs und grottenschlechter italienischer Ausschilderung nur viereinhalb Stunden für den Rückweg.
Am Morgen darauf folgte bereits die nächste Überraschung: 1) Fflur und Rory ziehen los, um den Mietwagen vom öffentlichen Parkplatz abzuholen und zurückzugeben. 2) Anruf von Fflur: „Ähm…Leute…wir stehen hier…und das Auto ist weg.“ 3) Wir: „Scheiße!“ 4) Fflur kontaktiert einen befreundeten Polizisten und fährt mit ihm zu den Carabinieri ( - was kennt die Frau bloß für Leute?!) 5) Anruf von Fflur: „Das Auto ist nicht gestohlen, sondern abgeschleppt worden. Wir holen’s jetzt ab und zahlen dann 80€ Strafe.“ Schließlich schafften wir es dann doch noch alle rechtzeitig zum Bahnhof und fuhren erschöpft aber glücklich wieder nach Hause. Fazit: Wenn ein Road Trip mit sechs Personen schon so viel Chaos verursachen kann, bin ich mal gespannt, was alles passiert, wenn ich mit diesen (und 20 anderen) Leuten Ende Juni auf Chorfahrt nach Venedig, Verona und an den Gardasee fahre…
Was war sonst noch?
Ich habe letzten Sonntag mit Davide und Alessia einen wunderschönen Spaziergang im Parco Virgiliano gemacht. Der liegt etwas oberhalb von Neapel und bietet herrliche Ausblicke über die Stadt und das Meer. Daher gibt’s von diesem Tag auch tolle Fotos.
…And finally, the mystery is solved:
Es folgt der Moment, auf den wir alle gewartet haben. Die Antwort auf die ewig-wiederkehrende BWLer-Frage: „Und was macht man mit so nem verrückten Studiengang?“ Man bewirbt sich bei englischen Sommersprachschulen. So geschehen in den letzten zwei Wochen. Ich habe mich für diesen Sommer erfolgreich bei zwei Sprachschulen beworben, die beide sehr an meinen Erfahrungen im Bereich Theater und Kreatives Schreiben interessiert waren. Ätsch. Nachdem ich heute Morgen das letzte Bewerbungsgespräch hinter mich gebracht habe, kann ich euch nun mitteilen, dass ich vom 12. Juli bis 16. August für die Oxford Intensive School of English (www.oise.com) als Resident Teacher in Headington (Vorort von Oxford) arbeiten werde. Das heißt, die stellen Unterkunft und Verpflegung in der Schule und zahlen mir 300€ die Woche dafür, dass ich jeden Tag drei 90-minütige Englischstunden gebe (in Gruppen von maximal acht Teilnehmern *jauchz*), diverse Sport-, Spiel- und Workshopaktivitäten betreue und anschließend sicherstelle, dass alle Teenager (13-16 Jahre) im richtigen Bett schlafen. Außerdem wird’s Tagesausflüge nach Oxford und London geben. Das Ganze wird wahrscheinlich wahnsinnig arbeitsintensiv, da ich die Schüler praktisch 24 Stunden am Tag um mich habe, aber hoffentlich kann man sie dadurch auch besser kennen lernen und sehr viel Spaß zusammen haben. Ach, und irgendwann in dieser Zeit wär’s klasse, wenn ich für einen Tag nach Stratford könnte, um mir eventuell eine Wohnung für’s nächste Jahr zu organisieren. Der vorläufige Plan für die nächsten Monate sieht also folgendermaßen aus: Am 7. Juni endet mein Vertrag hier in Italien. Mitte Juni kommt mein Vater mit nem leeren Koffer vorbei, um zumindest einen Teil meines ganzen Mülls wieder nach Deutschland zu schleppen. Vom 17.-24. Juni bin ich hoffentlich mit meinem Uni-Chor unterwegs, und Ende Juni/Anfang Juli fliege ich dann für ca. 10 Tage nach Hause. An alle Winsener, die ihr diesen Blog lest: Haltet euch bitte den 6. Juli frei! Da hab ich nämlich Geburtstag und werde ihn hoffentlich ausnahmsweise mal mit euch feiern können.
In diesem Sinne: Euch allen eine gute Nacht! Jauchzet! Frohlocket!5. April 2008
Die Bloglosigkeit des vergangenen Monats ist vorbei. Allerdings hatte sie gute Gründe. Wenn ich nicht gerade selbst unterwegs war, hatte ich wechselnde Besucher, die ich selbstverständlich 24 Stunden am Tag liebevoll umsorgen musste (äh…oder so ähnlich). In der Zwischenzeit habe ich viel erlebt und viele neue Eindrücke gesammelt. Daher gibt es für die Lesefaulen unter euch mit diesem Eintrag auch gleich einen Haufen neuer Fotos. So, wo fang ich bloß an…?
London – I Wish I Could Go Back To College…
Anfang März stand – wie angekündigt – meine Stippvisite in London / Royal Holloway an. Also flog ich frohen Mutes am 7. März in Neapel bei strömendem Regen ab. Es folgte ein wirklich seltsamer Reiseverlauf: Beide Flüge landeten 10 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit; beim Landeanflug erstrahlte der Flughafen Heathrow zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit in herrlichstem Sonnenschein; kaum war ich mit der Passkontrolle fertig, landete mit einem sanften „plopp“ mein Rucksack als erstes Stück auf dem Gepäckband; UND der Bus nach Englefield Green war pünktlich! Kurzum: Ich dachte, ich wäre im falschen Land gelandet. Entweder das, oder ich war nach 7 Monaten Italien derart abgehärtet und zynisch, dass mir sogar England effizient und organisiert vorkam.
Das Wochenende an sich war – vor allem Dank meiner Ex-Mitbewohnerin Katy und der superfreundlichen Atmosphäre im Chor – total genial. Ich weiß nicht, ob’s nur daran liegt, dass ich seit Monaten in einem fremden Land lebe, aber zum ersten mal fühlte sich England nicht wie Ausland an. Es fühlte sich an, als würde ich nach Hause kommen. Das war mir bisher nur in Deutschland passiert. Wie gesagt wurde ich von neuen wie alten Absolute Harmony Mitgliedern mit offenen Armen aufgenommen. So begrüßte mich z.B. meine Freundin Lisa (unsere Chorleiterin) überschwänglich mit den Worten: - „Weißt du schon, dass du heute Abend im Konzert ein Solo singst?“ - „Äh…nein?“ - „Ach so, naja, jetzt weißt du’s. Das haben wir gestern so beschlossen.“ - „Ach so. Na dann…“ Some things never change ;)
Nach besagtem Konzert folgte der traditionelle Ausruf: „To the bar!“ und es wurde viel getrunken und in nostalgischen Erinnerungen geschwelgt. Das ganze war seltsam, weil es so normal war. Während ich in der Studentenbar meinen widerlichen englischen Billig-Weißwein schlürfte, kam es mir so vor, als müsste ich Montagmorgen wieder zum Lyrikseminar. Die Rhoscars-Zeremonie am Sonntagabend war wie erwartet auch sehr nett und eine gute Gelegenheit, ein paar alte Kontakte wieder aufleben zu lassen. Außerdem hat der Vize-Kanzler der Uni den Emily-Oliver-Award verliehen, also durfte ich mir wahnsinnig wichtig vorkommen Gegen Mitternacht wurden dann so langsam alle Gäste rausgeschmissen und die Hardcore-Fraktion pilgerte zu Lisa, die um 3 Uhr morgens sogar noch für uns alle gekocht hat. Naja, jedenfalls saßen wir ewig herum und haben über Gott und die Welt geredet. Nachdem ich noch rasch meine Sachen umgepackt hatte, landete ich schließlich um 5.30 Uhr im Bett. Um 7 Uhr musste ich allerdings schon wieder aufstehen, um 15 Minuten im strömenden Regen auf einen Bus zu warten (so langsam kam mir das Land dann doch wieder bekannt vor). Völlig durchnässt kam ich in Heathrow an und vernahm die Nachricht, dass die Südküste Englands gerade den schlimmsten Wintersturm seit langem erlebte, sodass 80% der Flüge gestrichen waren und der Rest verspätet war. Bei Alitalia ging natürlich spontan mal gar nix. Immerhin buchten sie mich für den folgenden Tag auf den selben Flug um und so kam ich am späten Dienstagnachmittag in Neapel an und stellte meinen Wecker für den nächsten Morgen. Der blieb praktischerweise mitten in der Nacht stehen, sodass ich spontan mal die ersten zwei Stunden verpasste. Alles in allem ein Superstart in die Woche
Hier ein paar Eindrücke:
Ja, Freunde, das war also London (in der Kurzform). Es folgte:
Positano – oder: WDJG? (Where did Jesus go?!)
An Ostern bekam ich Besuch von meiner lieben Bayreuther-Freundin Leonie und von meiner Mom (nachdem letztere ihren ursprünglichen Flug verpasst hatte. Aber das ist eine andere Geschichte…)
Nach einer ausgiebigen Stadtführung durch Neapel („Ach komm, wir laufen nur noch schnell hier hoch und dann noch ein bisschen weiter…Hm…komisch, wo isses denn jetzt?… Ähm…vielleicht hier lang…?“) startete unser Chaos-Trio am Donnerstagmorgen Richtung Amalfiküste durch. In den folgenden vier Tagen haben wir Positano, Ravello, Amalfi und Sorrento besichtigt, endlose Fotoshootings über uns ergehen lassen und Unmengen Limoncello (und andere Likörsorten) probiert. Es war unheimlich schön, einfach mal aus der Großstadt rauszukommen, frische Luft zu atmen und sich nicht ständig sorgen um Kriminalität etc. machen zu müssen. Und vor allem war es schön, endlich mal wieder Zeit zu haben, mit Leonie über alles Mögliche zu reden. In den letzten vier Jahren haben wir uns nämlich höchstens mal drei Tage am Stück gesehen und meistens waren dann noch ein paar Stressfaktoren wie Hochzeiten oder so im Spiel. Einziger Stressfaktor an der Amalfiküste: der autistische Geisteszustand der Busfahrer, die den ganzen Tag lang auf den Serpentinenstraßen verkehren und glauben, ein beherztes Hupen vor jeder Kurve könne im Notfall eine Frontalkollision mit dem Gegenverkehr verhindern.
Hier ein kurzer Einblick in die Amalfi-Küste:
Unser Ferienappartment in Positano stellte sich übrigens als wahrer Glücksgriff heraus: Das Ganze wurde von einer typischen italienischen Familie betrieben, deren zahlreiche Mitglieder nicht genug für uns tun konnten, sobald sie herausbekommen hatten, dass man sich mit uns auf Italienisch unterhalten konnte. Allein beim Frühstück ließen sie nichts unversucht, uns vollzustopfen (und meine Mutter schwärmt immer noch vom morgendlichen Kaffee). Anschließend stand die Oma den ganzen Tag lang in der Küche, um für die gesamte Familie zu kochen, es herrschte stets ein herrlicher Duft und die Kinder konnten bei jedem Gang durch die Küche etwas Essbares mitnehmen (und sahen auch ein wenig so aus
Am Tag nach unserer Ankunft pilgerten wir – wie sich das für *hust* gute Katholiken *hust* gehört – abends zum Karfreitagsgottesdienst in die kleine Kirche von Positano. Eigentlich wollten wir hauptsächlich die traditionelle Prozession sehen, bei der sich die Dorfbewohner von Kopf bis Fuß in weiße Gewänder hüllen, was leider absolut Ku-Klux-Klan-mäßig aussieht. Ich gehe aber einfach mal davon aus, dass diese Tradition in Positano wesentlich länger existiert als radikal-konservative/geisteskranke Amerikaner, die in ihrer Freizeit Schwarze auspeitschen. Nachdem man sich also an das Meer von weißen Kapuzen gewöhnt hatte, war der Gottesdienst recht interessant – obwohl wir drei wahrscheinlich noch die aufmerksamsten Mitglieder der Gemeinde waren. Während der gesamten Predigt herrschte ein reges Kommen und Gehen, es wurde ausgiebig mit den Nachbarn getratscht und diskutiert, im Seitengang wurde nebenbei Beichte gehalten, und ständig rannten kleine Kinder in der Kirche herum, die entweder über ihre weißen Gewänder stolperten oder verzweifelt versuchten, die Gucklöcher in der Kapuze so zu arrangieren, dass sie tatsächlich sehen konnten, wo sie hinliefen. * lach* Meine Mom fragte mich irgendwann: „Sag mal, ist das normal, dass die ununterbrochen reden??“ „Mum, das sind Italiener. Wenn die nicht reden, fallen sie tot um. Und wenn die sich schon in der Kirche so verhalten, dann stell dir jetzt bitte mal eine meiner Unterrichtsstunden vor…“ Aber zurück zum Gottesdienst: Nachdem ich versucht hatte, mir das Vater Unser auf Italienisch einzuprägen, folgte der wohl spannendste Teil: Vier römische Legionäre trugen eine Bahre und eine Leiter in die Kirche. Sie reichten dem Pfarrer einen Holzhammer, woraufhin dieser die Leiter hinaufstieg und der lebensgroßen hölzernen Jesusfigur die Nägel aus Händen und Füßen schlug, und ihn schließlich vom Kreuz auf die Bahre hinabließ. Obwohl man darüber streiten könnte, ob die Ostergeschichte so wörtlich umgesetzt werden sollte, muss ich doch festhalten, dass es in der Kirche auf einmal sehr still wurde und dass ich mir in dem Moment das Leiden Christi sehr viel besser vorstellen konnte. Das Ganze ist mir irgendwie doch recht nah gegangen. Schließlich wurde Jesus in einer feierlichen Prozession aus der Kirche getragen – und ward nie wieder gesehen. Ehrlich: Nachdem sich die riesige Menschtraube am Eingang endlich aufgelöst hatte, haben wir überall nach Jesus und dem Rest der Prozession gesucht und sie waren nirgends zu finden.
Am Montag traten wir dann die Rückreise nach Neapel an. Kaum 5 Minuten wieder zurück in der pulsierenden Golfmetropole wurde mir auch schon das Portemonnaie geklaut. Wir wissen immer noch nicht genau wie, aber es muss gewesen sein, als wir auf die Metro gewartet haben. Portemonnaie in der Tasche. Hand auf der Tasche. Fazit: äußerst talentierter Taschendieb. Grrrr! Immerhin hat er mir weder das Handy, noch die Digitalkamera, noch den iPod geklaut. Warnung an alle potenziellen Diebe da draußen: Sollte mir jemals irgendwer den iPod klauen, hätte ich keine Hemmungen, diese Person auf grausamste Weise umzubringen. Nun ja, so hat der Dieb am Ende folgendes erbeutet: - 2 Bankkarten (mittlerweile gesperrt) - 1 Führerschein (mit superhässlichem Foto. – You’re welcome!) - 1 Krankenkassenkarte - 1 Jugendherbergskarte - 1 Trenitalia Studentenrabattkarte - 1 fast abgelaufene Metro-Monatskarte - meine deutsche SIM-Karte - diverse Adressen, Telefonnummern und ganz viele Fotos von meinen Liebsten
Obwohl das Ganze natürlich extrem ärgerlich ist, hätte es durchaus schlimmer kommen können. Z.B. konnte meine Mom kurzerhand Bargeld abheben, um es mir zu leihen, und kurz nach ihrer Rückkehr nach Deutschland hat sie der Bank Feuer unterm Hintern gemacht, sodass ich seit heute eine neue EC-Karte in Händen halte. Thank you, Mum!
Nun ja, am Mittwoch musste dann auch Leonie schließlich wieder abreisen. *schnief* Ich hoffe aber, dass ich sie möglichst bald in Mainz besuchen kann.
Noch ein paar Sätze zum Wetter: Obwohl es über Ostern an der Amalfiküste recht durchwachsen war, sind wir nur einmal tatsächlich nass geworden. In Neapel hat es derweil angeblich fünf Tage lang durchgeregnet. Also hätten wir durchaus schlechtere Osterpläne schmieden können. Z.B. zur Ostermesse nach Rom zu fahren. Hat irgendwer die Fernsehbilder davon gesehen? *prust* Na, ein bisschen Schadenfreude wird ja wohl noch erlaubt sein
Daaaaaaay Tripper…one-way ticket, yeah!
Kaum zwei Tage nach Leonies Abreise rollte schon die nächste Besucherwelle in der Form meiner englischen Uni-Freunde Emma und Fiona ins Haus. Und – oh Wunder! – das Wetter klarte endlich, endlich auf. Hallelujah! Nach Monaten des Regens kam endlich der strahlende Sonnenschein meiner Anfangszeit in Neapel wieder und mir wurde auf einmal klar, wie sehr ich in den letzten Monaten in Depressionen versunken war. Ganz ehrlich: Es gibt keinen deprimierenderen Ort als Neapel im Regen. An diesem Wochenende zeigte sich die Golfregion wirklich von ihrer besten Seite, sodass wir am Samstag einen wunderschönen Tag auf Capri verbringen konnten (wo übrigens die Touristensaison begonnen hat. Sprich: überall Deutsche in weißen Socken und gepfefferte Preise. Einfache Überfahrt per Tragflügelboot = 16€! *schluck* Zurück ging’s dann mit der Fähre: annehmbare 7,30€.).
Am Sonntag quälten wir uns dann zu unchristlicher Stunde aus dem Bett (sogar noch durch die Zeitumstellung verschlimmert!), damit meine beiden Geschichtswissenschaftler-Freundinnen sich vor ihrer Abreise noch in Pompeji austoben konnten. Dort holte ich mir übrigens den ersten leichten Sonnenbrand des Jahres. *strahl* Auf dass noch möglichst viele folgen mögen…
Was war sonst noch?
Ich glaube, ich hatte bereits im letzten Blogeintrag erwähnt, dass die Zahl meiner Privatschüler auf einmal exponentiell gestiegen ist. Mittlerweile gebe ich fünf Privatstunden die Woche und das Alter meiner Schüler reicht von 5-17 Jahren. D.h. während die Jüngste gerade lesen und zählen lernt, versuche ich dem Ältesten den Unterschied zwischen Present Perfect und Simple Past einzubläuen. Nicht genug damit, dass ich die ganze Woche durch Neapel hetze, nein, ich werde langsam aber sicher zur Supernanny und meine Schultasche verwandelt sich immer mehr in eine magische Mary-Poppins-Tasche. Mittlerweile lässt sich Folgendes darin finden:
- 2 Schaumstoffalphabete zum Ausstechen (ein kleines, und eins im Fußboden verdeckenden Großformat – damit ich mit meinen Schülern Alphabet-Twister spielen kann) - 1 Malblock + 1 Packung Buntstifte - 1 Würfel - Knete in diversen Farben - 1 Schere, 1 Klebstift - jeweils 1 Satz Memory-Spielkarten für: Kleidung, Körperteile, Früchte, Gemüse, wilde Tiere und Bauernhoftiere - 1 Alphabet-UNO-Kartenspiel (aus eigener Herstellung. Dazu später mehr.) - Wandkarten von Großbritannien, London und New York - Bilder von Lenin, Stalin und Trotzki (für meine Stunden über Animal Farm) - Filmposter für Titanic, Der Pate und Hairspray (für meine lieben Achtklässler)
… Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Besonders stolz bin ich – wie gesagt – auf die UNO-Alphabet-Karten, für die ich erst die Internetvorlage illegal auf dem Schulfarbdrucker ausgedruckt habe und dann jede einzelne Karte auf ein Metro-Ticket geklebt habe. D.h. ich habe jetzt ein ca. 120 Karten umfassendes Spiel, mit dem man nicht nur Farben und Buchstaben, sondern alles Mögliche üben kann (z.B. musste sich mein armer 12-Jähriger letztens für jede Karte, die er spielen wollte, ein englisches Adjektiv überlegen). - Okay, okay, ich hör schon auf. Es ist mir durchaus bewusst, dass sich der Otto-Normal-Blogleser nicht so sehr für pädagogisches Spielzeug begeistern kann wie ich. Der langen Rede kurzer Sinn: Fünf Extrastunden pro Woche (plus Vorbereitung, plus Trinity-Stunden) bedeuten zwar extra Stress, dafür komme ich aber jetzt ein bisschen besser über die Runden und die Woche geht extrem schnell rum. – A propos: nur noch neun Wochen Schule, dann ist mein Jahr in Neapel vorbei. Der Countdown läuft. Kaum zu fassen…
Und hier die neuesten Highlights aus Emmys Unterricht:
Szenario 1:
Wir lernen was über Australien und üben gleichzeitig das Present Perfect. Aufgabe: Imagine you have been in Australia for 6 months. Write me an email telling me about everything you’ve done. Resultat: Mit den neuen Vokabeln kommen alle gut klar. Ebenso mit dem Present Perfect. Das schwierigste an dieser Aufgabe: den Namen der Englisch-Assistentin korrekt zu schreiben. Mein persönlicher Favorit (beim zufälligen Rundgang entdeckt): „Dear Hamely…“
Szenario 2:
Wir üben 2nd Conditional und den Gebrauch des Subjunktiv im Englischen („If I were you“ etc.). Aufgabe: Work with a partner. If your partner were an animal (etc.), what would he/she be? Resultat: Die Jungs in der letzten Reihe melden sich am Ende der Stunde und sagen: „Emily (Hamely?), we did you!“ „Oh, really?“ (Oh, help!)
Hier ihre Liste: If Emily were an animal, she would be a fox. (Soso…) If Emily were a car, she would be a Fiat 500. (Ach komm! So klein bin ich wirklich nicht!) If Emily were a piece of furniture, she would be a door. (Das Tor zu einer anderen Kultur. Klar. Das bin ich. *schulterklopf*) If Emily were a fruit, she would be an orange. (Damit kann ich leben.) If Emily were a drink, she would be coffee. (Espresso ohne Zucker, wie sich bei genauer Nachfrage herausstellte.) If Emily were a film, she would be „Titanic“. (Die Katastrophen-Metaphorik widerstrebt mir etwas…) If Emily were an item of clothing, she would be a boot with the Union Jack on it. (Mann, was seid ihr kreativ, Kinder…)
Szenario 3:
Wir reden über Kinofilme. Unter anderem über Titanic, Der Pate und Hairspray. Emmy: „So…what kind of film is Titanic?“ Kooperativer Schüler Nr. 1: „Titanic is a… drama? A romantic film?“ Emmy: „Yes, you can say that. Very good. What kind of film is The Godfather?“ Kooperativer Schüler Nr. 2: „It’s a Mafia-Film.“ Emmy: „Yes, or we could call it a gangster film. It’s certainly a violent film. Now…what kind of film is Hairspray?“ Alle Jungs in der Klasse: „A GAY FILM!!!“ Emmy (prustet fast ihren Kaffee über den Lehrertisch): „Erm…and what’s gay about it?“ Jungs: „Only girls watch it!“
Äh…Logik? …All girls are gay? Fazit: Manchmal wünsche ich mir, die Welt wäre tatsächlich so, wie sie sich meine lieben Achtklässler vorstellen…
In diesem Sinne wünsche ich euch einen herrlichen April. Mal schauen, ob ich irgendwann in diesem Monat noch mal zum Bloggen komme. Für alle, die sich bis hierhin vorgekämpft haben, folgt hier ein Video, das mir Marion vor einer Weile hat zukommen lassen. Titel: „Europe vs. Italy“ – Viel Spaß dabei!
http://tcc.itc.it/people/rocchi/fun/europe.html
P.S.: Das Beste ganz zum Schluss: Ich habe eine Zusage der Uni Birmingham für meinen Masterstudiengang! Yay! Das heißt, ab September studiere ich am Shakespeare Institute im malerischen Stratford-upon-Avon und darf mich dann nach einem Jahr hoffentlich „Master of Shakespeare Studies“ schimpfen. Der Himmel weiß, wozu das gut sein mag… Sad FM - easy listening for the over-thirties...16. Februar 2008
Zunächst das Wichtigste: Ein weiterer Valentinstag ist vorüber – und wir leben noch. Oder besser gesagt: ICH lebe noch. Schließlich geht es um das Wichtigste. Als gestandener Single trifft man natürlich mittlerweile seine Vorkehrungen für diesen ätzendsten aller Tage. Sprich: Ganz. Viel. Schokolade. Bei meiner Einkaufsmission zwecks Schoki-Vorratsaufstockung entdeckte ich unter anderem etwas sehr Beunruhigendes: Auf allen Nutella-Gläsern kleben neuerdings Promotion-Aufkleber mit Aufschriften wie „Für die schönsten Stunden zu zweit“. *brech. würg* (Entschuldigung… Es geht gleich wieder.) Also, mal ganz ehrlich. Was für Werbeleute beschäftigen diese Nutella-Fritzen eigentlich? Sehen wir mal davon ab, dass sowohl das Konzept als auch das Design alles andere als originell ist. Was für eine Zielgruppe stellen sich diese Menschen für ihr Produkt vor?? Wenn es ein Produkt gibt, das perfekt auf die Bedürfnisse frustrierter Singles zugeschnitten ist, dann doch wohl Nutella. Oder?! Glückliche Paare brauchen keinen Nutella. Und schon gar nicht am Valentinstag. Wenn doch, will ich gar nicht erst wissen, was sie damit anstellen. Okay, okay. Bevor das hier in eine Hasstirade gegen glückliche Paare ausartet, möchte ich eines klarstellen: Ich hab nichts gegen glückliche Paare. Es freut mich, wenn die Menschen, die mir wichtig sind, mit den Menschen, die sie lieben, glücklich sind. Aber ich habe etwas gegen einen „Feiertag“, an dem man erstens nicht frei bekommt, und der mir zweitens suggeriert, dass das Leben nur lebenswert sei, wenn man es mit seiner besseren Hälfte, tausend roten Rosen und zwanzig überdimensionalen aufblasbaren Herzchenballons verbringt. Obwohl…wo wir sowieso schon bei der Hasstirade sind: Selbst wenn ich eines schönen Tages am 14. Februar eine bessere Hälfte haben sollte, wird mir der Valentinstag wahrscheinlich trotzdem noch auf die Nerven gehen, weil er so extrem auf Heteros zugeschnitten ist. Eure Mission für nächstes Jahr: Findet eine Valentins-Werbekampagne im Fernsehen, im Internet oder in den Printmedien, die nicht (oder nicht ausschließlich) auf Heteros abgestimmt ist. Bin gespannt auf die Ergebnisse… Und damit ihr mich nicht für völlig humorlos haltet, folgt hier mein neuester Valentinskartenfavorit:
Tatsächlich war der Valentinstag dieses Jahr gar nicht mal so schlimm, da ich ihn größtenteils in guter Gesellschaft verbracht habe. War nämlich schon zum zweiten Mal bei der Kollegin Angela zum Mittagessen eingeladen. Die ist nicht nur supernett und arbeitswillig, sondern auch eine sehr gute Köchin, d.h. ich werde im Sommer definitiv als kleines Fettklößchen nach Deutschland zurückgerollt kommen. Zu allem Unglück wohnt Angela auch noch gleich bei mir um die Ecke und wiederholt ständig, dass ich gern jederzeit ohne Einladung zum Essen vorbeikommen kann: „Wie gesagt, Emily: Wir essen sowieso jeden Tag.“ Dieses Mal habe ich außerdem ihren Mann, Marco (Fotografielehrer!) und ihre Söhne, (Francesco: 11 und Marcello: 16) kennengelernt. Als kleines Dankeschön für das wundervolle Mittagessen habe ich anschließend Marcello bei seinen Englischhausaufgaben geholfen. Bemerkenswertes Erlebnis an diesem Tag: Ich habe das erste Mal seit Ewigkeiten (oder das erste Mal überhaupt) ein 16-jähriges männliches Wesen kennengelernt, mit dem man sich supergut unterhalten kann! Nicht, dass ich 16-Jährige nicht als vollwertige Menschen ansehen würde (obwohl man im Lehrerberuf oft stark in diese Versuchung gerät). Aber es ist einfach selten, dass man bei 16-jährigen Jungs nicht ständig das Gespräch selbst anschieben muss und nicht irgendwie permanent das Gefühl hat, dass sie gerade viel lieber mit ihrer Playstation allein wären. Nicht so bei Marcello. Er ist zwar etwas schüchtern, aber irgendwie doch wieder sehr erwachsen und einfach unheimlich nett. Was gibt’s noch Neues? Die liebe Kollegin Angela hat außergewöhnliches organisatorisches Talent bewiesen und arrangiert, dass ich gestern meine Lieblingsklasse nach Rom begleiten durfte und somit eine Stunde in einer meiner am wenigsten geliebten Klassen ausfallen lassen konnte. Strike! Viele Wege führen ja bekanntlich nach Rom. Unserer führte um 7 Uhr morgens (uaagh! Und alle Schüler waren pünktlich da!!!) per Bus von Neapel in die ewige Stadt. Hier eine kurze Reisekostenabrechnung: Busfahrt: 0€. Reiseführerin durchs antike Rom: 0€. Metro: 2€. Mittagessen (inkl. toskanischer Rotwein): 11€. Strahlend blauer Frühlingstag in Rom: unbezahlbar. Hier übrigens Angela und ich vorm Kolosseum:
Natürlich waren die lieben Achtklässler während des Ausflugs etwas überdreht und noch lauter als sonst. Und zweimal Umsteigen mit 60 Schülern mitten in Rom ist auch nicht unbedingt etwas für schwache Nerven. Aber letztendlich hat man sie dann doch irgendwie lieb – und sie mich vielleicht auch ein bisschen J
Andere Neuigkeiten: Für alle, die es noch nicht mitbekommen hatten: Ich bin neuerdings berühmt. Und wahnsinnig wichtig. Damit hat es Folgendes auf sich: An meiner Uni werden jedes Jahr für alle Musik- und Theater-Societies die „Rhoscars“ (Royal Holloway Oscars) verliehen. D.h. jedes Society-Komitee legt fünf Kategorien fest und nominiert jeweils fünf Mitglieder für diese Kategorien. Die Gewinner werden per Internetabstimmung unter den Studenten ermittelt und schließlich gibt’s einen „Black Tie Event“ mit Essen, sehr viel Alkohol und ein paar goldenen Statuen. Letztes Jahr sah das ungefähr so aus: Dieses Jahr war ich also gerade mit der Internetabstimmung für meinen heißgeliebten Chor Absolute Harmony beschäftigt (man darf nämlich noch ein Jahr nach Beendigung des Studiums abstimmen), als ich nach diversen Nominierungen für besten Sänger, beste Sängerin, bestes Arrangement etc. auf die letzte Kategorie stieß: The Emily Oliver Award for Best Harmonian Soll heißen: der Preis für denjenigen, der sich im vergangenen Jahr am meisten für den Chor insgesamt eingesetzt hat. Und sie haben diese Auszeichnung nach mir benannt! Mir fehlen die Worte. Folglich musste ich Taten sprechen lassen und habe mir einen Wochenendflug nach London gebucht: 7.-10. März. Am Freitagabend gibt’s das Frühlingskonzert meines Chors, den Samstag verbringe ich wahrscheinlich mit Mutter, Schwester (evtl. deren Freund) und diversen Freunden in London, und am Sonntagabend werden dann die begehrten Trophäen verliehen. Einerseits freue ich mich tierisch darauf, meine Ex-Mitbewohner und Chorfreunde wiederzusehen. Andererseits mischt sich auch so langsam ein bisschen Angst vor dem Zurückkehren ein. Aber die wird spätestens nach dem dritten Glas Wein verfliegen. Das ist das Tolle an England: Es gibt für jedes Problem eine einfache Lösung – Tee oder Alkohol.
So, ich glaub, für heute reicht’s. Heute Abend gehe ich übrigens wieder mal mit Briten und Amerikanern Pizzaessen. Mittlerweile haben Martina und ich uns so langsam auf das italienische Leben eingependelt und unsere Grenzen ausgetestet: Nie mehr als 3 Espresso pro Tag oder 5 Pizzen pro Woche.
In diesem Sinne…Prost Mahlzeit! I'm sick and tired of always being sick and tired...8. Februar 2008
Bevor das Geschwafel losgeht, hier ein kurzes Quiz: Aus welchem Lied stammt der Titel dieses Eintrags? Und wer singt es? War’s Shakira? Oder doch Anastacia? Und habe ich durch Erwähnung dieser zwei Namen gerade meine schlimmsten Musiksünden offenbart? Wie dem auch sei, falls ihr eine (oder alle Antworten) wisst, schreibt sie mir doch als Kommentar unter diesen Eintrag. (Zum Ausgleich vorheriger Musiksünden höre ich übrigens gerade „Pomp and Circumstance“ – und gehöre zu der Klasse Engländer, die überzeugt sind, dass „Land of Hope and Glory“ eine viel bessere Nationalhymne wäre als dieses ewig-wiederkehrende, unoriginelle „God Save the Queen/King“). Soviel dazu. Nun zum eigentlichen Inhalt der Titelzeile: Der Januar war aus meiner Perspektive ein Scheißmonat. Das kann ich leider nicht anders sagen. Nach meiner Rückkehr habe ich nämlich gute drei Wochen lang mit einer Erkältung gekämpft, die sich zwischenzeitlich auch noch zur Mandelentzündung weiterentwickelt hat. Zumindest ist das das Ergebnis meiner Eigendiagnose nach recht unsystematischer Internetrecherche. Frau Oliver ist sich ja schließlich zu schade, in Neapel zum Arzt zu gehen. Naja, nachdem ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, tatsächlich mal ein paar Tage schulfrei zu nehmen, stellte ich mit Erstaunen fest, wie einfach sich dieses am Liceo Alberti gestaltet. Keine Formulare, kein ärztliches Attest, kein Anruf im Sekretariat – einfach nur am Vorabend eine kurze SMS an meine Betreuungslehrerin, und schon ist der freie Tag geregelt. Manchmal liebe ich dieses formlose italienische Chaos! Dafür legen sie an anderer Stelle wieder großen Wert auf Formalitäten. Z.B. gebe ich seit neuestem nachmittags „Trinity“ Konversationsstunden, um die lieben Kinder auf eine kurze Prüfung im Mai vorzubereiten. Um für besagte Stunden am Montagnachmittag in einem leeren Schulgebäude einen Raum zugeteilt zu bekommen, brauchte ich sage und schreibe drei verschiedene Unterschriften und vier Fotokopien meines Stundenplans. Da fühlte ich mich gleich wieder wie im heimischen Deutschland. Trinity-Stunden an sich machen aber total Spaß, denn ich arbeite mit maximal 14 Schülern zusammen, die alle motiviert sind, Englisch zu lernen. Und ich muss gestehen, nach einem halben Jahr als Raubtierdompteur vor Klassen von ca. 30 Leuten hatte ich ganz vergessen, wie viel Spaß es macht, wenn man sich tatsächlich mal mit Schülern unterhalten und sie besser kennen lernen kann. Dafür bin ich ja eigentlich auch ausgebildet worden und hatte bloß in den letzten paar Monaten eine Unterrichtsidee nach der anderen aus dem Fenster schmeißen müssen, da sich die meisten Aktivitäten mit großen, lauten Klassen einfach nicht durchführen lassen. Außerdem hat mir Martina letztens zwei Privatschüler vermittelt. Marguerita und Ricardo sind 8 bzw. 9 Jahre alt und suuuupersüß. Die sind nicht nur hell im Kopf und interessiert, sondern nehmen die englische Aussprache auch viel besser an, als meine lieben Teenager. Merke: Sprachen kann man nicht früh genug lernen. Seit neuestem spielen wir also einmal die Woche Memory, machen Zootiere nach („Jump like a monkey! Roar like a lion!“), spielen Pictionary (wobei die beiden wesentlich besser zeichnen können als ich *schluchz*) und ich habe beschlossen, dass ich unbedingt mal Kinder haben will. Dieser Entschluss kam noch nicht mal letzte Stunde ins Wanken, als ich mit Ricci die Farben durchgenommen hab: Em: „So, tell me, what colour are my eyes?“ Ricci: „Erm…green?…grey?…blue-grey?“ Em: „Yes, sort of… I guess.“ (Ihm fehlte wahrscheinlich der englische Ausdruck für „dreckiges Abwaschwasser“). „And what colour is my hair?“ Ricci: „Yellow.“ You asked for it – you got it. Kinder und Betrunkene sagen ja angeblich die Wahrheit. Folglich habe ich gelbe Haare. Hmpf. Nachdem ich ein halbes Jahr lang händeringend nach Privatschülern gesucht habe, um mein mageres Comenius-Gehalt aufzubessern, hat sich übrigens seit neuestem der Schneeballeffekt bemerkbar gemacht. Alle drei Tage bekomme ich einen neuen Anruf von irgendeiner Mutter, die private Englischstunden für ihr Kind will. Somit hat sich die Zahl meiner Schüler in der letzten Woche von 2 auf 6 erhöht und so langsam weiß ich wirklich nicht mehr, wann ich diese ganzen Stunden geben (geschweige denn vorbereiten) soll. Immerhin – mi pagano.
Was gibt’s sonst noch Neues? Schöne Fotos gibt’s. Von Capri. Und der roten Sonne. Die im Meer versinkt. Und so. Da es nämlich so wahnsinnig einfach war schulfrei zu bekommen, habe ich der Versuchung schließlich nachgegeben und mir am Ende meiner Krankheitsphase einen extra freien Tag gegönnt und zusammen mit Martina, Kim, Nathan und zwei seiner Freunde die Fähre nach Capri genommen. Ja, Emmy hat tatsächlich das erste Mal in ihrem Leben Schule geschwänzt! Im Ausland entdeckt man doch immer wieder neue Seiten an sich selbst… Also, was soll ich euch über Capri erzählen, Freunde? Stellt euch den schönsten Ort eurer Träume vor, macht das Wasser türkiser, den Himmel blauer und die Luft klarer, und ihr wisst im Ansatz, wovon ich spreche. Gott. Ist. Diese. Insel. Schön. Eccola: Unter anderem haben wir die Villa San Michele besichtigt, die von dem schwedischen Architekten Axel Munthe erbaut wurde (und daher an jeder Ecke stolz Fotos vom Besuch des schwedischen Königspaars Silvia und Karl-Gustav präsentiert). Außerdem gibt’s eine deutsche evangelische Kirche auf Capri. Wer hätte das gedacht? Und hier ist sie – die berühmte rote Sonne: (Übrigens, weiß irgendwer, wie dieser Uralt-Schlager weitergeht? Ich kenn nämlich tatsächlich nur die Zeilen: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt Und irgendwasirgendwas lala(ähm)lalalalaaaaa… Ziehn die Fischer in ihren Booten aufs Meer hinaus Und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus… Mal ehrlich, kann mir da irgendwer weiterhelfen? Bitte?! Das ist doch erbärmlich!)
Des Weiteren hat unser britisch-amerikanischer Expeditionstrupp vor kurzem Herkulaneum besichtigt. Kim hatte vorgeschlagen, eine Station nach Ercolano aus der Circumvesuviana-Bahn auszusteigen, um einen tollen Spaziergang am Meer entlang bis zur Ausgrabungsstätte zu machen. Es folgte ein einstündiger Irrlauf fern jeglicher Küste und eine unerwartete Begegnung mit ein paar ortsansässigen Teenagern samt Messer. (Allerdings trug der Teenager mit dem Messer auch eine pink-farbene Jacke, was seine Gangster-Aura wieder etwas verblassen ließ.) Nun ja, schließlich kamen wir an der Ausgrabungsstätte an und genossen mal wieder ein bisschen Trümmergucken vom Feinsten: Als sich die Sonne langsam ins Meer senkte und die Schatten immer länger wurden, entdeckten einige von uns zudem ein neues Hobby: Schattenspiele. O-Ton, Nathan: „Hey guys, my head looks like sperm!“ Nachdem diese ereignisvollen Expeditionen (und meine ewige Erkältung) überstanden waren, bekam ich schließlich Besuch von Sarah (aus Orvieto – sprich: Regensburg) und Marion (aus Crotone – sprich: Münster). Aufmerksame Blogleser werden sich daran erinnern, dass ich mit diesen beiden bereits Rom unsicher gemacht habe. Auch bei diesem Zusammentreffen hatte sich das Wetter leider gegen uns verschworen, aber letztendlich hatten wir nur einen Regentag und haben es somit geschafft, Ischia, die Altstadt, das Museo Archeologico Nazionale, Pompei und Napoli Sotteranea zu erkunden. Hier ein paar Eindrücke: Und ganz nebenbei haben wir natürlich über alles Mögliche geredet, gestaunt, gelästert und gelacht: z.B. über das Lehrerdasein, den Mentalitätsunterschied zwischen Nord- und Süditalien, die Zukunft des deutschen Bildungssystems, die Highlights von Hape Kerkeling und Gerhard Polt, und die Herstellung von Büffelmozzarella (O-Ton, Marion: „Wie?! Es gibt weibliche Büffel???“). – Alles in allem also ein gelungenes Wochenende.
In der Schule läuft derweil alles wie gehabt. Ich bereite Stunden vor, einige Lehrer gucken mir beim Unterrichten interessiert zu, andere gehen 60 Minuten lang „mal eben was fotokopieren“. M-hm…schon klar. Allerdings bin ich neuerdings in der Schulhierarchie etwas aufgestiegen: Seit neuestem besitze ich einen eigenen CD-Player. – For a language teacher that’s the equivalent of a corner office! Und mit einer 8. Klasse gehe ich demnächst ins Theater, um Shakespeares „Sommernachtstraum“ anzugucken. Valeria hatte mich daher gebeten, die Schüler in den letzten paar Stunden ein bisschen in den Stoff und in die Welt des Theaters einzuführen, was ich natürlich sehr gern getan hab. Ergebnis: Ich habe es tatsächlich geschafft, italienische 14-Jährige für das englische Renaissance-Theater zu begeistern. Wieder ein Haken mehr auf der Liste meiner Lebensziele.
P.S.: Vor einer Weile wurde ich gefragt, was es mit dem Titel meines Blogs auf sich hat. Dieses Geheimnis soll nun gelüftet werden. Es handelt sich dabei um ein Zitat aus einem Gedicht von Elizabeth Bishop. Für alle lyrisch Interessierten folgt hier die vollständige Version:
One Art
The art of losing isn’t hard to master; so many things seem filled with the intent to be lost that their loss is no disaster.
Lose something every day. Accept the fluster of lost door keys, the hour badly spent. The art of losing isn’t hard to master.
Then practice losing farther, losing faster: places, and names, and where it was you meant to travel. None of these will bring disaster.
I lost my mother’s watch. And look! my last, or next-to-last, of three loved houses went. The art of losing isn’t hard to master.
I lost two cities, lovely ones. And, vaster, some realms I owned, two rivers, a continent. I miss them, but it wasn’t a disaster.
- Even losing you (the joking voice, a gesture I love) I shan’t have lied. It’s evident the art of losing’s not too hard to master though it may look like (Write it!) like disaster. Neues Jahr, alter Müll...8. Januar 2008
Ja, meine Lieben, es gibt mich noch. Ich hoffe, ihr habt alle wunderschöne und vor allem geruhsame Weihnachtstage verbracht. Euch allen wünsche ich ein tolles Jahr 2008! Ich hoffe, ihr seid gut hineingerutscht und der Neujahrskater ist jetzt endgültig überstanden. Wenn nicht, hab ich einen guten Vorsatz für euch: 2008 unbedingt trinkfester werden! Meine guten Vorsätze für das kommende Jahr lauten wie folgt: 1.) mein schriftliches Italienisch verbessern (jetzt, wo das mündliche so langsam in Gang kommt). 2.) mich erfolgreich bei der Uni Birmingham um einen Master-Studienplatz für „Shakespeare Studies“ zu bewerben. Oder zumindest die Bewerbungsunterlagen abschicken. Wär ja schon mal ein Anfang…
Was ist seit dem letzten Eintrag passiert? Hmm…ne ganze Menge. Jedenfalls kommt mir die Zeit wesentlich länger vor als nur zwei Wochen. Vor einer halben Ewigkeit habe ich also eine gesamte Woche damit verbracht, mit Achtklässlern Weihnachtsvokabelbingo zu spielen, bis zur Heiserkeit Weihnachtslieder zu singen und Schokolade zu verteilen. Ergebnis: Einige Schüler fangen tatsächlich an, mich als Menschen wahrzunehmen und nicht nur als laufendes Englischlexikon. Von meinem Lieblingsoberstufenkurs habe ich jedenfalls Pralinen geschenkt bekommen (sogar richtig teure!) und ein paar andere Oberstufenschüler haben mich gefragt, ob ich mal mit ihnen abends weggehen will (Diese Anfrage kam allerdings erst nach dem erstaunten Ausruf: „Ey, die spricht ja Italienisch!“ – Ach, Kinder, was denkt ihr eigentlich, was ich seit vier Monaten mache?!). Außerdem haben mir dieselben Mädels von Alex, dem letzten Englisch-Assistenten erzählt. Es gab eine Zeit, da konnte ich diesen Namen nicht mehr hören. Am Anfang hat mir nämlich jeder Lehrer von besagtem Alex erzählt. Alex kam aus England und sah angeblich wahnsinnig gut aus. Jedenfalls trauern ihm noch alle Mädels (und wahrscheinlich einige Jungs) aus der Oberstufe hinterher. Demnach hatte er auch keine Probleme, die Aufmerksamkeit der Schüler auf sich zu ziehen. Naja, wie gesagt gab es irgendwann im September eine Zeit, in der ich am liebsten jeden Kollegen und Schüler angebrüllt hätte: „I’m not Alex. Deal with it!“, aber in der Woche vor den Ferien hörte ich dann tatsächlich zum ersten Mal Kritik an diesem Menschen. Z.B. erzählte mir die Kollegin Elisa nebenbei, dass der gute Alex zwar nett, witzig und charmant war, aber seine Stunden nie vorbereitet hat. Ich hingegen beherzige ja seit Jahren das Angela-Merkel-Prinzip: Was dir an optischen Reizen fehlt, musst du durch harte Arbeit ausgleichen. Und ich glaube, so langsam merken die Kollegen den Unterschied. Jedenfalls bekam ich von den Englischlehrern ein Weihnachtsgeschenk überreicht mit einer sehr lieben Karte: „for our hard-working assistant“. – Dankeschön! Und es waren auch nur ganz wenige Grammatikfehler im Kartentext ;) Das Geschenk war übrigens ein Portemonnaie. Hat mich sehr gefreut! Jetzt fehlt mir nur noch der passende Inhalt… Jedenfalls war ich trotz allem dankbar, die Schule und Italien mal für zwei Wochen hinter mir zu lassen und nach Deutschland durchzustarten. Durchstarten? – Denkste! Eigentlich sollte ich Freitagabend über München nach Hamburg fliegen. Nachdem wir alle eingecheckt und eine Stunde gewartet hatten, hieß es: „There is bad weather in Munich. The flight has been cancelled.“ (die üblichen Syntax- und Grammatikfehler des italienischen Bodenpersonals fügt ihr bitte selbst ein. Mich deprimiert das zu sehr.). Also: Alle folgen der Stewardess raus aus dem Flughafengebäude, dann wieder rein, um das bereits abgegebene Gepäck wieder abzuholen. Da wir aber zwischenzeitlich das Gebäude für ca. zwei Sekunden verlassen hatten, mussten wir wieder durch die Security-Schlaufe (sprich: Taschen entleeren, Gürtel aus, Laptop raus und einschalten, Schuhe aus etc.). Wer nicht vorher schon terroristisches Gedankengut hegte, ist durch diesen Zirkus sicherlich dazu bekehrt worden. Zumal wir anschließend 2,5 Stunden anstehen durften, um unsere Flüge umzubuchen. Immerhin war’s für mich letztendlich relativ schmerzlos wieder in die Wohnung zu kommen, da Davide sich bereit erklärte, mich abzuholen, und Valentina sowieso gerade dabei war, ein köstliches Essen für alle vorzubereiten. Also wurde mir kurzerhand ein Teller dazugestellt und anschließend ertränkte ich meinen Frust in Rotwein. J Am nächsten Morgen ging dann der Marathon los: Neapel-Mailand, Mailand-Frankfurt, Frankfurt-Hamburg. Um neun Uhr morgens hob ich in Neapel ab, und betrat schließlich völlig gerädert um 18:30 Uhr den Flughafen Hamburg. Ganz ehrlich: Ich habe mich noch nie so sehr gefreut, deutschen Boden zu betreten. – Und das Beste: Sie haben trotz mehrfachen Umsteigens mein Gepäck nicht verloren! Leute, es geschehen noch Zeichen und Wunder! Ab sofort glaube ich sogar wieder an den Weihnachtsmann. Nachdem dieser Stress überstanden war, haben wir es also letztendlich doch mal wieder geschafft, Weihnachten schön ruhig im Familienkreis zu feiern. Alle haben sich über ihre Geschenke gefreut, es gab keinen Streit und nichts ist abgebrannt. Fazit: Weihnachten 2007 = erfolgreich. Ein paar Tage später ging’s dann mit Sarah, Nadine und Johannes „auf Piste“, nämlich ins Café Keese in Hamburg. Insgesamt ein sehr netter Abend, obwohl (oder vielleicht gerade weil) mir Sarah und Nadine so viel Prosecco eingeflößt haben, dass ich zum Schluss meine Augen nicht mehr fokussieren konnte und nicht mehr so ganz wusste, was ich tat. Egal. Wir hatten Spaß… Zwei Tage später war’s dann allerdings mit dem Spaß vorbei, denn nun kommen wir zum traurigen Teil dieses Eintrags: Am 31.12.2007 ist unser Hund, Peggy, im Alter von 13 Jahren gestorben. Sie war über Weihnachten bereits erkältet und später hieß es dann, sie habe Wasser in der Lunge. Letztendlich ist sie jedoch ganz friedlich und ohne Schmerzen am 30.12. eingeschlafen und einfach nicht mehr aufgewacht. Wir werden sie natürlich wahnsinnig vermissen (immerhin habe ich seit meinem 10. Lebensjahr kein Leben ohne Hund mehr gekannt) und es ist schon jetzt erstaunlich, wie sehr so ein Hund den gesamten Tagesablauf strukturiert. Das wird für meine Mutter in nächster Zeit alles andere als leicht. Nun ja, so war’s also ein recht gedämpfter Start ins neue Jahr, aber wir sind trotzdem irgendwie reingekommen. Am 01.01. dachte ich mir jedenfalls: „Neues Jahr, neues Glück…ähm…oder so“ und begann in einem Anflug von Elan und Tatendrang, die Post der letzten vier Monate durchzugehen. Hierbei stellte ich u.a. fest, dass ich meinem Frisör seit Anfang September einen nicht unerheblichen Geldbetrag schulde: Mein Konto war einen Tag lang nicht gedeckt; der Brief von der Bank kam einen Tag nach meiner Abreise – und das sind so die Momente, in denen mich lange Auslandsaufenthalte richtig ankotzen. Immerhin zeigte sich die Frisörin sehr menschlich („Ach, Sie schulden uns Geld? Wirklich? Sind Sie sicher…?“ – Verdammt. Warum hab ich’s bloß erwähnt?!) und sie haben mir sogar noch mal die Haare geschnitten. Mit recht nettem Ergebnis, wie ich finde: Mit der Frisur könnte ich zur Not auch die Tagesschau moderieren. Nehmen Sie sich in Acht, Frau Hermann: Hier kommt Ihre Nachfolgerin. Jetzt fehlt mir nur noch das hellbraune Gedankengut… ;) Im selben Anflug von Elan und Neuanfang begab ich mich Anfang des Jahres auch zum Zahnarzt. Das erste Mal seit sieben Jahren. Denn ich finde, regelmäßige Vorsorge muss sein. Ich war schon auf schlimmste Schmerzen und eine ordentliche Standpauke gefasst, als der Zahnarzt mir in den Mund blickte und sprach: „Sieht gut aus. Zu Zahnstein neigen Sie nicht und die Versiegelungen von vor sieben Jahren sind auch noch da. Ich bin richtig stolz auf uns. Das Einzige, was Sie haben, ist ein Putzschaden am Zahnfleisch. Beim Militär nannte man das Selbstverstümmelung.“ – Fazit: Wenn ich mir bloß eine weichere Zahnbürste anschaffe, kann ich den nächsten Zahnarzttermin getrost für das Jahr 2015 ansetzen. So flog ich also ganz beruhigt wieder nach Neapel zurück. Und nun zu dem Teil, den ihr seit der Überschrift alle sehnlichst erwartet: die Müllkrise. Ich bekomme nämlich seit meiner Rückkehr pausenlos besorgte E-mails und hämische Nachrichten: „Na? Schon erstunken?“ Ha. Ha. Ha.
All I want for Christmas is... well, lots of things, really ;-)14. Dezember 2007
Weihnachten steht vor der Tür! Ist das nicht toll? Allen, die meinen, in diesem Ausspruch einen Hauch von Ironie entdeckt zu haben, muss ich eine vehemente Absage erteilen: Emmy, der chronische Weihnachtsmuffel, freut sich dieses Jahr wie ein kleines Kind auf das Fest der Liebe! Keine Ahnung warum, aber ich bin das erste Mal seit Menschengedenken wieder total in Weihnachtsstimmung. (Was Auslandsaufenthalte so alles bewirken können…) Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass hier in Italien der Vorweihnachtshype erst Anfang Dezember losgeht, und nicht wie in allen anderen westlichen Ländern mit einem Marzipankartoffel-Schokoweihnachtsmann-Walnuss-Lametta-Christbaumschmuck-Tsunami Anfang September in die Geschäfte schwappt. Natürlich kommt bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen über 10 Grad auch keine richtige Weihnachtsstimmung auf. Ich glaube, ich werde nächsten Freitag erstmal schockgefrostet, wenn ich in Hamburg am Flughafen ankomme. Mir bleibt nämlich nur noch eine Woche hier in Neapel und dann hab ich den wahrscheinlich schwierigsten Teil dieses Auslandsaufenthaltes hinter mir. - Wobei die letzten zwei Monate durchaus angenehm waren und das Heimweh sich seit Oktober nicht mehr hat blicken lassen. Bemerkenswertes aus den letzten paar Wochen?… Also, ich war auf einer Pizza Party (jaja, man darf die Klischees ja nicht vernachlässigen). Kim (die Amerikanerin) und ihre sehr nette Mitbewohnerin haben in rauen Mengen selbstgemachte Pizza vorbereitet und dann ca. 30 Leute spontan zum Abendessen eingeladen. Habe nun beschlossen, dass ich die Kunst des neapolitanischen Pizzamachens unbedingt erlernen muss, damit ich wenigstens im Ansatz behaupten kann, ich könne kochen. Nun ja, im Laufe des Abends habe ich viel Italienisch gesprochen und unter anderem auch Tango getanzt, weil Kims Mitbewohnerin einige Jungs aus ihrem Tanzkurs eingeladen hatte. Und das ist auch noch so eine Fähigkeit, die ich gern erlernen würde: so richtig gut Tango tanzen zu können. Leider vergesse ich die Schrittfolge immer wieder, aber zum Glück kann ich mich sehr gut führen lassen. (Jetzt müsste es bloß mehr Männer geben, die tatsächlich führen können…) Anderes Highlight: Ich war letzten Samstag spontan mal in Rom. Habe nämlich festgestellt, dass katholische Gegenden durchaus ihre Vorteile haben, denn letzten Samstag war Mariä Empfängnis (und natürlich glauben wir alle unbedingt an die unbefleckte Empfängnis. Klar. Also, wenn’s dafür schulfrei gibt, bin ich in meinem Glauben durchaus flexibel…). Nun ja, jedenfalls hab ich mir überlegt, dass die ewige Stadt ja nur zwei Zugstunden von Neapel entfernt ist, und dass man wohl kaum ein Jahr in Italien verbringen kann, ohne wenigstens einen Abstecher dorthin zu machen. Also schnell Sarah aus Orvieto kontaktiert (die eigentlich aus Regensburg kommt, und die ich beim Treffen in Florenz kennen gelernt hab) und ihr befohlen, mich am Bahnhof in Empfang zu nehmen. Wie’s der Zufall wollte, hatte sie sowieso vor, das Wochenende mit ihrer japanischen Freundin Marino und mit Marion (aus Hannover, unterrichtet ganz im Süden, in Crotone) in Rom zu verbringen, also haben wir uns zusammen einen sehr schönen Samstag gemacht. Obwohl’s zeitweise geregnet hat, war es doch klasse, endlich mal das Kolosseum, das Forum Romanum und den Trevi-Brunnen hautnah zu sehen. Das beeindruckendste Erlebnis kam gleich zu Anfang unseres Streifzugs: Beim Besichtigen der Basilika Santa Maria Maggiore konnten wir eine traditionelle lateinische Messe miterleben. Das war total ergreifend, vor allem jedes Mal wenn der Chor eingesetzt hat. Hm…schwer zu beschreiben, was das für ein Gefühl war, aber ich hab auf einmal wahnsinnig Lust bekommen, kirchlich zu heiraten – obwohl das natürlich im Bereich des Unmöglichen liegt. Naja, irgendwie muss es sich ja rächen, dass ich völlig religionsfrei aufgewachsen bin. Um noch mal zum Gottesdienst selbst zu kommen: Ich bin ja immer wieder beeindruckt, wie viel Katholiken beim Gottesdienst mitmachen müssen. Irgendwie hat man’s da in der evangelischen Tradition leichter: hinsetzen, Mund halten, wegnicken… Was kann ich noch berichten? Lerne meine Mitbewohner mittlerweile immer besser kennen. Donnerstagabend ergab sich z.B. spontan ein gemütlicher WG-Abend. Man nehme: eine riesige Portion Spaghetti carbonara, ein leicht angebranntes Schokoladen-Fondue, eine 4-Liter Rotweinflasche sowie eine Flasche Ballantine’s Finest Scotch Whiskey So, Freunde der Sonne…alle, die sich nur kurz darüber informieren wollten, was ich in letzter Zeit angestellt habe, können an dieser Stelle getrost aufhören weiterzulesen. Aber neulich beim Weihnachtskartenschreiben dachte ich, es sei doch mal an der Zeit, einen Jahresrückblick zu wagen. Keine Ahnung, ob das für euch interessant ist oder nicht, aber schließlich ist es mein Blog und somit entscheide ich, was ich der Cyber-Community zumute. So, here goes.
2007 – Drei Länder, drei Theaterproduktionen, eine Emmy, viel Arbeit(und ein bisschen Alkohol…)
Die erste Herausforderung kam im Februar, als ich mit meinem Shakespeare Kurs einen Ausschnitt aus „Viel Lärm um Nichts“ zur Bewertung präsentieren musste. Für alle, die das Stück kennen: Ich habe eine Figur gespielt, die von Shakespeare während der Schreibphase gestrichen wurde. Es handelt sich um Heros Mutter, Innogen. Und in unserem Ausschnitt ging es darum Familienkonstellationen im Stück zu erforschen und herauszufinden, wie sehr sich stumme Rollen auf die Handlung auswirken können. (Ende des langweiligen akademischen Exkurses.) In der Praxis heißt das: Die meiste Zeit habe ich damit verbracht, meinen Mann zu ignorieren und mit meiner Tochter über andere Figuren herzuziehen. Eine durch und durch sympathische Rolle also. (Und wenn jetzt wieder irgendwer sagt: „Du hast dich selbst gespielt!“, muss ich euch leider auf der Stelle erschießen.)
Hier also Emmy als Innogen mit nervigem Ehemann: …und mit gehässiger Tochter:
Während der Probenphase für dieses Stück musste ich übrigens auch noch zweimal die Woche zum Chor und mindestens dreimal die Woche für mehrere Stunden zur Operettenprobe, also hab ich mich Anfang des Jahres spontan mal dreigeteilt und nun ist Vieles einfacher. Das nächste Highlight war unumstritten die Aufführung unserer Operette „Iolanthe“ (Gilbert & Sullivan), zu deren Premiere nicht nur meine Mom, sondern auch meine beiden Schwestern es geschafft haben zu erscheinen, was mir wirklich sehr viel bedeutet hat. Die Handlung werde ich an dieser Stelle nicht zusammenfassen. Grob gesagt geht es um Feen und die Liebe. Hier also ein paar Einblicke in die Aufführung:
Emmy als rote Fee in Aktion: …bzw. bei den Proben: …a bissl was aus dem Backstage-Bereich: …meine Mitbewohnerin, Katy. - Regisseurin und treibende Kraft des Ganzen: …und natürlich wäre keine Produktion vollständig ohne besoffene Fotos von der Aftershow-Party:
Nach diesem Höhenflug kam im April eine unsanfte Landung, denn es hieß: Arbeit, Arbeit, Arbeit – da ich alle meine Abschlussarbeiten am 1. Mai abgeben musste. Ein Lyrikprojekt und vier Essays. Innerhalb von drei Wochen zu erstellen.
In der Endphase sah das so aus: Und nach Abgabe wurde natürlich erstmal ausgiebig gefeiert:
Es folgte ein Monat des seeligen Nichtstuns (allerdings bei miesem Wetter). Naja, also seeliges Nichtstun heißt: Mutter ruft Anfang Mai an - eine ihrer Schülerinnen aus der Drama Group ist ausgefallen. Ob ich nicht einspringen könne. Es sei auch nur eine ganz kleine Nebenrolle. Also lasse ich mir den Text schicken, lerne ihn auswendig und fliege Ende Mai für eine Woche nach Deutschland. Montag: Einzelprobe - Emmys zwei Szenen mit Gerrit; Dienstag: Kullisse aufbauen, Scheinwerfer montieren und ausrichten, anschließend Generalprobe; Mittwoch: Premiere; Donnerstag und Freitag: weitere Aufführungen. Obwohl's eine sehr stressige Woche war, hat das Ganze wahnsinnig Spaß gemacht, weil mich die Truppe von Anfang an super integriert hat und alle mit angepackt haben, wenn Not am Mann war. Letztendlich habe ich nur einmal meinen Text vergessen (und werde immer noch jedes Mal damit aufgezogen, wenn ich das Gymnasium Winsen betrete und mir Ex-Drama Group Mitglieder über den Weg laufen Hier also Emmy als Dorothy, die nervige Cousine vom Lande:
Nach dieser kleinen Tour de force ging es dann am Sonntagabend zurück nach England, damit ich am Montagmorgen meinen TEFL-Kurs (Teaching English as a Foreign Language) beginnen konnte – und noch härter als je zuvor arbeiten musste. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass ich es schaffen würde, vier Wochen lang mit durchschnittlichen vier Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen, aber irgendwie ging’s. Allerdings sind die Augenringe auf allen Fotos aus dieser Zeit deutlich zu erkennen und die lächerlichen 2-3 Aktenordner pro Nase vermitteln nicht mal annähernd einen präzisen Eindruck des tatsächlichen Arbeitspensums:
Allerdings muss ich zugeben, dass dieser Kurs mich unheimlich gut auf meine Aufgabe hier in Italien vorbereitet hat, sodass ich mich heutzutage furchtlos vor eine fremde Klasse stellen kann und sogar komplette Unterrichtsstunden innerhalb von Sekunden aus dem Ärmel schütteln kann.
Meinen 23. Geburtstag habe zusammen mit meinem Freund René ausgiebig gefeiert, da wir beide am selben Tag Geburtstag haben:
Absolutes Highlight des Sommers war natürlich meine „Graduation“. Das Essay-Schreiben hat sich nämlich insofern gelohnt, als meine Dozenten mich tatsächlich für würdig befunden haben, den Status des „Bachelor of Arts“ zu erhalten. Insgesamt war’s ein wunderschöner Tag, und wieder einmal hat mich meine Familie beeindruckt, indem sie vollzählig erschienen ist. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle! Und falls ihr immer noch nicht genug Hut-und-Roben-Fotos gesehen habt. Hier sind sie: Hier übrigens mit Emma, einer meiner Theaterdozentinnen: …und damit auch jeder weiß, dass ich „Drama“ studiert hab: Es folgten noch zwei Benefizauftritte beim Roten Kreuz mit einer Fraktion meines heißgeliebten Chors "Absolute Harmony":
Tja und dann ging das ewige Kistenpacken und Durch-halb-Europa-Umziehen los ( - übrigens einer der Tiefpunkte des Jahres. Kann mich immer noch nicht entscheiden, was ich mehr hasse; das Kistenpacken oder das Abschiednehmen.). Während meines kurzen Heimaturlaubs erlaubte ich mir unter anderem im August mit Sarah einen kurzen Abstecher nach Hamburg zum Christopher Street Day. Zu sehen hier:
Nun ja, und Anfang September war dann Kofferpacken und Wieder-durch-halb-Europa-Umziehen angesagt ( - erkennen wir hier so langsam ein Muster…?). Den restlichen Jahresrückblick erspare ich euch, denn an dieser Stelle hab ich schließlich angefangen, euch regelmäßig per Bloggeschwafel zuzusülzen (also könnten die ganz Enthusiastischen unter euch theoretisch anfangen, den gesamten Blog noch mal von vorne zu lesen…).
Was war noch 2007? Ach, sowohl Anne Will als auch Jodie Foster haben sich im Laufe des Jahres öffentlich geoutet. All in all it’s been a great year for us!
Für alle, die sich tapfer bis hierhin durchgeschlagen haben, hier eine kleine Belohnung – verbunden mit einem lieben Gruß an meine Schwestern, Jenny und Lindsay! (WARNING to members of the Oliver-Family: this may not be suitable for watching at work, as you are quite likely to burst out laughing in a very embarrassing manner…).
http://www.elfyourself.com/?id=1387457292 Ich wünsche euch allen ein wunderschönes Weihnachtsfest, wo immer ihr es auch verbringen mögt, und natürlich alles, alles Liebe und Gute für das neue Jahr. Auf dass all eure Wünsche in Erfüllung gehen mögen! Von meiner Traumstadt und diversen Alpträumen...28. November 2007
Bevor sich der November nun gänzlich seinem Ende zuneigt, sollte ich dann doch noch mal bloggen, damit keiner behaupten kann, ich würde mich höchstens einmal im Monat melden.
Aaaalso, was ich im letzten Eintrag ganz vergessen hatte zu erwähnen: Anfang November ist Valentina, die neue Mitbewohnerin eingezogen. Wohne nun also mit Vale und Ale zusammen Und es gibt noch eine wichtige Neuigkeit: Ich kann jetzt glücklich sterben. Ja, meine Lieben, ich habe Florenz gesehen. Die Stadt meiner Träume. Und es war toll. Einfach. Nur. Toll. *seufz* Da Martina und ich ja leider, leider an diesem Freitag im November an einem Einführungskurs für Fremdsprachenassis teilnehmen mussten, und dieser nun leider, leider ausgerechnet in Florenz stattfand, beschlossen wir einfach mal spontan, die Schule Schule sein zu lassen und uns ein langes Wochenende im Geburtsort der Renaissance zu gönnen. Nach 3,5 Stunden Zugfahrt kamen wir an, suchten unsere (sehr zentral gelegene) Jugendherberge und unternahmen einen lässigen Spaziergang zum Dom und zum Ponte Vecchio. Als ich nun endlich vorm Dom von Florenz stand, passierte mir einer dieser seltenen Momente, in denen es einem tatsächlich die Sprache verschlägt. Manchmal muss man einfach den Mund halten und nur gucken und staunen, was die Welt doch zu bieten hat. Der gesamte nächste Tag bestand aus mehr oder weniger interessanten Vorträgen mit mehr oder weniger wichtigen Infos. Die angekündigten zwei Stunden „group work“ bestanden zudem aus Rumsitzen, während sich einer nach dem anderen vorstellte. So sieht also italienische Teamarbeit aus. Aha. Naja, immerhin schleuderte die zuständige Frau am Ende ein paar interessierte Fragen in die Runde: - „Wer von euch hat denn schon eine eigene Stunde geben dürfen?“ - „Ähm…EINE??? Also ich gebe seit Mitte September 15 Stunden die Woche in Eigenregie. Wenn ich Glück habe, sitzen die Lehrer brav daneben und hören zu. Wenn nicht, gehen sie mal eben 45 Minuten lang „fotokopieren“…“ - „Ach, wirklich? Die Lehrer dürfen euch aber auf keinen Fall mit der Klasse allein lassen!“ - „So? Das sollten sie denen vielleicht mal erklären.“ Und so weiter und so fort. Nun ja, das Gute an dieser ganzen Aktion war, dass ich ganz viele liebe, nette Fremdsprachenassis aus ganz Europa kennen gelernt habe, darunter Stine und Julie aus Dänemark, mit denen wir den Rest des Wochenendes verbracht haben, und Anja, Marion, Sarah und Nishanti aus Deutschland, die mir auf Anhieb alle sehr sympathisch waren und mir somit gleich ein paar neue Studivz Freundschaften beschert haben - „Hey! Das ist ja toll, dass ihr auch Comenius-Assistenten seid! Wo haben sie euch denn hingeschickt?“ - „Wir unterrichten beide in Neapel.“ - „Oh… Oh mein Gott, das tut mir leid. Mich haben sie ja zum Glück nach Verona geschickt. Ich hab auf dem Formular extra angegeben, dass ich nicht in eine große Stadt wollte, weil ich wusste, dass sie mich dann nach Neapel schicken. – Schrecklich, diese Stadt!“ - „Warste schon mal da?“ - „Nee, aber was man so hört…“ bla bla bla blub. Ein Klischee nach dem anderen. Also von einer Ex-Erasmus-Studentin hätte ich echt mehr kulturelle Offenheit erwartet. 1.) Nur wer schon mal in Neapel gelebt hat, darf auch drüber ablästern. 2.) Während ihr euch im noblen Norden den Arsch abfriert, sitzen wir hier im November noch lässig im T-Shirt herum. Ätsch. Zum Glück ist die Gute am nächsten Morgen schon abgereist. Ansonsten hätte ich sie wahrscheinlich irgendwann im Schlaf erwürgen müssen. Das restliche Wochenende verbrachten wir, wie sich das gehört, in ausgezeichneter (sehr internationaler) Gesellschaft mit Sightseeing und Shoppen. Unter anderem haben wir die Domkuppel erklommen (alle 463 Stufen!) und der Blick von oben über die Dächer von Florenz hat mir zum zweiten Mal an diesem Wochenende die Sprache verschlagen. Herrlich! (siehe Fotos) Sollte ich jemals reich genug sein, kaufe ich mir ein Haus in der Toskana. Tja, und den Rest des Tages haben wir auf dem Markt verbracht, wo Martina und ich auch unser gesamtes Monatsgehalt gelassen haben. Und das, obwohl wir wahnsinnig dreist die Preise runtergehandelt haben. Naja, jedenfalls bin ich jetzt stolze Besitzerin eines lila-farbenen Zylinders. Noch Fragen? Leider wirkte sich die Kombination aus zu wenig Schlaf, zuviel gutem Rotwein und zu kaltem norditalienischen Klima letztendlich negativ auf meine Gesundheit aus, sodass ich extrem erkältet in die nächste Woche startete. Doch ein strebsamer Junglehrer weiß auch dies zu seinem Vorteil zu nutzen, und so hieß das Thema meiner ersten Stunde: „At the doctor’s“ und die Kleinen durften ein paar Dialoge schreiben und aufführen. Schule an sich läuft übrigens in letzter Zeit sehr gut. Keine Ahnung, woran es genau liegt, aber ich merke doch, dass es sehr wenige Tage gibt, an denen mir das Lehrerdasein zum Hals raushängt. Die meiste Zeit macht mich das Unterrichten sehr glücklich – vor allem in den jüngeren Klassen, mit denen ich mich immer besser verstehe. Nächsten Montag darf ich sogar mit meiner Lieblingsklasse morgens ins Musical: „Footloose“. Bin mal gespannt, was das abgibt. Noch bin ich nämlich (zu meiner großen Schande) nicht ein einziges Mal in Neapel im Theater gewesen. Wollen wir hoffen, dass sich die Klasse benimmt, damit ich in Zukunft möglichst viele Gruppen begleiten darf (d.h. weniger Stunden vorbereiten und kostenlos ins Theater!). Drückt mir bitte die Daumen… Was gibt’s sonst Neues zu berichten? Letztes Wochenende habe ich eine ganze Reihe sehr interessanter und intelligenter Amerikaner kennen gelernt (- ja, so was gibt’s tatsächlich). Nathan (aus Seattle) arbeitet nämlich an derselben Schule wie Martina als Sprachassi und hatte uns alle zu sich ins Viertel Bagnoli eingeladen. Er hat gerade seinen Abschluss in europäischer Geschichte erworben und für sein Jahr in Neapel ein Stipendium der Fulbright-Kommission bekommen, genau wie Kim und Aitana, die ich auch am Sonntag kennen gelernt habe. Aitana (30) ist Hispano-Amerikanerin (sagt man das so?), arbeitet an einem Kunstprojekt zum Thema „Tod“ und hat somit uneingeschränkten Zugang zu allen Fundobjekten und Gipsgüssen aus Pompeii. Sie ist außerdem mit Arthur zusammen, einem Fotografen, der übrigens 65 ist (und laut Nathans Theorie bestimmt mal ihr Dozent war Da natürlich kein Blog-Eintrag komplett wäre ohne ausgiebiges Jammern über meine Mitbewohner, kommt hier die nächste Folge des dramatischen Lebens der Alessia I. aus N. Diese Woche ist mal wieder Krisenstimmung angesagt, da Alessia im Dezember nicht drei sondern ganze vier Prüfungen für die Uni absolvieren muss. Schon während des Referendariats hat sie sich tierisch darüber aufgeregt, wie viel sie doch arbeiten müsse (sprich: 10 Stunden die Woche zugucken, wie andere Lehrer unterrichten). Als sie dann tatsächlich selbst eine Stunde geben musste, hat sie sich drei Tage vorher freigenommen und trotzdem noch den Stoff bis um 3 Uhr morgens vor sich hingebrabbelt. Die Frage, was sie denn gedenkt zu tun, wenn sie in ein paar Monaten tatsächlich Lehrerin ist und fünf Stunden pro Tag geben muss, konnte ich mir gerade noch verkneifen. Nun ja, jetzt ist das Referendariat vorbei und es stehen einige Prüfungen an. Nicht, dass mich hier irgendwer falsch versteht: Mir sind Uni-Prüfungen auch wahnsinnig wichtig und ich setze mich im Vorfeld unter Druck und bin in dieser Zeit bestimmt nicht die angenehmste Mitbewohnerin der Welt. Aber was mir wirklich sauer aufstößt, ist folgendes: Wenn Alessia leidet, muss die ganze Welt mitleiden. Wenn ich viel zu tun habe, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und arbeite, was das Zeug hält. Wenn meine liebe Mitbewohnerin viel zu tun hat, verbringt sie mindestens eine Woche damit, allen zu erzählen, wie viel sie doch zu tun hat, dass sie das niemals im Leben schaffen wird und dass sie es tausendmal schwerer im Leben hat, als alle anderen um sie herum. Sie raucht noch mehr als sonst und beschwert sich dann, dass sie sich körperlich schlecht fühlt (hm…warum bloß…?). Und wenn sie dann noch ihre Tage bekommt, kann man im Prinzip gleich den nationalen Notstand ausrufen. So geschehen heute. Ich komme aus der Schule; sie sitzt, in eine Rauchwolke gehüllt, mit Davide im Wohnzimmer und starrt vor sich hin. Davide hat sich extra freigenommen, weil es ihr so schlecht geht. Okay, natürlich habe ich Verständnis für Menschen, die unter Regelschmerzen leiden. Aber 1.) ist mir schleierhaft, inwiefern es hilft, wenn der Freund den ganzen Tag lang daneben sitzt und Händchen hält, 2.) werden die Schmerzen auch nicht davon besser, dass man zu Hause rumsitzt und sich voll und ganz auf sie konzentriert. In den drei Monaten, die wir nun schon zusammenleben, hat sich Alessia bislang jedes Mal zwei Tage frei genommen, wenn sie ihre Tage bekommt. Und von dem, was Martina & Co. über ihre Mitbewohner berichten, machen das anscheinend die meisten italienischen Frauen so. Jeden Monat zwei Tage frei! Das muss man sich mal vorstellen, was das für die italienische Volkswirtschaft bedeutet! Gut, gut, ich hör schon auf abzulästern. Aber ab und zu muss das sein. Und wenn ich diese Dinge nicht im Internet loswerde, müsste ich sie womöglich noch an der betroffenen Person selbst auslassen. Und der Bereich zwischenmenschliche Konfrontation ist im Leben der Emily O. aus W. an der L. einfach nicht vorgesehen. Dazu hab ich einfach kein Talent. Zum Schluss noch ein paar Takte zum Thema Spracherwerb und Mentalitätswandel. Das mit dem Italienisch klappt natürlich immer besser, auch wenn es noch nicht so flüssig ist, wie ich das gern hätte. Außerdem haben Martina und ich gestaunt, wie leicht das florentinische Italienisch im vergleich zum neapolitanischen zu verstehen war. Naja, hoffentlich hat es am Ende den selben Effekt wie mein Québécois-Französisch: Wenn man das erstmal kapiert hat, kann einen kein Dialekt dieser Welt mehr schocken. (Aber warum suche ich mir für meine Auslandsaufenthalte grundsätzlich urkatholische Regionen aus, in denen eine Verballhornung der Landessprache verbreitet ist? Hm…seltsam.) Das mit dem Italienisch klappt allerdings so gut, dass meine eigentlichen Muttersprachen immer mehr ins Hintertreffen geraten. So geschehen letzten Montag, als ich Loredana fragte, ob ich einen Konversationskurs für Lehrer geben könne, weil mich einige Kollegen drum gebeten hatten. Da dies während einer Englischstunde geschah, unterhielten wir uns natürlich auf Englisch, und Loredana meinte, ich müsste die Idee erst mit dem Schulleiter abklären. Daraufhin Emmy: „Right. Okay. I’ll ask the president, and then we can arrange a time.“ Der Schulleiter heißt nämlich auf Italienisch „il preside“. Auf Englisch klingt das dann allerdings ganz schön bescheuert. (Klar, Emmy, ruf einfach mal den Präsidenten an. Der interessiert sich bestimmt für deine Aktivitäten hier in Neapel…) Nächstes Beispiel: Eine Schülerin verteilt während der Stunde Kuchen, da sie Geburtstag hat. Sie kommt zu Emmy und sagt in sehr schönem Englisch: „It’s my birthday!“ Daraufhin Emmy: „Oh, congratulations!“ … Bis mir mein Gehirn schließlich einen mentalen Arschtritt verpasst (Wie wär’s mit „Happy Birthday“? – Nur so eine Idee…) und mir klar wird, dass „Auguri!“ oder „Herzlichen Glückwunsch!“ nur in zwei der vier Sprachen angebracht ist, die gerade in meinem Kopf vor sich hinschwirren. *seufz* Und zum Abschluss noch eine kleine Anekdote aus einer meiner Oberstufenstunden: Emmy hat den Auftrag, den Schülern das Stück „Look Back in Anger“ von John Osborne schmackhaft zu machen. Obwohl sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, warum sich italienische Teenager für ein englisches 50er Jahre Stück interessieren sollten, in dem ein Mann stundenlang seine Frau und seinen Mitbewohner zur Sau macht, gibt sie sich Mühe und beschließt, sich auf das Thema „Anger“ zu konzentrieren. Auf die Frage: „What makes you angry?“ antwortet nach langem Schweigen eine Schülerin (aus purem Mitleid mit der verzweifelten Fremdsprachenassistentin): „Erm…religion and the Church?“ Emmy stürzt sich dankbar auf diese Äußerung und fragt nach: „What exactly makes you angry about the Church?“ Die Antwort: „For example, they don’t accept many things…like divorce…or homosexuals.“ Um ihr Interesse zu signalisieren und die Aussage zu präzisieren, hört sich Emmy fragen: „And you think the Church should accept homosexuals?“ Daraufhin die Schülerin: „Yes, of course!“ Der Tonfall dieser Antwort spricht Bände: Was haben die uns da bloß für eine erzkonservatives Arschloch vor die Nase gesetzt?! – Und ich habe immer noch keine Ahnung, wie es passieren konnte, dass ich mich vor einer gesamten Oberstufenklasse als rückwärtsgewandte Schwulenhasserin darstellen konnte… *haut mit der Stirn wiederholt auf den Schreibtisch*
In diesem Sinne: Gute Nacht! (- Sagt man doch so auf Deutsch, oder?) Von turbulentem Wetter, diversen Sprachkrisen und einer wunderschönen Insel7. November 2007
Der letzte Eintrag liegt schon fast einen Monat zurück, was vermuten lässt, dass in der Zwischenzeit so einige bemerkenswerte Dinge passiert sind. Mal sehen, wie viele dieser Ereignisse ich aus meinem Gedächtnis hervorkramen kann. Erste Neuigkeit (und unschwer am erheblich verbesserten Layout dieses Blogs zu erkennen): Mir hoam’s Internet! Gott. Sei. Dank. Man glaubt es kaum, aber seit fast einer Woche erfreut sich die WG einer recht guten DSL-Verbindung. Ich kann gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war – nach vier Monaten erzwungener Netzlosigkeit. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass ich mittlerweile auch zum absoluten Internetjunkie mutiert bin. Muss gestehen, dass ich nach Installation besagten Internetanschlusses letzten Donnerstag nicht einmal aus dem Pyjama herauskam. Habe an diesem Tag zweimal vergessen zu essen und irgendwann festgestellt, dass es 23:00 Uhr war und ich tierische Nackenschmerzen hatte. – Ups… Also, die Verbindung zur Außenwelt steht jetzt. Wer mich über eine Blog-Kommentar, über Skype, MSN, Studivz, Facebook oder ganz normal per E-Mail erreichen will, kann dies gern tun. Sollte ich dieses Mal nicht sofort antworten, heißt das also nicht, dass ich keinen Web-Zugang habe, sondern dass ich eure Fresse noch nie leiden konnte und deshalb nach Italien geflüchtet bin. Oder dass ich grad ganz viele Stunden für die kleinen italienischen Gören vorbereiten muss. Ihr dürft euch den Grund selbst aussuchen. Zweite Neuigkeit: Neapel wurde von einer Wahnsinns-Kaltfront heimgesucht. Das ist zwar nun schon mehrere Wochen her, aber meingottwardasschweinekalt! Von einem Tag auf den anderen fiel die Temperatur um ca. 10 Grad (und ich übertreibe hier ausnahmsweise mal nicht!), es wehte ein eisiger Wind und dazu gab’s dicke, fette Regentropfen. Nun bin ich ja wettertechnisch Einiges gewohnt. Regen nervt mich zwar tierisch, aber nach drei Jahren England hab ich mich dann doch irgendwie damit abgefunden. Auch Kälte macht mir gewöhnlich überhaupt nichts aus (im Gegensatz zu mehreren anderen Austauschschülern hatte ich eigentlich gar keine Probleme mit den –25 Grad-Tagen in Québec). Aber ganz ehrlich: Ich habe noch nie in meinem Leben so gefroren wie in der Woche vom 21. bis zum 28. Oktober. Der Grund dafür ist mir erst sehr viel später aufgegangen: Die Wohnungen hier sind so konstruiert, dass sie Kälte speichern. Fragt mich nicht wie, aber es ist so. Im Sommer ist es drinnen angenehm kühl, aber bei 7 Grad Außentemperatur und unbeheiztem Wohnraum fühlt sich jeder Schritt auf dem Steinfußboden an, als würde man auf Permafrostboden wandeln. Es würde mich nicht wundern, wenn sie irgendwann anfangen, im Keller unseres Gebäudes ein perfekt erhaltenes Mammut aus der Steinzeit freizulegen. Echt, das ist wie Leben im Mittelalter: Alles, was nicht bedeckt oder dem Feuer zugewandt ist, friert dir sofort ab. Naja, die Tatsache, dass ich mir immer noch keine Bettdecke angeschafft hatte, war natürlich auch nicht besonders hilfreich. Nachdem ich am Montagmorgen um 5 Uhr davon aufgewacht war, dass ich meine Füße vor Kälte nicht mehr spüren konnte, beschloss ich also, diesen Missstand zu beheben. Auf dem Markt in Vomero hab ich mir dann erstmal (Geld hin oder her) eine Fleece-Decke, ein Paar Oma-Hausschuhe, dicke Socken und eine Billig-Sporthose zugelegt (auf der Gesäßfläche steht fett: „ITALIA“. – Bin mir noch nicht so ganz sicher, was genau das über das Land aussagen soll…). Die Sporthose brauchte ich, da ich mittlerweile dreimal die Woche Sport treibe. Ja, ihr habt richtig gelesen; da waren tatsächlich die Worte „Sport“, „ich“ und „dreimal die Woche“ in einem Satz vereint. Es handelt sich hierbei um Sportstunden für Lehrer, die an meiner Schule kostenlos angeboten werden. Was soll ich euch sagen, Freunde der Sonne? Nach ca. 20 Jahren vergeblichen Suchens habe ich endlich die Sportart gefunden, die mir zusagt: Mit einer handvoll Kollegen, die mindestens 20 Jahre älter sind als ich und allesamt Rücken-, Knie- und sonstige Beschwerden haben, abends eine Stunde lang zu 80er Jahre Musik ein bisschen Aerobic-technisch abhotten. Endlich habe ich mal nicht das Gefühl, beim Sport die absolute Nullnummer zu sein. Andere wichtige Neuigkeiten: Ich verstehe mich mittlerweile immer besser mit den beiden anderen Sprachassistenten, Martina (die aus London, mit spanischen Eltern) und Alison (aus Orkney, dem nördlichsten Norden Schottlands). Wir waren jetzt schon mehrmals zusammen weg und können uns jedes Mal stundenlang über alles Mögliche unterhalten, und natürlich nach Herzens Lust über Schüler und Kollegen ablästern. Allerdings ist es egal, in welchem Viertel von Neapel wir unterwegs sind, irgendwer trifft garantiert seine Schüler auf der Straße. *seufz* Mit Alison war ich übrigens letzten Freitag auf der süßen kleinen Golfinsel Procida (siehe Fotos). Sie war mir bereits von Leonie wärmstens empfohlen worden (also, die Insel – nicht die Sprachassistentin) und natürlich hab ich schon ein paar Bilder gesehen, aber trotzdem hat dieses kleine Eiland es geschafft, meine Erwartungen zu übertreffen und mich völlig in seinen Bann zu ziehen. Keine Beschreibung kann dem Eindruck gerecht werden, den diese Insel bei mir hinterlassen hat, aber wer mediterrane Postkartenidylle sucht, ist hier definitiv an der richtigen Adresse. Die Insel ist gut an einem halben Tag zu Fuß erkundbar, es sind kaum Touristen da, es gibt ungefähr 3,5 Straßen, also ist es im Vergleich zu Neapel wunderbar still und man hört nur das Wasser plätschern und die Kirchenglocke läuten. *schmacht* Außerdem war das Wetter an diesem Tag wahnsinnig schön, sodass wir uns am 2. November im Trägerhemd sonnen konnten. Übrigens, als wir uns in den wunderschönen kleinen Fischerhafen begaben, hatte ich ein seltsames Gefühl von Déjà-Vu. Warum, wurde mir erst klar, als wir das Hafencafé betraten und ich ein Poster sah, auf dem einer meiner Lieblingsfilme, „Il Postino“, abgebildet war. Dieser Film, den ich vor allem wegen seiner Musik und der wunderschönen Landschaftsaufnahmen liebe, ist tatsächlich auf Procida gedreht worden. Ich wünschte, ich könnte behaupten, das sei der krönende Abschluss des Tages gewesen, aber dann bestellten wir jeder ein Eis und die ca. 30-jährige Bedienung nickte, als sie wiederkam, in unsere Richtung und fragte: „Madre e figlia?“ – Bitte was??! Mutter und Tochter??? Wahrscheinlich hat sie meinen fassungslosen Gesichtsausdruck bemerkt, da sie schnell die Frage abänderte in: „Sorelle?“ – Na gut, Alison und ich haben beide Englisch gesprochen und haben beide möchtegern-blonde Haare. Aber das war’s auch schon mit der Ähnlichkeit. Und die Mutter-Tochter-Frage hat mich echt aus der Bahn geworfen (zumal Alison noch recht jung aussieht, also ist es ziemlich klar, wen sie mit „Mutter“ meinte). *schluchz* Den Abend habe ich dann (wieder auf dem Festland) mit Alisons italienischer WG und einem Franzosenpärchen verbracht. „Oh, toll!“, dachte ich, als ich hörte, dass sie sich uns anschließen wollten, „dann kann ich ja endlich mal wieder Französisch sprechen und muss mir nicht wie die hinterletzte Idiotin vorkommen, weil mir ständig die Worte fehlen.“ – Sprach’s, und fing an, besagte Franzosen zuzutexten. Bis ich irgendwann merkte, dass die mich etwas verwirrt anstarrten. Und ich ins Stottern geriet. Und mir plötzlich klar wurde, dass ich lediglich dabei war, französisch-klingende Wörter aneinanderzureihen. Dass aber die Hälfte dieser Wörter italienischen Ursprungs war. Oh Gott. Mittelschwere Sinnkrise. Dabei ist Französisch doch theoretisch die Fremdsprache, die ich kann! Verdammt noch mal! Naja, nach einer Weile konnte ich mich dann doch wieder mehr oder weniger in die Sprache hineindenken, obwohl ich immer noch auf alle Fragen mit „Si“ statt „Oui“ geantwortet habe, und statt „avec“ immer „con“ gesagt habe (was auf Französisch übrigens „Idiot“ oder „Arschloch“ heißt. – Super, Emmy!). Wie ihr wahrscheinlich an einigen ungewöhnlichen Formulierungen auf diesem Blog erkennen könnt, leidet mein Deutsch auch zusehends unter der Sprachkrise, und es passiert mir immer öfter, dass mir mitten im Unterricht das passende englische Wort nicht einfällt. Aaaargggh! Interessant an dieser Entwicklung ist, dass der Zustand anscheinend ansteckend ist: Als ich mich letztens mit Valeria unterhalten habe, fielen ihr partout nicht die passenden italienischen Vokabeln ein La situazione Emily...17. Oktober 2007
So, nachdem ich in letzter Zeit ein paar sehr liebe Leute sanft daran erinnert habe, dass sie doch bitte (verdammtnochmalgefälligst) mein Blog-Geschwafel lesen sollen, sollte ich vielleicht auch mal etwas Lesenswertes schreiben. Hm…leider fällt mir gerade nichts ein, also bleibt’s beim üblichen Gelaber. An alle, die zum ersten Mal auf dieser Kultseite surfen: Herzlich willkommen! Ihr werdet euren Besuch schon noch früh genug bereuen…(Und ich bitte wieder einmal, die Formatlosigkeit und Unleserlichkeit meiner Einträge zu entschuldigen. Der Schulcomputer schafft leider nichts Besseres.)
Die aufmerksamen Leser unter euch (*schnarch*) werden bemerkt haben, dass ich euch im letzten Eintrag aufgefordert hatte, doch bitte für mich zu beten. Leider hatte irgendwer am letzten Freitag den Schulcomputer mit einem Fluch belegt, daher konnte ich diese Bitte nicht mehr rechtzeitig ins Netz stellen. Das sollte sich rächen. Und zwar wie folgt: Als ich mich im Flieger von Neapel nach Bologna in meinem Sitzplatz niederließ, hörte ich, wie das Mädel neben mir in gebrochenem Englisch mit der Stewardess kommunizierte. Ich fragte daher zögerlich: „Bist du Deutsche…?“ Sie schüttelte energisch den Kopf: „Naaaa, Österreicherin!“ Ach so, naja, immerhin deutscher Sprachraum. Von wegen. Obwohl sie eine Stunde lang ununterbrochen auf mich einredete, verstand ich maximal jedes fünfte Wort. Bitte versteht mich nicht falsch; ich habe prinzipiell nichts gegen Österreicher und finde z.B. den Akzent einer Senta Berger zum Dahinschmelzen schön, aber diese Frau war wirklich eine der nervigsten Personen, die mir je untergekommen ist. Vielleicht war die Wasserstoffperoxid-Überdosis, die sich in ihren Haaren befand, aus Versehen bis zum Gehirn vorgedrungen – ich weiß es nicht. Jedenfalls ließ sie sich durch nichts vom hirnlosen Gebrabbel abbringen – nicht einmal, als ich irgendwann verzweifelt anfing, mit vollster Konzentration die Gebrauchsanweisung auf der Kotztüte zu lesen! Nun ja, nach einer der längsten Stunden meines Lebens landeten wir also endlich in Bologna und ich suchte dankbar das Weite bzw. meinen Anschlussflug. Leichter gesagt, als getan. Ich wusste zwar, dass ich nur ca. 40 Minuten Zeit zum Umsteigen hatte. Was ich nicht wusste, war, dass die Security-Schlange in Bologna ungefähr dreimal so lang ist, wie an irgendeinem anderen Flughafen dieser Welt. Ich hatte mich gerade in typisch englischer Manier frustriert hinten angestellt, als aus dem Lautsprecher die Ansage ertönte: „Last call for Lufthansa flight 3975 to Frankfurt.“ Daraufhin befiel mir mein Gehirn: „Scheiß auf die englischen Wurzeln!“ und ich wurde zu einem dieser schrecklichen Menschen, die sich gnadenlos an der gesamten Schlange vorbeischieben, wobei ich mir die Wut von ca. 200 Bolognesen zuzog (- Bolognesen??! Sagt man das so? Klingt irgendwie nach Spaghetti-Soße…aber wie soll man die Einwohner von Bologna sonst nennen?). Als das rettende Metalldetektor-Tor schon zum Greifen nahe lag, stellte sich mir plötzlich ein stämmiger Amerikaner breitbeinig in den Weg und fragte bewusst langsam: „So…why are you pushing past me…?“ „Because… my flight goes in exactly ten minutes, SIR. And if you don’t get out of my way RIGHT now, I swear I will kick your arrogant arse from here to the middle of next week, SIR!“ (Der letzte Teil spielte sich zum Glück nur in meinen Gedanken ab). Irgendwie schaffte ich es schließlich doch noch in das Flugzeug und wir kamen mit nur leichter Verspätung in Frankfurt an. Hier erwartete mich auch schon die nächste Überraschung. Das Gepäckband lief und lief und lief und hielt an – und mein Rucksack war nirgends zu finden. Eine sehr nette Lufthansa-Dame schaute auf mein Flehen hin im Computer nach und fragte: „Hatten sie eine kurze Umstiegszeit?“ („Naja, was heißt „kurz“? Es könnte sein, dass ich den derzeitigen Weltrekord im Kurzstreckensprint mit Handgepäck gebrochen habe, aber sonst…nöö, eigentlich nicht…“). Kurze Zeit später juchzte sie entzückt: „Ja, in der Tat, ihr Gepäck befindet sich noch in Bologna. Das kommt dann morgen im Laufe des Tages hier an.“ „Das ist ja schön. Ich bin morgen im Laufe des Tages erst auf einer kirchlichen Trauung und anschließend zum Empfang auf einer Burg irgendwo in der Umgebung von Frankfurt…“ usw. Die weiteren Details unseres Gesprächs erspare ich euch an dieser Stelle. Zum Glück hatte ich in weiser Voraussicht und getreu der alten Emmy-Lebensweisheit („Traue niemandem außer dir selbst. Du bist und bleibst auf dich allein gestellt.“) nicht nur meinen Anzug, sondern auch meine Schuhe und meine Gesangsnoten für den nächsten Tag ins Handgepäck gepackt. Sonst wäre ich dieser unschuldigen Frau wahrscheinlich an die Gurgel gegangen. Naja, so bekam ich am Ende einen exklusiven Lufthansa Kulturbeutel in die Hand gedrückt (was heute schon so alles als „Kultur“ gilt…) und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, denn ich sollte ja bei Leonie in Mainz übernachten. Zu meiner Erleichterung strahlten mir von der Anzeigentafel der Deutschen Bahn mindestens fünf Verbindungen nach Mainz entgegen. Zu meiner maßlosen Enttäuschung stand neben jeder einzelnen: „Zug fällt aus.“ Völlig fassungslos fragte ich ein Backpacker-Pärchen neben mir, was denn bloß heute mit den Zügen (und überhaupt mit der ganzen Welt!) los sei. „Streik im Regionalverkehr“ war die lapidare Antwort. Ah so. Ja klar. Gut, dann…setz ich mich jetzt hier einfach hin und ruf Leonie an und inhaliere innerhalb von 2 Sekunden eine gesamte Tafel Frustschokolade vom Lufthansa-Flug (- die wissen genau, warum sie im Flugzeug Milka-Schokolade verteilen!). Irgendwann fuhr dann doch noch ein Zug nach Mainz, wo ich von Leonie und ihrem Freund Seb ganz lieb in Empfang genommen wurde – und von da an war’s dann tatsächlich ein ganz tolles Wochenende! Am nächsten Morgen traf ich mich ganz mondän mit Jenny und Daphne zum vorkirchlichen Kaffee in der Frankfurter Innenstadt und anschließend ging’s zur Probe mit dem Organisten. Ich muss gestehen, mir stockte an dieser Stelle kurzzeitig der Atem, als besagter Organist die Noten vor sich ausbreitete und mich fragend ansah: „Also, wo sind jetzt noch mal die Wiederholungen in diesem Stück? Hm…ach so… Und wie schnell ist das Original ungefähr?“ Nun gut, nachdem ich ein bisschen hyperventiliert hatte und ihn in Gedanken ein bisschen zur Sau gemacht hatte („Sie sind Organist, mein Herr. Sie haben verdammt noch mal zu wissen, was eine Coda ist!“), einigten wir uns dann mehr oder weniger auf ein gemeinsames Tempo und Hellen durfte endlich ihren Martin heiraten. Und das hat sie auch. Wir können es alle bezeugen, auch wenn man sich bis zuletzt immer wieder klar machen musste, dass das gerade wirklich passierte (Am Abend vorher hatte Leonie bereits alle 5 Minuten ihren Gesprächsfaden unterbrochen, um völlig fassungslos auszurufen: „Mein Gott, Hellen heiratet! Ich meine…sie heiratet!“, worauf ich leider nur mit einem halb-komatösen „Hmpf“ antworten konnte. Sorry, Leonie. Nächstes Mal bin ich hoffentlich wacher.). Ich fand die Trauung selbst jedenfalls sehr bewegend, habe (wie immer auf Hochzeiten) auch ein bisschen geweint – und war völlig hin und weg von Hellens Kleid. Mir fehlen immer noch die Worte für diesen Anblick. Nicht genug damit, dass ich Hellen auf der Stelle ihr Kleid klauen wollte, nein, ich wäre im Laufe des Tages fast zur Kindesentführerin geworden. Hellens kleiner Sohn Poldi ist nämlich sooooooo süß und lieb und goldig, dass ich ihn am liebsten unter den Arm geklemmt und mit nach Italien genommen hätte. Aber ich wollte dann doch nicht riskieren, dass Hellen wie eine Furie auf mich losgeht. Die anschließende Hochzeitsfeier auf der Ronneburg war jedenfalls auch sehr nett und es war einfach total schön mal wieder mit den Mädels über alles Mögliche zu reden und tatsächlich vier Exil-Bayreuther auf einem Haufen zu sehen. Ich glaube, das haben wir zuletzt vor zweieinhalb Jahren geschafft. Jedenfalls waren wir uns alle einig, dass wir uns viel zu selten sehen und dass möglichst schnell die Nächste aus unserem Kreise heiraten muss, damit sich das ändert.( – Mich braucht ihr dabei gar nicht erst erwartungsvoll angucken! Vergesst es, Leute. Daraus wird vorerst nichts.) Am Sonntagmorgen (bzw. Nachmittag) haben Daphne, Leonie, Seb und ich dann noch ein ausgiebiges Frühstück in Mainz genossen, bevor wir bei herrlichstem Wetter durch die Stadt schlenderten. Übrigens: Mainz = absolut sehenswert! Ich war total begeistert, was für eine schöne, entspannte Studentenstadt das ist! Hoffe jedenfalls, dass das nicht mein letzter Besuch im Land der Mainzelmännchen war… An dieser Stelle mein herzlicher Dank an Leonie und Seb, die sich das ganze Wochenende lang wirklich rührend gekümmert haben und keine Mühe gescheut haben, damit man sich bei ihnen wohl fühlt. *ich drück euch ganz feste* Der Rückflug (diesmal mit Gepäck!) war eher unspektakulär, außer dass ich nach dem Abschied von Leonie am Frankfurter Flughafen dann doch arg schlucken musste, um nicht in mein Lufthansa Pappbrötchen zu heulen. Dieses Wochenende hat mich natürlich erwartungsgemäß in Sachen Heimweh ein bisschen zurückgeworfen, aber das geht auch schon wieder vorbei. Allerdings befand ich mich auf dem Flug von Frankfurt über Mailand nach Neapel in einer ziemlichen Sinnkrise. Habe nämlich festgestellt, dass ich in den letzten acht Jahren an fünf verschiedenen Orten und in vier verschiedenen Ländern gelebt habe. Und ich überlege jetzt, ob mich das tatsächlich glücklich macht. Immer wieder Abschied nehmen; ständig Menschen vermissen, die mir wichtig sind; permanent am falschen Ort sein; immer nur auf die Stimmer der Vernunft hören, die mir sagt, dass ich dorthin gehen sollte, wo mir die besten Chancen geboten werden – statt wie tausend andere Menschen auch einfach da zu bleiben, wo ich mich wohlfühle und wo ich von den Leuten umgeben bin, die mir wichtig sind. Außerdem habe ich so langsam das Gefühl, überhaupt nicht mehr zu wissen, wo ich hingehöre. Allerdings weiß ich natürlich auch, dass mir, wenn ich mal für längere Zeit zu Hause bin, früher oder später die Decke auf den Kopf fällt. Hm…naja, vielleicht hänge ich jetzt noch ein paar Lehr- und Wanderjahre dran, aber allzu viele sollen’s dann doch nicht mehr werden, denn irgendwann würde ich schon gern irgendwo Wurzeln schlagen. – Letztendlich vielleicht sogar in Deutschland. Das würde ich mir jedenfalls wünschen. So, genug der Depri-Phase. Aus der Schule gibt’s nämlich auch wieder mal was Neues zu berichten. Und zwar geht es um meinen heißgeliebten Oberstufenkurs, mit dem ich Animal Farm durchnehme. Letzte Woche hatte ich den Schülern zum ersten Mal eine Kreativ-Hausaufgabe gegeben (sie sollten einen Tagebucheintrag aus der Sicht einer beliebigen Figur schreiben). Als ich sie nun bat, ihre Hausaufgaben vorzulesen, waren sie erwartungsgemäß schüchtern und unsicher, aber am Ende kamen ein paar sehr gute Beispiele zum Vorschein. Zwei Tage später kam ich zufällig mit der Kollegin Valeria ins Gespräch, die mir sogleich versicherte: „Also, es tut mir wahnsinnig leid, was letzten Dienstag passiert ist. Ich hab den Kurs gleich in der nächsten Stunde zur Sau gemacht, denn so geht’s ja nicht!“ „Ääh…wie geht’s nicht?“ „Tja, dass keiner die Hausaufgaben vorlesen will und dass sie sich im Unterricht so wenig beteiligen!“ „Hm…also, ich finde ihr Verhalten gar nicht mal so schlimm…“ „Nein, nein. Nettigkeit hilft da nicht weiter. Ich habe sie jetzt vor die Wahl gestellt: Entweder sie strengen sich verdammt noch mal an, oder ich setze die Fremdsprachenassistentin in einer anderen Klasse ein.“ *schluck* Mein Gott, die armen Kinder! Jedenfalls bekam ich heute von Valeria eine E-mail in die Hand gedrückt, in dem ein Mädchen sich im Namen des gesamten Kurses für die mangelnde Mitarbeit entschuldigt. Sie berichtet, dass sich der Kurs getroffen habe, um über „la situazione Emily“ zu beraten. Obwohl sie sich oft nicht kompetent genug fühlten, um auf Englisch ein derartig anspruchsvolles Programm durchzuziehen, seien sie doch zu dem Schluss gekommen, dass sie mit dem Verlust der Sprachassistentin eine große Chance verpassen würden, und dass sie in Zukunft alle menschenmöglichen Anstrengungen unternehmen werden, um den Ansprüchen des Kurses zu genügen. – Soso, bin also mittlerweile zur „Situation“ hochgestuft worden. Als ich diese Zeilen las, wollte ich Valeria einfach nur bei den Schultern packen, sie kräftig schütteln und sie flehend anbrüllen: „Bitte, bitte, nimm mir nicht meine beste Klasse weg! Ich weiß, du hast hohe Ansprüche und du willst nur das Beste für mich, und es ist himmlisch in deinen Klassen zu unterrichten, weil man nicht ständig um Aufmerksamkeit kämpfen muss, aber bitte, bitte, mach diese Kinder nicht so fertig, dass sie mich am Ende hassen!“ Mir wird immer noch schlecht bei dem Gedanken, dass ich so kurz davor war, meinen besten Kurs zu verlieren. Nun ja, mittlerweile habe ich mit Valeria noch mal in aller Ruhe darüber geredet und ihr klar gemacht, dass ich das nächste Mal gern nach meiner Meinung gefragt werden würde, bevor sie mich einer anderen Klasse zuteilt, und dass ich diesen Oberstufenkurs gar nicht mal so leistungsschwach finde. Daraufhin lachte sie mich freundlich an und meinte: „Emily, das sind doch alles nur Druckmittel. Ich will sie einfach nur ein bisschen bei der Stange halten. Kann sein, dass ich dabei ein bisschen zu streng bin. Das kommt wahrscheinlich von meinen irischen Vorfahren. Oder daher, dass meine Mutter Deutsche war...“ Einen erleichterten Seufzer konnte ich mir an dieser Stelle trotzdem nicht verkneifen. – Ach Valeria, auch ich habe einen irischen Opa und eine deutsche Großmutter und ich stehe total auf Disziplin im Unterricht, aber manchmal machst du mir wirklich Angst… Ein Freund, ein guter Freund...10. Oktober 2007
Eine recht blogarme Woche liegt hinter mir, was nicht unbedingt heißen soll, dass in dieser Zeit nichts passiert ist, aber ich werde wahrscheinlich in Zukunft nicht jeden zweiten Tag bloggen, da ich merke, wie ich immer mehr zur typischen Lehrerin werde, die über nichts anderes als Schule reden kann. Ich nehme an, das wäre für den Großteil meiner Leserschaft (sprich: 2-3 Leute) eher unspannend. Daher gibt’s jetzt nur eine Zusammenfassung der letzten Tage, soweit ich mich an sie erinnern kann. Letzten Donnerstag habe ich mich mit Martina getroffen. Das ist eine weitere Englischassistentin, die in einem anderen Stadtteil (Mergellina, für Ortskundige) unterrichtet. Martina hat in Leeds englische Literatur studiert, kommt ursprünglich aus Nord-London und hat spanische Eltern. Sie hat nie wirklich Italienisch gelernt, schlägt sich aber bislang ganz gut mit einer Art Bastard-Spanisch durch. Ich bewundere immer Menschen, die sich ohne richtige Kenntnis einer Sprache einfach so in einen Auslandsaufenthalt stürzen. Bin da ja immer so perfektionistisch veranlagt, dass ich zumindest grammatisch Einiges draufhaben muss, bevor ich mich für länger als drei Wochen in ein Land wage. Martina hingegen scheint keine Furcht zu kennen. Jedenfalls hat sie mir von ihrem Erasmus-Jahr in Reykjavik vorgeschwärmt, was meine Begeisterung für Island natürlich noch mehr angefacht hat. Keine Ahnung, warum mich das Land fasziniert, aber irgendwann muss ich da mal hin (möglichst noch bevor der Klimawandel zu stark einsetzt). Naja, jedenfalls ist Martina sehr nett, wir haben uns gut verstanden, schön am Meer gesessen, zusammen ne Pizza gegessen, englische Bücher gekauft, über Gott und die Welt geredet und uns für morgen zum Kinobesuch verabredet (vielleicht schaff ich es sogar, sie zum Jodie-Foster-Spektakel zu überreden. Danach hätte ich allerdings wahrscheinlich eine Freundin weniger in Neapel. *seufz*). Das Einzige, was mir zu letztem Freitag einfällt, ist, dass ich mich tierisch über die Kollegin Barbara aufgeregt hab. Da wir zwischen den Stunden keine Pausen haben (- was ist das bloß für ein Land?!), dürfen die Schüler meistens am Anfang und Ende der Stunde einzeln mal kurz den Klassenraum verlassen. Bei Barbara dürfen sie das offenbar die ganze Stunde lang. Während ich also verzweifelt versuchte, eine einigermaßen strukturierte Grammatikstunde durchzuziehen, herrschte ein einziges Kommen und Gehen. Hatte sich ein Schüler dann endlich wieder hingesetzt, musste er sich erstmal bei allen Klassenkameraden im Umkreis von fünf Metern erkundigen, was in seiner Abwesenheit geschehen war. Und das bei den Kleinen, bei denen man sowieso schon die ganze Zeit um Aufmerksamkeit ringen muss! Thanks, Barbara. You’re a great help. Sowas planloses wie diese Frau hab ich übrigens selten erlebt. Nicht nur, dass sie grundsätzlich zu jeder Stunde mindestens fünf Minuten zu spät erscheint, nein, auf dem Weg zur Klasse fragt sie dann beiläufig: „Oh, are you coming into my class today?“ – Nein, Barbara, ich bin ein professioneller Stalker, der dir nur so aus Spaß jeden Freitag in der Schule hinterherläuft. Du hast ja bloß wie alle anderen Kollegen auch eine Kopie meines Stundenplans bekommen. Grrr. In ihrer Oberstufenklasse setzte die gute Frau dann sogar noch einen drauf. Da die Schüler ja seit Tagen immer wieder ab und an streiken (natürlich nur bei ausgesuchten Fächern oder samstags), müssen sie am nächsten Tag ihre Abwesenheit rechtfertigen. Auch dies wird gewöhnlich in den ersten fünf Minuten der Stunde geregelt. Nicht so bei Barbara. Als ich gerade eine Schülerin gebeten hatte, eine Kurzgeschichte laut vorzulesen und ein paar ihrer Mitschüler zum Zuhören ermahnt hatte, hielt es meine werte Kollegin für angebracht, von Schüler zu Schüler zu gehen und sich mit ihnen über die Rechtmäßigkeit ihrer Entschuldigungen zu streiten. Ergebnis: Kein Mensch hörte mehr der vorlesenden Schülerin zu. – Ich glaub, es hackt! Sowas macht man doch nicht unter Kollegen, oder? Zurückpfeifen konnte ich sie natürlich auch nicht, weil das ihre und meine Autorität gegenüber der Klasse untergraben hätte, aber ich musste mich schon arg zusammenreißen, um nicht einen beißenden Kommentar in ihre Richtung zu werfen („Excuse me, is my teaching interfering with your talking?“). Naja, wollen wir hoffen, dass es sich um eine einmalige Aktion handelt. – Thanks, Barbara. Good to have you on board. – Aber genug Schulgeschwafel… Am Sonntag stand schon wieder ein touristischer Streifzug durch Neapel an, da ich mich mit meiner Freundin Fflur getroffen habe. Fflur und ich kennen uns aus meinem heißgeliebten a cappella Chor „Absolute Harmony“, da sie seit zwei Jahren in Royal Holloway Italienisch und Französisch studiert. Nun ist auch sie bis Mai als Fremdsprachenassistentin in Benevento (ca. 1 Zugstunde von Neapel entfernt) tätig. Alle diejenigen, die jetzt annehmen, dass die „F“-Taste meines Computers hakt, muss ich an dieser Stelle berichtigen: Fflur heißt tatsächlich Fflur, wird mit doppel-F geschrieben und „Flierr“ (mit gerolltem „R“) ausgesprochen. Das ist übrigens ein walisischer Name, denn Fflur wohnt in Wales am Meer. Ihre Eltern sind allerdings Holländer, daher heißt sie mit Nachnamen Huysmans („Haösmans“ gesprochen). Und wieder einmal danke ich meinen Eltern dafür, dass die meisten Menschen in der westlichen Welt fähig sind, die Worte „Emily“ und „Oliver“ halbwegs korrekt auszusprechen. (Ende des phonetischen Exkurses) Es war natürlich total schön, das erste Mal seit über einem Monat wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen und wir haben uns ausgiebig ausgetauscht, über ein paar Uni-Leute abgelästert, und ein bisschen Auslandsfrust abgeladen. Nebenbei haben wir außerdem bei herrlichstem Wetter u.a. das Castel del’Ovo besichtigt und ein paar schöne Fotos gemacht (die folgen, sobald unser Internetanschluss steht. Kann sich nur noch um Jahre handeln…). Die restliche Woche ist sehr glatt verlaufen und ich habe in den vergangenen Tagen ausschließlich mit netten, hilfreichen Kollegen zu tun gehabt. Die Krönung kam heute in meiner Stunde mit der Kollegin Angela. Diese spricht sehr gutes Englisch, hat ein Faible für die elisabethanische Ära und wartet gespannt auf den nächsten Cate-Blanchett-Film. Leider habe ich mit ihr zusammen nur eine Stunde pro Woche beim Kleingemüse, aber die Klasse ist leistungsstark und echt süß. Auf meine Anfrage: „Okay, I need two volunteers…“ schießen z.B. gleich 20 Hände in die Höhe und jeder guckt mich flehend an, damit ich ihn oder sie doch bittebitte an die Tafel rufe. (Okay, ich sag es ganz ehrlich: Ich liebe Streber. Ich kann nichts dafür.). Nachdem ich dann schweren Herzens zwei überglückliche Kandidaten zum Verben Sortieren ausgesucht hatte und die ganze Klasse diese zwei bei der Aufgabe beraten und angefeuert hatte, machten die lieben Kinder sich sogleich daran, in absoluter Stille ihr Arbeitsblatt zu vervollständigen. Unterdessen schrieb die Kollegin Angela eifrig das Tafelbild mit, winkte mich zu sich herüber und sagte: „You’re wonderful! You’re so… active! They love you!“ *strahl* Tja, und dann erzählte sie mir noch, dass die Klasse am letzten Mittwoch einstimmig beschlossen hatte, trotz des Streiks vollständig zu erscheinen, da sie ihre Stunde mit der Muttersprachlerin nicht verpassen wollten. – Ich hätt’ sie alle knuddeln können! Übrigens bin ich gerade am Kofferpacken, denn übermorgen fliege ich nach Frankfurt. Am Samstag heiratet dort nämlich Hellen, meine liebe Freundin aus Bayreuth-Zeiten, also jette ich mal eben für ein Wochenende in die Main-Metropole (– hach Gott, was sind wir kosmopolitisch!). Dort treffe ich dann auch endlich wieder ein paar andere Exil-Bayreuther wieder, die ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe, und ich könnte mittlerweile vor Vorfreude quietschen! Allerdings bekam ich gestern eine recht ungewöhnliche SMS von Hellen. Inhalt: Hättest du Lust, am Samstag „I Will Always Love You“ zu singen? … Ähm, also, im Prinzip schon…ich hatte ja sowieso vor, mir zusammen mit Leonie, Daphne und Jenny auf der Feier die Kante zu geben und irgendwann gegen 3 Uhr morgens lallend auf der Tanzfläche zu enden, wobei dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch meine sonst so streng geheim gehaltene Whitney-Houston-Liebe zum Vorschein kommen würde. Aber Hellen hatte etwas Anderes im Sinn: Zwei ihrer Freunde seien abgesprungen bzw. krank. Ob ich für sie in der Kirche singen würde. Allein gegen die Orgel. Vor allen Gästen. *schluck* Klar, so was macht man doch unter Freunden! Natürlich hab ich sofort zugesagt. Seitdem gehen mir allerdings folgende Gedanken nicht mehr aus dem Kopf: 1.) Ich bin nicht Whitney Houston. Unsere Stimmen sind sich so ähnlich wie unsere Hautfarbe. 2.) Ich habe seit Anfang Juli nicht mehr richtig gesungen, weder im Chor noch mit den Operettenleuten noch sonst irgendwie. Naja, heute hat mir Hellen dann per Mail die Noten geschickt. Jetzt fehlt mir nur noch ein Klavier zu meinem Glück. Dann könnte ich nämlich tatsächlich vorher noch üben. Vor Ort habe ich dann genau eine Probe zusammen mit dem Organisten. Eine halbe Stunde vor Beginn der Trauung. Hellen freut sich riesig. Laut eigener Aussage ist sie überglücklich, dass sie jetzt doch nicht auf den Gänsehauteffekt verzichten muss. Oh. Mein. Gott. Warum um alles in der Welt habe ich zugesagt? Ich bete jedenfalls, dass es die richtige Art von Gänsehaut wird. Oder dass die gesamte Kirche kurz vor meinem Auftritt einen kollektiven Hörsturz erleidet. Wenn sich Whitney bis Samstag totgekokst haben sollte, wird sie sich wahrscheinlich ein paar mal im Grabe umdrehen. Nun ja, der einzig tröstende Gedanke an der ganzen Sache ist, dass ich am Sonntag in Windeseile wieder einen Flieger besteigen, in den sonnigen Süden verschwinden kann und die meisten dieser Leute nie wieder sehen muss. Unter denjenigen, die danach tatsächlich noch den Kontakt zu mir halten wollen, werde ich wahrscheinlich zur witzigen Anekdote mutieren („Weißt du noch, damals auf Hellens Hochzeit…? Als Emmy gesungen hat…?“ *prust*). Meine Ma hat vorgeschlagen, ich solle mir doch einfach kurz vorher einen Whiskey genehmigen. Dann läuft das schon. Alternativ könnte ich mich natürlich auf den alten Ratschlag meiner Gesangslehrerin verlassen: „Also, ich hab immer am besten gesungen, nachdem ich mich übergeben hatte.“ Oder ich könnte es mit Koks probieren. Oder mal wieder inbrünstig zu Gott beten. Aber der ist grundsätzlich nicht so gut auf mich zu sprechen. Vielleicht findet sich ja da draußen in den unendlichen Weiten des Cyberspace jemand, der mich in seine Gebete einschließt. Ach, und wo ihr grad dabei seid, könntet ihr auch dafür beten, dass alle Flieger rechtzeitig starten und landen und dass mein Gepäck beim Umsteigen weder in Bologna noch in Mailand verlorengeht? Sollte ich Montag noch am Leben sein, werde ich selbstverständlich auch von dieser Mission berichten… Wir sind das Volk! - oder so aehnlich...3. Oktober 2007 Ich bin heute morgen mal wieder ein bisschen ins Grübeln gekommen (- ich weiß, das passiert mir in letzter Zeit erstaunlich oft). Und zwar habe ich versucht, mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal am Tag der Deutschen Einheit um sieben Uhr morgens in Caprihose draußen auf dem Balkon gefrühstückt habe. Okay, sehen wir einmal von der Tatsache ab, dass ich bisher noch nie in einem Haus mit Balkon gewohnt habe. Und sehen wir auch großzügig von der Tatsache ab, dass es mich nach einer Weile dann doch etwas fröstelte, ich aber beharrlich sitzenblieb, da ich unter keinen Umständen auf diese hämisch-frohlockende Einleitung verzichten wollte. Unter Außerachtlassung dieser zwei Umstände ist es doch erstaunlich, wie lange der mediterrane Sommer sich bis in den Herbst erstreckt. Die letzten zwei Tage hatten wir jedenfalls Höchsttemperaturen von 27 Grad. Der Nachteil am Verweilen in mediterranen Gefilden ist allerdings, dass hier der Tag der Deutschen Einheit leider nicht begangen wird. Sprich: Ich hatte erste Stunde. Bleugh! Um acht Uhr betrat ich also mit Maria-Grazia den Klassenraum, in dem sich unser Kleingemüse versammelt hatte. Da Maria-Grazia einfach nur mit einem stoischen Lächeln auf den Lippen regungslos dasaß, ergriff ich die Initiative und versuchte, mit der Stunde zu beginnen. Allerdings wurde ich immer wieder durch zu spät kommende Schüler unterbrochen, sodass ich irgendwann frustriert abbrach, um zu warten, bis ein bisschen Ruhe eingekehrt war. Maria-Grazia drehte sich derweil zu mir und fragte: „Do the students go on strike in England too?“ „You mean, do they arrive late for lessons?“ „No. Do they go on strike?“ „On strike?! Erm…no, I don’t think so.“ „Ah… In Italy this happens all the time.“ Soso. Die Schüler streikten also. Und zwar auf der Straße vor dem Schulgebäude. Aus diesem Grund war auch das übliche Hupkonzert um Einiges lauter als sonst. Ich hatte davon ursprünglich nichts mitbekommen, da ich schon etwas früher im Schulgebäude eingetroffen war und eine gute Viertelstunde im Nahkampf mit dem (heute sehr unwilligen) Kopierer verbracht hatte. Naja, jedenfalls trafen nach und nach die meisten Schüler der Klasse ein und ich konnte letztendlich meine Stunde geben, aber sie waren natürlich dauernd vom Toben ihrer Mitschüler draußen auf der Straße abgelenkt. Zwischendurch schaute noch eine der Sekretärinnen vorbei, die normalerweise dafür zuständig sind, zu kontrollieren, welche Schüler in welchen Stunden abwesend sind. Sie steckte kurz den Kopf zur Tür rein und sagte: „2C – anwesend.“ Als Maria-Grazia Einspruch erheben wollte, sprach sie: „Der Großteil ist da. Das reicht für heute.“ Was das genau bedeutete, begriff ich erst in der nächsten Stunde. Denn nach erbittertem Kampf mit dem Schulcomputer („Jetzt öffne endlich diese verdammte Datei. Es ist eine pissige kleine Word-Datei. So schwer kann das doch nicht sein, verdammt! … Jaaa…guuut. So, jetzt nur noch drucken. Ich sagte: DRUCKEN. Du Scheißrechner! Aargh!!!“ etc.) und einer mittleren Kopiererkrise („Es ist nur ein Blatt. Das sollst du 30 Mal kopieren. Ich weiß, es ist früh morgens, aber du bist ein technisches Gerät. Dir kann das doch völlig egal sein! Ich hingegen sollte schon seit fünf Minuten meine Stunde geben! Ach, jetzt ist dir auch noch das Papier ausgegangen. Super!“ etc.) stürzte ich mit hängender Zunge und einer ausführlichen italienischen Entschuldigung auf den Lippen in Elisas Oberstufenkurs. Oder eher: in einen leeren Raum. Kein Lehrer, keine Schüler, kein gar nichts. Das ist das Tolle an der Oberstufe: Die Eltern haben keine Macht mehr, also wird bei jedem Streik begeistert mitgemacht. Wenig später traf ich Elisa im Flur und sagte: „Coffee?“, woraufhin sie lachend nickte. Wir begaben uns also zum Kaffee- und Süßigkeitenstand im Keller – wo wir auch sogleich das halbe Kollegium antrafen. Elisa spendierte uns beiden erstmal einen „caffè del nonno“. Das heißt auf Deutsch „Opa-Kaffee“ und es handelt sich dabei um einen eiskalten Cappuccino mit Kakaopulver oben drauf. Superlecker! Auf dem Rückweg zum Lehrerzimmer fiel uns dann ein Demo-Flugblatt des Schülerstreiks in die Hände. Darin hieß es: „Wir protestieren gegen die Entscheidungen des Bildungsministers (- die übrigens nicht näher benannt wurden Anm. d. Red.) und gegen den Machtmissbrauch der Lehrer, die das Leben der Schüler zur Hölle machen.“ Wie Lehrer so sind, wurde erstmal die Rechtschreibung und Grammatik des Flugblatts korrigiert und anschließend herzhaft drüber gelacht. Ach, was sind wir doch gemein! Ich hab Elisa vorgeschlagen, dass wir ab sofort in unserer Klasse englische Methoden einführen: Sie kriegen alle eine Uniform verpasst und wenn die Krawatte schief sitzt, gibt’s gleich Extra-Hausaufgaben. Dann haben sie endlich mal was zu meckern. Außerdem haben wir beschlossen, dass wir ab morgen in Streik treten, um gegen den Machtmissbrauch der Schüler zu protestieren, die uns das Leben zur Hölle machen. Später gesellte sich noch eine sehr unglücklich wirkende Anna zu uns, die uns auch sogleich ihr Leid klagte: „Warum denn ausgerechnet heute? Ich hab nur zwei Stunden. Hätten sie’s nicht morgen machen können? Da hab ich fünf!“ Nun ja, und so kam es, dass wir alle eine unverhoffte Freistunde hatten und trotz Auslandsaufenthalts noch ein Hauch von drittem Oktober durch mein Leben wehte. Was gibt’s sonst noch Neues zu berichten? Valentina (die letztens die Wohnung besichtigt hat) hat WG-technisch für Ende Oktober zugesagt. Angeblich war sie sehr beeindruckt, wie sauber und ordentlich die Wohnung war. Na, das kann ja noch lustig werden. Wir sprechen uns im November wieder… Außerdem ist Alessia seit zwei Tagen erkältet. Sie erklärt sich das folgendermaßen: „Weißt du noch, als ich vor ein paar Tagen mit Davide im totalen Platzregen stecken geblieben bin? Da muss das passiert sein. Naja, und dann hab ich ja am nächsten Tag so lange geputzt und ganz ohne Handschuhe und immer mit dem Wasser hantiert und so…“ Soso. Vom Putzen werden wir also neuerdings krank. So langsam komm ich mir echt vor wie im Film. Der langen Rede kurzer Sinn: Seit Neuestem mache ich nicht nur regelmäßig den Abwasch, sondern koche auch noch für uns beide, da sich Alessia nicht lange Zeit auf den Beinen halten kann. Es sei denn das Handy klingelt. Denn beim Telefonieren muss man ja auf und ab gehen. Klar. Und da wir grad auf dem „ich-glaub-mein-Schwein-pfeift“-Trip sind: Die Kollegin Lia drückte mir gestern Material für ihren Oberstufenkurs in die Hand. Die mussten über die Sommerferien eine gekürzte Version von Dickens’ David Copperfield lesen. Als ich in der letzten Stunde nach Meinungen zum Buch gefragt hatte, meinten die meisten: „It was boring.“ Okay, dachte ich, klassische Schülerantwort. Man kann ja nicht alles gut finden. Und dann las ich gestern Abend besagte Lektüre. Die Tatsache, dass ich (bei meiner sehr langsamen Lesegeschwindigkeit) in der Lage war, innerhalb von dreißig Minuten einen Roman von Charles Dickens komplett durchzulesen, sollte einem schon zu denken geben. Und am Ende dieser quälenden dreißig Minuten kam auch ich zu dem Schluss: „It’s boring.“ Allerdings kam ich noch zu einem weiteren Schluss: Im Falle von Menschen, die Lektüren auf eine solche Art und Weise kürzen, bereut man tatsächlich, dass die kollektive Steinigung aus der Mode gekommen ist. Ich hab ja nichts dagegen, wenn sie die Syntax oder die Lexis simplifizieren. Meinetwegen können sie sogar die Satzstruktur und die benutzten Wörter vereinfachen. Aber in diesem Fall scheint jemand wirklich eine geniale Idee gehabt zu haben: „Hm…guck mal, dieser Wälzer ist echt zu lang. Wie wär’s, wenn wir einfach alle Charakterisierungen und Situationsbeschreibungen rausschneiden? Damit sparen wir uns mindestens zwei Drittel des Buches! Super, was?“ Ja. Echt klasse. Wie soll ich denn bitte meinen Schülern vermitteln, dass Charles Dickens berühmt ist für seine einzigartigen, lebendigen Charaktere? Und für seine detaillierten Schilderungen der Lebensumstände im viktorianischen England? In der abgespeckten Version sagt David Copperfield z.B. solch Sätze wie: „I was introduced to my employer’s daughter, Dora, and I fell in love with her at once.“ Punkt. Der nächste Absatz handelt von einem ganz anderen Thema. Und im gesamten Buch sucht man vergeblich nach irgendeinem Charakterzug, der Dora von einem Namen in einen Menschen (oder gar in die Liebe seines Lebens) verwandeln würde. Eine der wichtigsten Funktionen von Literatur ist doch, dass ich mich mitverliebe! (Oder dass ich zumindest nachvollziehen kann, wie die Hauptfigur über andere Figuren denkt.) Nach 100 Seiten Blitzlektüre hat man also die gesamte Handlung mitbekommen (und der gute Mr Dickens hat sich ca. 20 Mal im Grabe umgedreht), aber es ist absolut nichts hängen geblieben. Dora könnte mir nicht egaler sein. Fazit: Dickens ohne Charakterbeschreibungen ist wie eine Tüte fettfreie Kartoffelchips. – Ich weiß danach zwar, dass ich Chips gegessen hab, aber der eigentliche Sinn der Sache (also der Genuss am Geschmack und an der kleinen Sünde) ist völlig abhanden gekommen. Okay, okay, ich hör schon auf mit laienhafter Literaturkritik und dilettantischen Vergleichen, aber es hat mich eben tierisch aufgeregt! Ansonsten läuft der Schulbetrieb wie gehabt. Manche Stunden machen Spaß, andere weniger; manche Klassen arbeiten gut mit, andere nicht. Wie z.B. Maria-Grazias Oberstufenkurs, mit dem ich ja nun leider Gottes Dubliners durchnehmen muss. Vom Sprachniveau hätte ich diese Lektüre nie für diesen Kurs gewählt, also kann ich es durchaus verstehen, wenn die Schüler die Texte nicht besonders interessant finden. Aber lesen sollten sie sie nach Möglichkeit schon. Hausaufgabe war es, ca. 20 Zeilen einer Geschichte zu lesen, die wir bereits im Unterricht angefangen hatten. Ergebnis am Montagmorgen: Kein einziger Schüler hatte auch nur eine Zeile gelesen. Also haben wir’s im Unterricht nachgeholt, was die Stunde natürlich wahnsinnig dröge machte. Für dieses Mal hab ich’s bei einer Schlussbemerkung belassen: „I expect you to read the text. And I expect you to take notes.“ Sollte sich nächsten Montag das gleiche Bild bieten, werde ich wahrscheinlich mal die zickige Junglehrerin raushängen lassen („Ihr seid nur noch neun Monate an dieser Schule. Danach wird sich nie wieder jemand darum reißen, euch irgendetwas beizubringen. Was ihr von da an lernt, hängt ganz allein von euch ab. Wenn ihr erstmal auf die Uni geht, werdet ihr Bauklötze staunen. Von wegen zwanzig Zeilen! Da liest man drei Bücher in einer Woche! Ist euch eigentlich bewusst, wie weit ihr hinter der europäischen Konkurrenz zurückhängt? Also, mir ist’s ja egal. Ich kann Englisch…“ blablabla. Wie man sich bei 18-Jährigen beliebt macht – Lektion 1). Zum Schluss noch ein Lob für rege Beteiligung an die liebe Sarah. Sie ist bislang die Einzige, die auf dieser Seite ein paar Kommentare hinterlassen hat. Nehmt euch an ihr ein Beispiel! Ich hör gern von euch, was ihr so macht, ob euch mein Geschwafel tatsächlich interessiert oder ob ich es doch lieber etwas interessanter gestalten sollte oder was auch immer ihr sonst loswerden möchtet. – Oder muss ich erst meine Lehrerbrille aufsetzen…? Meldet euch! Ich will nicht immer nur dieselben drannehmen!… (Wenn euch das öffentliche Web-Geschwafel nicht so zusagt, könnt ihr mir natürlich auch gern eine E-mail schreiben.) Immer schön "piano, piano"...29. September 2007 Wichtigste Neuigkeit des Tages: Es gibt wieder Klopapier auf dem Lehrerklo! Hat nur eine Woche gedauert, diesen Missstand zu beheben. Alle Achtung! Daraus ziehen wir folgende Lehre: Wichtigstes Utensil eines italienischen Lehrers ist und bleibt das Taschentuch. Übrigens nicht nur für bereits erwähnte Heulanfälle oder besagten Toilettenpapiernotstand, sondern auch um jederzeit die Tafel wischen zu können. Es gibt nämlich in keiner einzigen Klasse einen Schwamm (womit wir wieder beim Müllproblem der Stadt wären *gähn*). Außerdem verbringen die meisten Lehrer die ersten fünf Minuten der Stunde damit, einen Schüler loszuschicken, um Kreide zu holen. Ach, und wo er grad dabei ist, kann er ja auch ruhig mal einen Kaffee mitbringen… Gut organisierte Lehrer (wie z.B. Valeria) hingegen erkennt man daran, dass sie auf Kommando eine Klarsichtfolie zücken, in der nicht nur der eigene Schwamm, sondern auch der persönliche Kreidevorrat sowie der eigene Whiteboard-Marker aufbewahrt werden. Bin am Überlegen, ob ich mich auch dieser Kaste anschließen soll, denn natürlich gehöre ich gern zu der effizienten Lehrerschaft. Allerdings widerstrebt es mir derzeit noch, für solche grundlegenden Dinge Geld auszugeben. Kann das nicht die Schule stellen? Nun ja, wie das anfangs genannte Beispiel zeigt, übe ich mich neuerdings in einer italienischen Tugend: Abwarten bei gleichzeitigem Wunderglauben. Wer weiß? Vielleicht löst sich dieses Problem ja irgendwann ganz von selbst. Wir werden sehen… Ansonsten stellt sich in Bezug auf Schule langsam so etwas wie Routine ein. Je öfter ich ein und dieselbe Stunde gebe, desto besser wird sie natürlich. Und so langsam gewöhne ich mich auch an den 60-Minuten-Rhythmus (wobei es manchmal immer noch ganz schön schwer ist, 60 Minuten auch wirklich mit sinnvollem Inhalt zu füllen). Der Eindruck vom Kollegium hat sich auch inzwischen gebessert. Es überwiegen meiner Ansicht nach doch die fähigen und willigen Lehrer, die tatsächlich mit einer Assistentin zusammenarbeiten wollen, statt sie als inoffizielle Vertretungskraft und Alleinunterhalterin zu nutzen. Mittlerweile habe ich auch alle meine zukünftigen Klassen kennen gelernt – und wenn ich noch einmal die Frage „Have you got a boyfriend?“ beantworten muss, schreie ich. Und zwar in italienischer Lautstärke. Gestern habe ich mich außerdem wieder meiner Horrorklasse vom letzten Freitag gestellt und denen erstmal ein paar Regeln eingebläut. 1) Don’t talk when Emily is talking. (Mit nachgeschobener Erklärung: „In Italy it’s okay to talk when other people are talking. In England that is considered very rude. So, if you talk while I’m talking, I will get very angry.“ *blickt in ein Meer aus angsterstarrten Achtklässlergesichtern und lacht sich heimlich ins Fäustchen*) 2) If you want to say something, raise your hand and wait for me to ask you. (Es wird wahrscheinlich noch etwas dauern, bis diese Regel angekommen ist, da es sich anscheinend um ein völlig neues Konzept handelt. *seufz*) 3) Listen when your classmates give an answer. (Auch dies = Basiswissen, erste Klasse, oder?) 4) Always copy vocabulary from the board. (Die Schüler sind es anscheinend nicht gewohnt, Dinge mitzuschreiben. Seltsam…) Danach war’s tatsächlich vom Lärmpegel her erträglich. Ich musste sie zwar mehrmals ermahnen, aber sie scheinen mittlerweile wenigstens kapiert zu haben, wer in der Klasse das Sagen hat. Und daran lasse ich ab sofort nicht mehr rütteln. Nach so viel autoritärem Geschwafel muss ich aber doch zugeben, dass die letzten zwei Tage durchaus angenehm waren, da die überwiegende Mehrheit der Schüler sehr gut mitgemacht hat und sich mir gegenüber sehr nett verhält. Vor allem bei der Kollegin Elisa macht mir der Unterricht Spaß. Sie hat ein freundliches Verhältnis zu den Schülern und diese hören ihr trotzdem zu. So langsam entwickeln wir uns zum eingespielten Team: Sie witzelt ein bisschen mit den Schülern, übergibt dann mir die Leitung des Unterrichts, und wenn sie sicher ist, dass alles gut läuft, geht sie für uns beide Kaffee holen (das ist an einem Samstagmorgen übrigens eine lebensrettende kollegiale Leistung). Heute habe ich außerdem Lia kennen gelernt, eine andere Kollegin, die bis vor kurzem krank war. Sie kam heute morgen im Lehrerzimmer auf mich zu und war ganz besorgt, da ich für ihre erste Stunde eingetragen war. Es fing das übliche Gestammel an: „Also, hast du etwas vorbereitet? Ich weiß nicht, wir könnten hier im Buch diese Seite machen…“ – Worauf ich diesmal souverän antworten konnte: „Also, ich hab da mehrere Stunden vorbereitet. Ich dachte, ich stelle mich erstmal vor und ermutige die Schüler dann zum reden…“ In der Zwischenzeit hatte sich Elisa zu uns gesellt, klopfte der besorgten Lia auf die Schulter, sagte irgendwas von wegen „assistente“ und „bravissima ragazza“, woraufhin Emmy anfing, wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen. (Übrigens, kurze Zwischenfrage: Obwohl sich wahrscheinlich Jeder unter dem letzten Satz etwas vorstellen kann, würde ich doch zu gerne wissen: Was genau ist ein Honigkuchenpferd? Hat irgendwer schon mal eins gesehen? Und warum grinsen die Viecher so breit? Macht das der Honig? Oder der Kuchen? Oder ganz etwas Anderes…?). Elisa ist jedenfalls eine meiner neuen Lieblingskolleginnen, da sie mich nicht nur mit Kaffee, sondern auch mit Lob versorgt, was ich derzeit auch gut gebrauchen kann. Nachdem ich sie letzten Mittwoch kurzerhand in der Oberstufe vertreten musste, kam sie gestern auf mich zu und sprach: „My class said it was fun. They really liked you.“ – Solche Kollegen muss man einfach gern haben, oder? Auch Lia hat sich anscheinend diesem Trend angeschlossen, denn nachdem ich bei ihrem Kleingemüse eine Stunde gegeben hatte, stellte sie mich ihrer Oberstufe als „a very excellent language assistant“ vor. Trotz der etwas eigenwilligen Sprachkonstruktion habe ich mich über diesen Titel sehr gefreut Ansonsten stellt sich auch im WG-Leben so langsam ein bisschen Routine ein. Gestern war allerdings eine Riesenputzaktion angesagt. Dieses hatte folgenden Grund: Alessia hat diese Woche als Referendarin an meiner Schule angefangen und ihre Betreuungslehrerin hat erfahren, dass wir noch ein Zimmer freihaben. Daraufhin fragte sie, ob ihre 29-jährige Tochter irgendwann zur Wohnungsbesichtigung kommen könnte. Sollte diese tatsächlich bei uns einziehen, würde das heißen, dass alle Menschen, die ich in Neapel kenne, irgendwie mit dem Liceo Alberti zusammenhängen. Allmählich wird das Ganze schon fast inzestuös… Aber egal, wir waren ja beim Putztag. Also, nachdem sie die Wohnungsbesichtigung arrangiert hatte, fragte mich Alessia, ob ich ihr am Freitag beim Putzen helfen könnte, da die Wohnung ja möglichst gut aussehen sollte. Hätte ich gewusst, was „Wir müssten ja sowieso mal putzen.“ auf Italienisch heißt, ich hätte es an dieser Stelle angebracht. Allerdings kamen mir beim endlosen Staubwischen und Fußbodenfeudeln zwei Gedanken: 1.) Diese Wohnung ist seit einer halben Ewigkeit nicht mehr geputzt worden. 2.) Ist es wirklich fair, dieser ahnungslosen Wohnungssuchenden ein derart verzerrtes Bild des Iannotti-Haushalts zu präsentieren? Nun ja, diese Gedanken wurden schnell durch die Tatsache verdrängt, dass ich mich immer mehr über das Verhalten meiner derzeitigen Mitbewohnerin wundern durfte. Alessia hat sich nämlich extra zum Putzen einen Tag schulfrei genommen (wie lange braucht man, um mit zwei Personen eine 8-Zimmer-Wohnung zu putzen? Ganze 24 Stunden?). Allerdings hatte sie, als ich aus der Schule kam, noch nicht mit besagtem Putzen begonnen. Mit viel Tam-Tam ging es schließlich nach dem Mittagessen zu Werk, wobei ich meine eigenen Badputzaktivitäten immer wieder unterbrechen musste, um mal wieder zu bestaunen, wie schön Alessia eine Kommode poliert oder einen Fußboden gefeudelt hatte. Außerdem gab’s in regelmäßigen Abständen eine neue Auflage von Tante Alessias nützlichen Putztipps: „Ich würd sagen, du wischst erst Staub und fegst dann den Fußboden… Sag mal, wusstest du eigentlich, dass man vorm feudeln den Feudel nassmacht?...“ – Ich rechne es mir hoch an, dass ich gestern Nachmittag zu keinem Zeitpunkt geschrien habe. Der Hammer kam allerdings noch. Nachdem ich mein Zimmer, das Bad und das Wohnzimmer von Kopf bis Fuß gesäubert hatte, während Alessia stundenlange Telefongespräche führte, erklärte sie voller Freude: „Davide kommt nachher und putzt das Bad. Wenn es nämlich eins gibt, was ich hasse…" (etc.). Und heute Abend kommt noch eine Freundin vorbei und macht die ganze Küche.“ Ich war zunächst einmal sprachlos. Und dann geriet ich wieder ins Grübeln: Wer aus meinem Freundeskreis wäre wohl bereit, einfach mal so an einem Freitagabend vorbeizukommen, um meine Küche zu putzen, nur weil ich zu faul bin, dies selbst zu tun? Mir fiel spontan mal Keiner ein. Ich musste schon ein wenig schmunzeln, als ich mir derartige Telefongespräche und die entsprechende Reaktion meiner Freunde auf eine solche Anfrage ausmalte. Also, wer fortan Lust hat, mir einmal im Monat kostenlos bei der Generalüberholung meiner Wohnung zu helfen, der fülle bitte das Formular im Anhang dieses Eintrags aus… Zu guter Letzt folgen jetzt noch ein paar Eindrücke von Land und Leuten (damit dieser Blog auch tatsächlich eine Daseinsberechtigung hat und nicht ausschließlich als Endlager für seelischen Restmüll dient). In meiner Funktion als Beobachterin des kulturellen Allerlei habe ich nämlich in letzter Zeit folgende Dinge bemerkt. 1.) Italiener haben Zeit ohne Ende. Egal, ob ich gerade zur Schule hin oder von der Schule weg laufe, mir stehen grundsätzlich zwanzigtausend Leute im Weg. Vom Kleinkind bis zur runzligen, schwarzgekleideten Oma – alle stehen sie den ganzen Tag lang auf der Straße rum und unterhalten sich lautstark. Und es ist völlig unmöglich, an diesen Leuten vorbeizukommen, denn kein Mensch kommt auf die Idee, auch nur zwei Millimeter Platz zu machen. Selbst wenn sie sich gerade fortbewegen (wie z.B. meine Schüler, die ja theoretisch alle den selben Weg haben wie ich), tun sie dies derart langsam, dass ich mir manchmal Wünsche, ich wäre Supermann. Dann könnte ich einfach über sie hinwegsegeln und ihnen gleichzeitig auf den Kopf spucken 2.) Italiener stehen viel mehr auf Körperkontakt als Deutsche oder gar Engländer. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen (deren Namen ich mir noch nicht mal merken konnte) ich in den letzten Wochen auf die Wangen geküsst habe. Außerdem halten sie hier ständig Händchen. Jedenfalls ist es durchaus üblich, mit der besten Freundin Hand in Hand durch die Fußgängerzone zu schlendern. – Entweder das, oder es gibt hier verdammt viele Lesben. Beide Trends wären meiner Meinung nach zu begrüßen ;-) Übrigens kommt ein solches Verhalten durchaus auch bei den Männern vor. Jedenfalls habe ich vor ein paar Tagen einen Vater gesehen, der mit seinem 20-jährigen Sohn eingehakt die Straße entlang ging. – Süß! Und auch die Männer begrüßen und verabschieden sich stets mit Küsschen links und Küsschen rechts – sogar in der Schule. Da musste ich doch letztens auch wieder Schmunzeln, als ich beobachten durfte, wie sich zwei meiner 14-jährigen Schüler morgens in ganz ehrlicher Freude mit Küsschen auf beide Wangen begrüßten. Wer so was als 14-Jähriger in Deutschland versucht, würde das Schulgebäude wahrscheinlich nicht wieder lebendig verlassen. Aber vielleicht tue ich den Deutschen damit unrecht. Werde diesen Trend jedenfalls mal bei meinen männlichen deutschen Freunden anregen. Mal sehen, was sie davon halten… Wann wird's mal wieder richtig Sommer?25. September 2007 Es regnet. In Neapel. Seit mittlerweile fünf Stunden. Unaufhörlich. Da fühlt man sich ja schon fast wie zu Hause (außer dass es trotzdem noch ziemlich schwül ist). Der Vesuv ist gänzlich in einem Wolkenmeer versunken, ebenso wie die Inseln Ischia und Procida. Und das tägliche Hupkonzert auf den Straßen ist heute um Einiges lauter, da sich ständig irgendwelche todesmutigen Fußgänger mitsamt Regenschirm in den Verkehr stürzen, ohne nach links oder rechts zu schauen. Der erste Satz, den ich heute Morgen von Alessia zu hören bekam, war: „Che schiffo di tempo che fa!“ (oder so ähnlich) und ich nehme an, das lässt sich als „Wat’n Scheißwetter!“ in die deutsche Sprache übertragen (zumindest in norddeutschen Gefilden). Als ich heute Morgen die Schule betrat, hätte ich fast losgeflucht: „Wer hat denn hier im Flur so einen Schweinkram veranstaltet?“ Durch den gesamten Eingangsbereich schlängelte sich nämlich eine matschige Sägespänespur. Allerdings ging mir irgendwann auf, dass es sich hierbei nicht etwa um eine frühmorgendliche Schnitzeljagd handelte, sondern vielmehr um eine Sicherheitsmaßnahme, damit Schüler und Lehrer nicht auf den nassen Fliesen ausrutschen. Allerdings fragte ich mich, während ich zum hundertsten Mal an diesem Tag versuchte, meine Turnschuhe von der Pampe zu befreien, ob es nicht eine bessere Lösung für dieses Problem gäbe. Wie wär’s mit nem Teppich am Eingang? Der Schultag an sich war allerdings sehr erfreulich. Ich glaube, Dienstag wird mein neuer Lieblingstag. Erst um 10 Uhr (endlich ausschlafen! Juhu!) eine Stunde in der „Secunda“ mit Anna, in der sie für Ruhe sorgt, während ich Unterricht mache, und danach Valerias (von mir heißgeliebter) Oberstufenkurs. Heute waren nur 12 von 15 Teilnehmern da. Himmlisch, in so einer kleinen Gruppe zu unterrichten! Sie sind zwar nicht auf dem Niveau, das ich von einem deutschen Oberstufenkurs erwarten würde, aber die Schüler sind alle so nett und lernwillig, dass es tatsächlich Spaß macht sie zu unterrichten. Das sind diese seltenen Stunden, in denen man wieder merkt, was einem am Lehrerdasein tatsächlich gefällt: mit Anderen über wichtige Dinge diskutieren, ein paar ihrer Kenntnisse erweitern, von ihnen eine unkonventionelle Sicht auf bestimmte Texte gewinnen, und vielleicht im Laufe der Stunde zusehen, wie der Groschen fällt. Das ist für mich überhaupt das Schönste: diese (zugegebenermaßen recht seltenen) Momente, in denen man ganz genau beobachten kann, wie ein Schüler erst konzentriert zuhört, dann die neuen Informationen verarbeitet und das ganze schließlich in ein Lächeln oder einen Aha-Effekt mündet – wenn man merkt, dass man sie irgendwie erreicht hat. Okay, okay, ich hör schon auf zu philosophieren. A propos philosophieren…da ich in meiner Stunde ein wenig über die Symbolik in Animal Farm und den Bezug zur Russischen Revolution sprechen wollte, hatte ich überlegt, ob ich Bildmaterial mit in die Stunde nehmen sollte. Dann dachte ich mir aber: „Ach was, Emmy, das ist ein Oberstufenkurs. Das ist doch viel zu einfach für die. Du darfst sie nicht wie Kleinkinder behandeln.“ – Letztendlich wären ein paar Bilder führender Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts jedoch gar nicht mal so fehl am Platz gewesen, denn auf meine Frage: „Has anyone heard of Karl Marx?“, meldeten sich sehr zögerlich ganze zwei Schüler. Valeria krümmte sich in der Ecke vor Scham über die Unwissenheit ihrer Schüler und Emmy setzte an: „Well, he was a very famous German philosopher…“. Es folgte mal wieder ein Stehgreifreferat über das Kommunistische Manifest, Überbau und Unterbau, Klassenkampf, Eigentum an Produktionsmitteln etc. – Ich sollte echt mehr Geld für diesen Job verlangen. Was gibt’s sonst noch zu berichten? Ich habe neulich einen Nichtangriffspakt mit dem Gasherd geschlossen: Er unterlässt fortan alle weiteren Anschläge auf mein Leben und im Gegenzug höre ich auf, ihn abwechselnd auf Englisch und auf Deutsch zu beschimpfen. Da wir weder einen funktionierenden Ofen noch eine Mikrowelle haben, muss alles entweder gekocht oder gebraten werden. Für meine sehr beschränkten Kochkünste heißt das: Ich schmeiße abends oft einfach alles Mögliche in die Bratpfanne und esse daher in letzter Zeit sehr viel Fett. Bin am Überlegen, ob ich nicht vielleicht einen Jazz Dance Kurs belegen oder zumindest mit irgendeiner Sportart anfangen sollte, damit ich am Ende des Jahres nicht als kleine Tonne nach Hause rolle. Allerdings könnte es durchaus sein, dass sich das Input-Output-Verhältnis bei Lehrern von selbst regelt. Wie war das noch? Ein Fußballspieler kann im Laufe eines WM-Spiels bis zu 5kg abbauen. Na, die sollte man mal eine Stunde lang vor eine 8. Klasse stellen. Fünf Kilo? Da lach ich doch drüber! Von Deutschen, Engländern und italienischer (Dis-) Organisation...24. September 2007 Fangen wir beim erfreulichen Teil dieses Eintrags an: dem Sonntag. Gestern habe ich mich das erste Mal in meinem Leben als Fremdenführerin versucht. Auf Englisch nennt man so was „the blind leading the blind“, aber egal, auch dies habe ich überstanden. Ich gebe zu: Am Sonntagmorgen überlegte ich zunächst ein paar Minuten lang, ob ich mich nicht einfach umdrehen, weiterschlafen und so tun sollte, als hätte ich den Treffpunkt falsch verstanden (wenn man nur einen Tag Wochenende hat und an diesem dann noch gezwungen ist, um 7 Uhr aufzustehen, zweifelt man irgendwann am Sinn des Lebens. Daher sei mir bitte vergeben.). Allerdings war’s im Endeffekt ein wunderschöner Tag mit Superwetter und unheimlich netten Leuten. Als erstes lernte ich Maria, die italienische Führerin, kennen. Sie ist so Mitte 20, hat Kunstgeschichte studiert, weiß absolut alles über Neapel und ist dazu noch sehr sympathisch. Nachdem wir eine Weile auf und ab gelaufen waren und uns überlegt hatten, was wir machen, wenn keiner kommt, gesellte sich Mari zu uns (das ist die Sportlehrerin von meiner Schule, die das Ganze organisiert hat. Ja, ich weiß, so langsam wird’s kompliziert mit den Namen) und lud uns erstmal auf einen extrastarken Kaffee ein. Nach und nach gesellten sich dann immer mehr spaziergangswillige Touristen und Halbtouristen zu uns, unter ihnen auch eine Gruppe von Erasmus Studenten, die alle in einer Art „auberge espagnole“ zusammenleben. Insgesamt hatten wir vier Deutsche, einen Mazedonier und eine Engländerin. Während unserer Wanderung auf einer sehr schönen (wenn auch etwas anstrengenden) Freitreppe, die bis in die Altstadt von Neapel herunterführt, habe ich mich wahrscheinlich am meisten mit Nele unterhalten. Obwohl sie erst zwei Wochen hier ist, spricht sie sehr gutes Italienisch, was mich zunächst einschüchterte – bis ich erfuhr, dass sie’s seit Jahren in Münster studiert und kurz vor der Magisterprüfung steht. Außerdem hab ich mich natürlich noch mit Ellie, der Engländerin, unterhalten. Wie sich herausstellt ist sie auch für ein Jahr als Fremdsprachenassistentin an einem Liceo in Neapel tätig, hat aber noch nicht angefangen zu unterrichten, da sie erst vor ein paar Tagen angekommen ist. Ellie ist jung, hübsch, spricht wunderschönes Italienisch (da sie seit zwei Jahren einen Freund in Neapel hat – so was nenn ich schummeln!) und studiert Spanisch und Italienisch – in Cambridge. Alle diese Attribute machen sie zum absoluten Albtraum für mein sowieso schon angeschlagenes Ego. Und das Schlimmste ist: Sie ist auch noch so verdammt nett dabei, dass man sie noch nicht mal hassen kann! Naja, jedenfalls haben wir Telefonnummern ausgetauscht, damit wir uns beim Lehrerdasein ein bisschen gegenseitig unterstützen (sprich: Unterrichtsideen klauen) können. Am Ende des Spaziergangs hat mir außerdem der Mazedonier, Goran, seine Telefonnummer gegeben, also hoffe ich, im Laufe des Jahres ein bisschen was mit dieser Clique unternehmen zu können, da mir im Moment noch ein wenig der Kontakt zu anderen Studenten fehlt. Und nun zum frustigen Teil dieses Eintrags: Während unseres Gesprächs fragte Ellie irgendwann ganz nebenbei, ob ich nächste Woche auch zum Kurs nach Turin fahre, worauf ich spontan mal Antwortete: „Kurs? Turin? Nächste Woche? Bitte was…???“ Es stellt sich also heraus, dass die liebe italienische Socrates Vertretung einen dreitägigen Einführungskurs für Fremdsprachenassistenten in Turin veranstaltet, und zwar von Donnerstag bis Samstag. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich allerdings die E-mail mit dieser Information nicht erhalten, somit konnte ich natürlich das Anmeldungsformular auch nicht abschicken etc. Naja, Ellie hat mir netterweise gleich am selben Abend noch die ganzen Infos geschickt, woraufhin ich dann heute Morgen bei dem Herren, der das Ganze organisiert, angerufen habe. Dieser war der erste unhilfsbereite Italiener, der mir bisher untergekommen ist. Auf alle meine Fragen antwortete er mit „Nein“ und beschränkte sich darauf, mir wieder und wieder zu erklären, dass die Anmeldung jetzt nicht mehr erfolgen könne, da kein Platz mehr in der Jugendherberge vorhanden sei, die sie extra für diesen Kurs gemietet haben. Super. Okay, wenn ich nicht an diesem Kurs teilnehme, geht die Welt nicht unter und wahrscheinlich erzählen die einem da lauter Sachen, die man nach drei Wochen Italien und einer Woche Schule sowieso schon kapiert hat, aber dieser Kurs wäre natürlich mal wieder eine Gelegenheit, ein paar nette Bekanntschaften zu machen – und es wäre doch einfach nett, von solchen Dingen verdammt nochmal in Kenntnis gesetzt zu werden! Irgendwie komm ich mir ein wenig verarscht vor: Ich habe mit Socrates einen Vertrag abgeschlossen und erfülle meinen Teil, während die einfach zu blöd sind, eine E-mail zu schicken. Argh! Frusssssstttt! Diesen Frust habe ich dann bei Mari (der Sportlehrerin) abgeladen, die mich erstmal in den Arm genommen hat und außerdem angeboten hat, mich zu adoptieren (- wer weiß, vielleicht komm ich drauf zurück…). Dann sagte sie: „Du rufst da nach der Schule gleich noch mal an und lässt dich wenigstens auf die Warteliste setzen. Und wenn kurzfristig noch was frei wird und du doch zum Kurs kannst, aber der Rektor dir nicht freigibt – dann ist man halt mal ein paar Tage krank!“ Jawohl, Frau General! Da es mir nie in den Sinn käme, mich einer Sportlehrerin zu widersetzen, habe ich ihren Rat auch sogleich befolgt. Habe zwar wenig Hoffnung, dass sich da in den nächsten zwei Tagen noch was tut, aber man weiß ja nie – vor allem nicht bei Italienern… Immerhin steht morgen ein etwas leichterer Schultag an: erst eine Stunde mit Annas Kleingemüse und dann Valerias Oberstufenkurs (mit nur 15 Schülern! Juhu!), den ich mal wieder mit Animal Farm quälen darf. Loredana, meine Betreuungslehrerin, weilt übrigens seit Samstag in Holland, da wir dort angeblich eine Partnerschule haben. Na, die ist fein raus! Als ich heute Morgen die Schule betrat, kam gleich eine der Sekretärinnen auf mich zu und teilte mir mit, dass ich in 10 Minuten eine Vertretungsstunde in Loredanas Klasse geben müsse. Super. Danke. Ein Glück hatte ich schon das ganze Material für eine spätere Stunde mit und hab es somit einfach noch mal kopiert. Das Tolle an der Tatsache, dass ich die ganze Zeit nur zwei Jahrgänge unterrichte, ist, dass ich für die Jüngeren immer nur eine Stunde vorbereiten muss, die ich dann in diversen Klassen wiederhole. Hab ich jedenfalls so beschlossen, sonst arbeite ich mich dumm und dämlich mit der ganzen Unterrichtsvorbereitung. Und sollten die sich mit ihren Jahrgangskameraden kurzschließen und feststellen, dass sie alle das selbe machen, fasele ich mal schnell was von Einheitlichkeit der Lehrpläne und Abstimmung der Curricula für alle Klassen etc… (Wie war das noch? „Curriculi, curricula…“ – oder so ähnlich…). Der Nachteil der sich ergibt, wenn man jede Klasse nur einmal pro Woche hat, ist, dass ich mir die Namen der Schüler einfach nicht einprägen kann. Ich meine, ich kann mir sowieso schon im täglichen Leben keine Namen merken, aber bei ungefähr 350 Schülern bin ich nun wirklich überfordert. Die haben’s umgekehrt natürlich wesentlich leichter. Jedenfalls erschallt mittlerweile jedes Mal, wenn ich die Schule betrete, aus allen Ecken ein fröhliches: „Eh, ciao Eeemily!“ (so langsam gewöhne ich mich auch an das langgezogene „e“ am Anfang des Namens – ist jedenfalls nicht schlimmer als die Überbetonung der letzten Silbe im Französischen „Émiliiiiiee“. Und wieder einmal gebührt meinen Eltern Dank dafür, dass ich so einen international aussprechbaren Namen habe und nicht Gwyneth oder Priscilla heiße.). P.S.: Alle, die Jodie Foster nicht so sehr lieben, wie sie eigentlich sollten, können an dieser Stelle gern aufhören zu lesen. Aber ich kann natürlich nicht umhin, der Gestalt meiner Anbetung einige Zeilen in meinem Blog zu widmen. Also: Jodie Foster hat einen neuen Film gemacht! Das passiert bloß alle drei oder vier Jahre einmal! Und ich werde ihn auf Italienisch gucken müssen. Verdammt. Und Jodie war zur Deutschlandpremiere ihres Films in Berlin und ich war nicht da. Verdammt. Naja, sobald ich also ein Kino hier in der Gegend entdeckt habe, werde ich mir jedenfalls „The Brave One“ antun. Habe bislang nur ein paar Szenenfotos gesehen und sehr knappe Zusammenfassungen gelesen. Plot: Jodie gegen den Rest der Welt. Diesmal mit Pistole. Ich wünschte, ich könnte behaupten, das klänge vielversprechend, aber im Grunde klingt es wie viele andere Jodie Foster Filme auch, in denen sie zwar schauspielerisch nicht zu übertreffen ist, die aber drehbuchtechnisch Einiges zu wünschen übrig lassen. (Ach Jodie, das muss doch nicht sein, oder? Du brauchst das Geld doch nicht. Du hast in Yale vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Such dir doch mal ein gutes Drehbuch aus.) Es gibt immer mal wieder Gerüchte, dass Miss Foster an einem Projekt zur Biografie von Leni Riefenstahl arbeitet. Na, das wär doch mal ein interessanter Anfang… Eine Woche Schule...22. September 2007 Eine Woche Schule und fast drei Wochen Italien sind rum und ich lebe noch. Man glaubt es kaum! Die letzte Woche war recht turbulent mit einigen ausgeprägten Höhen und Tiefen. Seit meinem letzten Bericht am Montag bin ich mehreren anderen Lehrern in den Unterricht gefolgt und es hat tatsächlich bis zum Ende der Woche gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ein gegenseitiges Missverständnis vorliegt. Loredana hatte mir nämlich versichert, dass ich in der ersten Woche nur zuschaue und mich den Schülern ein bisschen vorstelle. Allerdings ist es mir in letzter Zeit erstaunlich oft widerfahren, dass ich einer mir unbekannten Kollegin zum ersten Mal in den Unterricht folge, diese dann zu den Schülern sagt: „Das ist Emily, unsere neue Fremdsprachenassistentin.“…sich dann hinsetzt und mich erwartungsvoll anlächelt, als hätte ich alle Weisheit dieser Welt gepachtet und natürlich tausend perfekt geplante Englischstunden im Ärmel. Nun ja, in Sachen Stehgreifstunden habe ich mich im Laufe dieser Woche selbst übertroffen, aber jedes Mal dankbar geseufzt, wenn die 60 Minuten herum waren. Z.B. habe ich am Dienstag sehr gelehrt (*hust*) mit der Oberstufe über Kommunismus und die derzeitige Weltwirtschaft diskutiert (Das Tolle an Schülern ist, dass man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass man mehr Zeitung liest als sie – obwohl ich nur so ungefähr zweieinhalb Zeitungen im Jahr lese – und dass sie durch gezielt eingesetztes Halbwissen zu beeindrucken sind. Alte Klugscheißermethoden also…). Am Freitagmorgen war ich dann bei der Kollegin Barbara im Unterricht. Da es sich wiederum um einen Oberstufenkurs handelte, nahm ich an, dass sie mir die Lektüre geben würde und mir das derzeitige Programm ein wenig erklären würde. Aber es kam, wie es kommen musste. Die liebe Barbara sagt: „Also, das ist Emily, die neue Assistentin.“ – und setzt sich hin. Nach einer Schrecksekunde springt Emmy auf, klatscht sich ein fettes Lächeln ins Gesicht und schleudert ein über-enthusiastisches „Good morning, everyone!“ in die Runde. Zwischendurch zischt Emmy dann heimlich nach hinten: „Äh… was hast du letzte Stunde mit ihnen durchgenommen?“ Die Antwort: „Industrielle Revolution.“ Ugh. Für eine Millisekunde weicht mein Lächeln einem Ausdruck der allgemeinen Rat- und Fassungslosigkeit, bis mein Gehirn plötzlich auf Turbo schaltet und sämtliches Wissen aus dem mündlichen Abitur hervorkramt. Und so kam es, dass ich letztendlich äußerst gelehrt (*hust, röchel*) mit den Schülern über Textilproduktion in Manchester, Urbanisierung, die soziale Frage, die Abhängigkeit der Arbeiterklasse und die Werke von Charles Dickens geredet habe. Am Ende war ich schweißgebadet, aber auch ein bisschen stolz auf mich. Während ich in meiner Freistunde am Computer saß, kam Valeria ins Lehrerzimmer und setzte sich zu mir. Sie hat sich ganz lieb nach meinem Befinden erkundet und gefragt, wie mir die Schule so gefällt, worauf ich natürlich positiv antwortete. Außerdem sagte sie, wenn es je Probleme geben sollte, könne ich sie jederzeit anrufen, worauf ich antwortete: „Danke, das ist wirklich sehr lieb, aber im Moment läuft alles ganz gut.“ Oh Mann. Hätte sie mich bloß eine Stunde später gefragt. Diese Stunde fand in der Mittelstufe statt und hatte es ganz schön in sich. Die Schüler waren zwar nicht mies, aber wahnsinnig laut und unaufmerksam – sprich: Es war 60 Minuten lang ein einziger Kampf, sich überhaupt irgendwie Gehör zu verschaffen, geschweige denn, so etwas wie Autorität zu verströmen. Ich meine, wenn Achtklässler noch nie mit dem Konzept konfrontiert worden sind, dass man sich melden soll, bevor man etwas sagt, und somit auch nach wiederholter Ermahnung jedes Mal alle gleichzeitig losschreien, fällt mir wirklich nicht mehr viel ein. Jedenfalls hatte ich für den Rest des Tages hämmernde Kopfschmerzen und habe vom netten Oberstufenkurs, der darauf folgte, nicht viel mitbekommen. Zu Hause angekommen, war ich erst einmal froh, dass Alessia nicht da war. So schloss ich die Tür hinter mir und es folgte der erste Heulanfall dieses Auslandsaufenthaltes (okay, eigentlich waren es zwei Heulanfälle, aber da sie in so kurzem Abstand aufeinander folgten, denke ich, man kann es als einen werten – sonst hätte ich bereits mein durchschnittliches Jahresheulpensum erreicht, und ich brauche es vielleicht vor Weihnachten noch…). Da Emmys Heulanfälle aber so selten vorkommen, muss sie sich dann gleich immer den gesamten angestauten Weltschmerz der letzten Monate von der Seele heulen. Sprich: Ich sah ganz schön scheiße aus, wollte unbedingt in den Arm genommen werden und es war keiner da, der dies hätte tun können. Allerdings waren als Lebensretter von zu Hause zwei Pakete mit ganz vielen nützlichen Lehrmaterialien angekommen (thank you, Mum!) und so schaffte ich es, mich nach einer Weile wieder zu fangen. Danach stapfte ich erstmal los, um mir im Supermarkt die Grundausstattung eines jeden Lehrers zuzulegen – Taschentücher und Schokolade. Wieder zu Hause setzte ich mich an den Computer, mit der festen Absicht, dass mir das mit dem Autoritätsverlust so schnell nicht wieder passiert. Nächste Woche werde ich in meinen Klassen erstmal ein paar Grundregeln des Umgangs miteinander einführen – und Sanktionen androhen, falls diese nicht respektiert werden sollten. Jedenfalls habe ich jetzt einen Eindruck von den Englischkenntnissen der Schüler und kann somit hoffentlich meine zukünftigen Stunden besser planen. Naja…immerhin habe ich seit gestern einen Schulausweis, der mir am schicken blauen Band um den Hals hängt. Das ist insofern eine Erleichterung, als dass ich jetzt nicht mehr jedes Mal beim Betreten meiner Arbeitsstätte von der Rezeptionistin militärisch zurückgepfiffen werde und lang und breit erklären muss, dass ich die neue Fremdsprachenassistentin bin und nicht etwa eine angehende Kinderschänderin auf der Ausschau nach Frischfleisch. Außerdem habe ich mir heute einen persönlichen Code für den Kopierer besorgt. Dabei war übrigens die Tatsache sehr hilfreich, dass ich letzte Woche in einem Anflug von Wahnsinn „James Bond – Golden Eye“ auf Italienisch geguckt habe, in dem sie ständig irgendwelche Codes irgendwo eingeben müssen. Und so trat ich todesmutig dem Rektor entgegen und sprach: „Ho bisogna del codice per la fotocopiatrice.“ – Na bitte, geht doch. Was 007 kann, kann ich schon lange Der gestrige Tag war dann allerdings doch nicht komplett zum Davonlaufen, denn am Abend habe ich mich das erste Mal so richtig mit Alessia unterhalten und wir haben uns ein bisschen besser kennen gelernt – was ja aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse immer noch sehr schwierig ist. Beim ziellosen Zappen durch diverse Fernsehprogramme landeten wir bei einer Talkrunde, in der es um Sex vor der Ehe ging. Während ich gerade versuchte, mir vorzustellen, welcher deutsche Sender noch bereit wäre, ein solches Thema ins Programm zu stellen, fragte Alessia, wie es sich denn in England mit dem Sex vor der Ehe verhalte. Und so erklärte ich, dass die meisten Engländer in ihrer neugewonnen Freiheit an der Uni ziemlich austicken und ein sehr promiskuitives Verhalten an den Tag legen. Tja, und so kamen wir ins Reden über Flirts, Beziehungen, Gott und die Welt. Und es folgte mein allererstes Coming Out auf Italienisch – was ja auch nicht unbedingt ganz einfach ist, da man (oder ich) ja immer gleich ganz viele zusätzliche Erklärungen und Ausführungen hinterherschieben möchte, und bei einem akuten Mangel an Vokabeln ziemlich ins Stocken gerät. Naja, irgendwie hab ich’s irgendwie geschafft. Alessia hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt und nur gemeint: „Das stell ich mir gar nicht mal so einfach vor.“, woraufhin ich einfach nickte. Diese Hürde hätten wir somit auch genommen Ansonsten gestaltet sich das Zusammenleben mit Alessia ganz okay. Sie hat am Montag eine wichtige Prüfung in Pädagogik und läuft daher seit zwei Wochen den ganzen Tag lang im Pyjama auf und ab, während sie irgendwelche Fakten vor sich hinplappert (das kann ja meinem Fremdsprachenerwerb nur förderlich sein…). Andererseits habe ich es mal wieder hinbekommen, mit einer Person zusammenzuziehen, die noch unordentlicher ist als ich. Wie schaffe ich das bloß immer?! Als ich kaum eingezogen war, sagte Alessia nebenbei: „Also, wenn es eine Sache gibt, die ich total hasse, dann ist es Abwaschen.“ – womit sie recht hatte. Ich glaube, ich habe sie bisher ein einziges Mal beim Abwasch erwischt. Da fühl ich mich doch gleich wie zu Hause in meiner Cherrywood-WG Alessias Verhalten lässt sich allerdings damit erklären, dass sie bis zum Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren immer mit dieser zusammen in einer Wohnung gelebt hat. Und laut eigener Aussage musste sie nie einen Teller abwaschen oder gar den Fußboden saugen. Hat alles die Mamma gemacht. Ich gebe ja zu, dass ich mich auch von vorn bis hinten bedienen lasse, wenn ich zu Hause bin, aber immerhin habe ich die letzten vier Jahre nicht mehr ganzzeitig im Hotel Mama gewohnt. Lieber Gott, lass mich nie in Italien sesshaft werden, sonst werden meine Kinder von mir erwarten, dass sie über das 30. Lebensjahr hinaus bei vollständiger Bewirtung zu Hause wohnen können! Naja, wenigstens sieht Alessia ein, dass sie sich ändern muss, wenn sie irgendwann mit Davide zusammenziehen will, denn der ist von geradezu pingeliger Sauberkeit. Heute Abend kommt er übrigens vorbei und kocht für uns, daher kam Alessia auch am späten Nachmittag an, setzte ihren Hundeblick auf und fragte: „Du…Emily? Ich bin total gestresst und muss noch so viel lernen… Glaubst du, du könntest noch den Fußboden in der Küche feudeln? Nachher kommt nämlich Davide und ich möchte nicht, dass er schon wieder einen schlechten Eindruck von mir bekommt…“ – Und so habe ich nun auch dieses erledigt. Will ja schließlich nicht für das Scheitern zukünftiger Ehen zuständig sein. So, hier endet dieser Eintrag, denn am morgigen Sonntag muss ich eine kleine Touristenführung vornehmen. Eine Kollegin an der Schule organisiert nämlich mehrmals im Jahr solche Spaziergänge und brauchte jemanden, der die englische Version übernimmt. So kam es, dass ich vorgestern drei Stunden lang einen italienischen Text ins Englische übersetzt habe, damit ich tatsächlich den Anschein einer Ahnung habe, was ich diesen Leuten erzählen soll. Habe allerdings den besagten Stadtteil noch nie gesehen, also werde ich wahrscheinlich (mal wieder) sämtliche theatralische und klugscheißerische Verarschungstechniken mobilisieren müssen, um mein Gefolge von unbequemen Zwischenfragen abzuhalten. *schlägt wiederholt mit der Stirn auf den Schreibtisch* - Na, denn man gute Nacht! Die ersten zwei Wochen Italien7. September 2007 Buona sera alle zusammen! Vorab erlaubt ihr mir bitte eine kurze Bemerkung (und entschuldigt gleichzeitig die Wortwahl): Das mediterrane Klima ist einfach nur geil! Ehrlich, anders kann man es tatsächlich nicht sagen. Ich sitze hier um halb sieben Uhr abends in Trägerhemd und aufgerollten Jeans auf dem bereits beschriebenen Balkon meiner neuen Wohnung. Vor mir erstreckt sich strahlend blauer Himmel über tiefblauem Meer und unter mir tobt das neapolitanische Leben. Kurz gesagt: Ich habe keine Ahnung, warum Gott in Frankreich lebt, denn hier lässt es sich auch ganz gut aushalten ;-) Gestern war also großer Umzugstag. Zunächst musste ich mir allerdings erstmal Bettwäsche zulegen. Und hier kommt Ihre 500.000€ Frage: Was heißt Bettwäsche auf Italienisch? Ich habe immer noch keine Ahnung, aber mit drauf zeigen und dem Satzbrocken „per un letto singolo“ ging es dann doch irgendwie – zwar etwas überteuert und mit feschem Fallschirmspringer-Aufdruck, aber was soll’s, ich war jung und brauchte was zum drin Schlafen. Der Umzug selbst war dann eine einzige Tortur. Nachdem ich mich von Nick und Jess (zwei sehr netten Australiern aus der Jugendherberge) verabschiedet hatte, ging es mit ca. 40kg Marschgepäck zunächst zum Funicolare (einer Art unterirdischer Bergbahn), dann in die Metro, und schließlich zu Fuß das letzte Stück bis in die Via Naccherino. Da mein Koffer aufgrund des Gewichts nur zu rollen war, habe ich auf dieser Strecke festgestellt, dass Neapel ganz schön behindertenunfreundlich ist. Zwar gibt es in den Metrostationen Rollstuhlrouten – diese sind aber praktischerweise nur über Stufen zu erreichen. Und davon gibt es in dieser Stadt SAUVIELE. Außerdem hat die Straße, in der ich nun wohne, ein bisschen Mount-Everest-Charakter, daher habe ich heute Schwielen an der rechten Hand, das linke Handgelenk steht kurz vor der Sehnenscheidenentzündung, mir tut der Rücken weh und meine Schultern sind tierisch verspannt. Als ich nun endlich schweißgebadet mit meiner Ladung an der Tür klingelte, öffnete mir Alessia mit den Worten: „Das ist alles, was du hast?!“ Nachdem ich angefangen hatte, meine Sachen auszupacken, hab ich auch so langsam verstanden, was sie meinte: Es ist doch irgendwie deprimierend, wie wenig man von seinem Leben in so einen Koffer quetschen kann. Mein Zimmer wirkte mit den paar Sachen im Schrank wie eine Gefängniszelle, ich war körperlich völlig am Ende – und schwupps, kam auch schon die erste Heimwehattacke. Ich hätt’ heulen können, hab es aber dann doch nicht getan und mich statt dessen zusammengerissen und erstmal ausgiebig geduscht. Ich muss sagen, dass ich in solchen Momenten extrem dankbar für meine Kanada-Erfahrungen bin, da ich während dieses Jahres gelernt habe, mich jeden Tag neu zu motivieren und mir klar zu machen, dass das Heimweh nur dann kommt, wenn ich körperlich völlig fertig bin oder Langeweile habe. Und vor allem weiß ich Eins: Wenn du dir nichts sehnlicher wünschst, als zu Hause anzurufen, kannst du nichts Schlimmeres tun, als zu Hause anzurufen. Für alle, denen so Etwas noch bevorsteht: Tut es unter keinen Umständen! Es macht das Heimweh garantiert tausendmal schlimmer! Also habe ich mich erstmal vor den Spiegel gestellt und ein bisschen Lachtherapie gemacht (wenn man lächelt, werden Glückshormone freigesetzt und angeblich kann der Körper dabei nicht zwischen einem echten und einem falschen Lächeln unterscheiden. – Hab ich jedenfalls mal irgendwo gehört.). Tja, und dann kam auch schon Alessia an mit dem Angebot, uns ein bisschen Pasta zum Abendessen zu machen, was ich dankend annahm. Zwischendurch haben wir italienische Nachrichten geguckt und gemeinsam das Ableben Pavarottis bedauert (sie anscheinend etwas mehr als ich. Ich meine, er war relativ alt, hat eine lange Karriere gehabt, ziemlich ungesund gelebt, und am Ende nicht mehr wirklich toll gesungen. Naja, de mortuis nil nisi bene. – Das war’s übrigens auch schon mit meinem Latein.). Beim Essen hat mir Alessia dann erstmal ausgiebig von ihrem Freund Davide vorgeschwärmt. Also, ich muss sagen, er wirkt unheimlich nett und hilfsbereit (er programmiert und testet Computer – sowas sollte man sofort heiraten!). Außerdem ist er sehr musikbegeistert und hat ungefähr den gleichen Musikgeschmack wie ich – folglich kann er kein schlechter Mensch sein ;-) Laut Alessia waren die beiden schon mal zwei Jahre zusammen, haben sich dann getrennt und elf Jahre lang nicht gesehen. Vor fünf Monaten sind sie sich dann zufällig in einer Bar begegnet und es hat sofort wieder gefunkt. Und da soll noch mal Einer sagen, wahre Liebe gäbe es nicht! Selbst die Zynikerin in mir musste bei der Geschichte ein wenig verträumt seufzen… Nun ja, und zum Abschluss dieses Abends beschloss ich, ein wenig Lerneifer an den Tag zu legen und mir das italienische Fernsehprogramm reinzuziehen, während Alessia sich zum Lernen in ihr Zimmer zurückzog. Habe schließlich „Ghost Whisperer“ auf Italienisch geguckt. Dazu nur drei Bemerkungen: 1.) Wer Jennifer Love-Hewitt allen Ernstes als „Schauspielerin“ bezeichnet, sollte dringend mal das Wort im Lexikon nachschlagen. 2.) Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Serie nicht in einer Sprache ertragen könnte, die ich tatsächlich verstehe. 3.) Der Plot war so spannend, dass ich kurz vor Schluss (sprich um 22.00 Uhr) eingenickt bin und beschlossen habe, ins Bett zu gehen. Nun aber mal zu wichtigeren Themen: Heute war mein erster Arbeitstag. Nach knappen 5 Minuten Fußweg habe ich mich mit Loredana (meiner Betreuungslehrerin) vor der Schule getroffen und es begann der übliche Marathon aus Vorstellen, Händeschütteln, Namenvergessen… Ich glaube, ich habe im Laufe des Vormittags den Rektor, seine Stellvertreterin, mehrere Sekretärinnen und natürlich die restlichen Englischlehrer kennen gelernt. Es war nämlich „Fachkonferenz“. Und ich muss immer noch jedes Mal schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. Eine italienische Fachkonferenz muss man sich nämlich folgendermaßen vorstellen: 10 Damen sitzen bei 20 Grad allesamt im Pullover um einen viel zu kleinen Tisch herum und tun alle gleichzeitig lautstark ihre Meinung kund. Ich glaube, es ging hauptsächlich um die Festlegung der Minimalanforderungen für verschiedene Jahrgänge…und irgendwann haben sie dann angefangen, lauter zu reden und ab und zu auf mich zu zeigen. Ich nehme also an, es ging darum, was genau ich machen soll und wer mich abbekommt (bzw. aushalten muss). Da sie immer noch alle gleichzeitig geredet haben, kann es natürlich auch um ganz etwas Anderes gegangen sein, z.B. „Wer ist denn das überhaupt?“ „Das ist die neue Sprachassistentin.“ „Warum grinst die so dämlich?“ „Keine Ahnung. Vielleicht hat sie sich kürzlich einem kosmetischen Eingriff unterzogen und kriegt jetzt die Mundwinkel nicht mehr runter.“ „Bist du sicher, dass das kein Hund ist? Es guckt nämlich immer so verständnislos und gleichzeitig erwartungsvoll, wenn es seinen Namen hört…“ Naja, nach einer Weile haben sie dann netterweise Englisch mit mir geredet, um herauszufinden, ob ich tatsächlich so unintelligent bin, wie es den Anschein hatte. Dann haben sie sich wiederum gestritten, ob ich hauptsächlich Grammatik, Konversation oder Literatur unterrichten soll. Im fünften (und letzten) Jahr des Liceo nehmen sie wohl ziemlich rigoros englische Literatur von der Romantik bis zur Moderne durch. Und da ich ein gewisses Interesse für Literatur angemeldet hatte, schlugen dann einige Kollegen vor, ich könnte doch ohne Weiteres mit den Schülern über Wordsworth, Shelley oder Joyce diskutieren. „Ja, klar.“ – sprach’s… und beschloss insgeheim, die Werke besagter Autoren tatsächlich mal zu lesen. Ähem… Nach dieser interessanten Erfahrung zeigte Loredana erstmal Anna (einer anderen Kollegin, die neu an der Schule ist) und mir das Gebäude. Es gibt einen Videoraum, einen Computerraum, in dem ich jederzeit ins Internet kann (juhu!) und eine sehr kleine Bücherei. Ansonsten ist die Schule nicht besonders gut ausgestattet. So ungefähr wie das Gymnasium Winsen, bloß mit kleineren Tafeln. Jedenfalls kann ich die Powerpoint-Präsentationen, die ich beim Schulpraktikum in England letztes Jahr anfertigen musste, hier komplett vergessen. Naja, das hat für ein Computergenie wie mich natürlich auch so seine Vorteile. Um kurz nach elf war der ganze Zirkus auch schon wieder vorbei und Loredana eröffnete mir, dass ich erst wieder am Freitag (dem ersten offiziellen Schultag) erscheinen müsse – sprich: Ich habe jetzt eine ganze Woche lang frei. Werde mir also demnächst mal ein Touristenprogramm zusammenstellen, denn bisher habe ich weder die Sehenswürdigkeiten der Stadt, noch Pompeii, noch den Vesuv, noch die Golfinseln wirklich wahrgenommen – also wird es höchste Zeit, dass ich dies nachhole, damit ich zukünftigen Besuchern dann auch ein bisschen Ortskunde vortäuschen kann… Den Rest des heutigen Tages habe ich damit verbracht, erste lebensnotwendige Einkäufe zu machen und den Stadtteil Vomero näher zu erkunden. Scheint in der Tat ein recht nettes Viertel zu sein – mit Fußgängerzone und vom Einkaufsangebot durchaus mit Hamburg oder Lüneburg vergleichbar. Bin auf meiner Entdeckungsreise natürlich zwangsläufig irgendwann in einem großen CD-Laden gelandet und habe mit Schrecken festgestellt, dass Tokio Hotel mittlerweile sogar in dem Land, wo die Zitronen blühen, als „empfehlenswerte Neuheit“ gehandelt werden. Da flieht man schon ins Ausland und sie holen einen trotzdem noch ein. *schauder* Abschließend noch ein paar Sätze zur italienischen Sprache (und dann ist dieser Mammuteintrag auch wirklich vorbei – versprochen.). Obwohl ich immer noch viel rumstottere und mir jedes zweite Wort fehlt, habe ich den Eindruck, dass sich langsam aber sicher italienische Ausdrücke und Strukturen zaghaft in meinem Gehirn festsetzen. Ich führe jedenfalls ab und zu bei meinen Streifzügen durch die Straßen Selbstgespräche und überlege ständig, wie ich dieses oder jenes auf Italienisch sagen würde – was ja der Sprachaneignung nur förderlich sein kann. Außerdem bin ich hin und weg vom wunderschönen Klang dieser Sprache. Die Leute hier drücken sich doch tatsächlich unbewusst unglaublich lyrisch aus. Wenn z.B. eine Mutter im Supermarkt ihrem Sohn zuruft: „Vieni! t’affretta!“ („Komm, beeil dich!“), habe ich für den Rest des Tages Maria Callas mit der Arie aus Verdis „Macbeth“ im Ohr – und könnte vor Verzückung quietschen Für alle, die sich bis hierhin tapfer durchgeschlagen haben, hier noch meine italienische Adresse: Emily Oliver c/o Alessia Iannotti Via M. Naccherino 4 80128 Napoli Italien Post ist jederzeit willkommen! Und alle, denen ich so voreilig meine Adresse per SMS mitgeteilt hatte, beachten bitte die Änderung der Postleitzahl (80128 statt 80131)!
10. September 2007 Eine knappe Woche Italien ist herum und ich lebe noch. Gerade noch In letzter Zeit ist mal wieder Achterbahn der Gefühle angesagt. Fühle mich sehr an die erste Zeit in Kanada erinnert, da ich immer wieder am Abgrund des Heimwehs wandele, aber dann wieder Phasen erlebe, in denen es mir total gut geht. So auch dieses Wochenende… Am Samstag habe ich ein bisschen Sightseeing betrieben: Erst war die Villa Floridiana dran (ein sehr schönes Anwesen hier in der Nähe, mit wunderschönem Ausblick auf Neapel) und anschließend das Castel Sant’Elmo – eine wuchtige alte Burg, die sich hoch über Neapel erhebt und ein ziemlich beeindruckendes Panorama bietet. Obwohl es herrlichstes Wetter war und man sich wirklich keinen schöneren Anblick wünschen könnte, hatte ich doch den ganzen Tag lang mit Heimweh zu kämpfen. Merke jetzt, dass verreisen mir eigentlich nur Spaß macht, wenn ich die ganzen Eindrücke mit jemandem teilen kann. Obwohl ich seit Jahren immer wieder mit dem Gedanken einer Interrail Tour spiele, muss ich doch zugeben, dass mir alleine reisen wirklich nichts gibt. Also sollte es jemals zu dieser berühmten Tour kommen, werde ich mir auf jeden Fall einen Travel Buddy suchen – auch wenn man sich ab und zu auf die Nerven geht, ist es doch was ganz Anderes, wenn man jemanden dabei hat, auf den man sich verlassen kann und der die eigene Sprache spricht… Okay, genug gejammert. Der Rest des Wochenendes war nämlich total schön. Am Samstag Abend eröffnete mir Alessia, dass es eine lange Nacht werden würde. – Und sie hatte nicht gelogen. Zunächst waren wir mit Davide in einer Art Irish Pub (habe noch nie so viele Guinness trinkende Italiener auf einem Haufen gesehen!). Dort gesellten sich dann nach und nach Davides Freunde zu uns. Und da er im August Geburtstag hatte, gab’s erstmal Geschenke von allen Seiten. Als er sie auspackte, wurde mir allmählich klar, dass ich mitten in eine Comic Fan Convention geraten war: Seine Freunde wirken allesamt wie die hochintelligenten Kinder und Computerfreaks, die früher in der Schule ausgegrenzt wurden, und sich stattdessen in Comicbücher flüchten. Davide hat sich jedenfalls total über irgendeine Plastikfigur gefreut, die man ihm geschenkt hat. Und sein bester Freund sammelt Würfel. *lach* Da fühlte ich mich doch ein wenig an England und meine Cherrywood-Avenue-WG erinnert, deren Mitglieder sich auch für jeden Fantasy-Scheiß begeistern konnten und bereit waren, Unsummen dafür auszugeben… Wo ich jetzt aber so gemein über Davides Freunde abgelästert habe, muss ich doch sagen, dass sie mir alle sehr sympathisch waren. Habe mich vor allem mit seiner besten Freundin unterhalten (deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe *seufz*). Die arbeitet für Amnesty International und spricht daher sehr gut Englisch. Von ihr habe ich außerdem erfahren, dass die gesamte Clique total in Schottland vernarrt ist. Sie waren jedenfalls schon mehrmals da, so auch in diesem Sommer. Auf die zwangsläufige Frage: „Wer fährt denn im Sommer nach Schottland, wenn er doch jederzeit im Mittelmeer baden könnte?“, wusste sie keine überzeugende Antwort, außer dass ihr die Landschaft gut gefällt. Nun ja, Jedem das seine… Später am Abend kamen dann noch Alessias Freunde hinzu. Die sind zwar sehr viel schicker und modebewusster als Davides Clique, aber trotzdem sehr nett und immer bemüht, mit mir ins Gespräche zu kommen (was gar nicht mal so einfach ist, da ich nur jedes dritte Wort verstehe und man mir jeden Satz mehrmals wiederholen muss, bevor der Groschen fällt). Ihre beste Freundin, Marina, hat mir jedenfalls mehrmals versichert, dass ich „total sympathisch“ bin – na, das lässt doch hoffen, dass ich hier irgendwann richtig Anschluss finden werde Zusammen mit diesem Freundeskreis waren wir dann noch „auf Piste“, sprich: in irgendeinem Club ziemlich weit außerhalb von Neapel, wo die ganzen Mitt-Dreißiger zu Popmusik aus den 80ern abgehottet sind. Also, ich fand’s lustig ;-) Anschließend (sprich: gegen halb 4 Uhr morgens) hat uns Marinas Bruder, Sergio, noch allen Kaffee und Croissants ausgegeben, da er Namenstag hatte (ist wohl so Tradition hier). Der Laden, in dem dies geschah, hatte übrigens den klangvollen Namen „Up Down Coffe“ (ja, mit nur einem „e“) – was das genau heißen soll, weiß kein Mensch. Habe mich als Ausländerin geoutet und einen Cappuccino bestellt, da ich vom italienischen hardcore Kaffee immer noch Herzrasen bekomme – vor allem, weil man ihn als richtiger Italiener „stürzen“ muss (egal wie heiß oder wie stark, in 1-2 Sekunden muss das Zeug weg sein). Kurz vor fünf Uhr morgens bin ich dann dankend ins Bett gefallen, mit der festen Absicht, mich die nächsten zehn Stunden lang nicht mehr zu regen. Daraus wurde allerdings nichts. Um halb elf klopfte Alessia an meine Tür und erklärte, dass wir um kurz nach elf alle zusammen „al mare“ fahren würden. Also, blitzschnell geduscht, Strandsachen zusammengesucht, schlaftrunken mehrere Türen eingerannt, und schon ging’s los. Soweit ich das verstanden habe, sind wir nach Capo Miseno (nördlich von Neapel) gefahren, wo es einen wunderschönen Sandstrand mit glasklarem Wasser gibt. Unterwegs wurde noch schnell gefrühstückt (sprich: Kaffee und Croissants) – und da Sergio immer noch Namenstag hatte, musste er auch dieses ausgeben Einen Vorteil bringt die keltische Abstammung allerdings doch mit sich: Als wir das erste Mal im Wasser waren, fiel mir irgendwann auf, dass ich nur noch mit den Jungs (Davide, Sergio und Flavio, Marinas Freund) unterwegs war, während Alessia und Marina sich noch kreischend im seichten Wasser aufhielten. Laut eigener Aussage war ihnen das Wasser zu kalt. Kalt! Ha! Das Meer hat hier mindestens 20-25 Grad! Naja, ich hab ihnen vorgeschlagen, dass wir irgendwann mal alle zusammen im September in der Nordsee baden gehen… Bevor auch dieser Eintrag sich dem Ende neigt, noch ein paar Worte zu den ganzen Italienern, die ich dieses Wochenende kennen gelernt habe. Es hat mich wirklich beeindruckt wie offen, herzlich, humorvoll und großzügig die Leute hier sind. Alessias Freunde Marina und Sergio sind mir z.B. absolut sympathisch. Die beiden sind total witzig und nett, und man kann sich mit ihnen über alles Mögliche unterhalten. Marina hat genau wie Alessia Literatur studiert, während Sergio Philosophie studiert hat. Allerdings arbeiten jetzt wohl beide seit Jahren im Callcenter, da es in Neapel unheimlich schwer ist, eine feste Arbeitsstelle zu finden. Da hat Davide wirklich Glück gehabt mit seiner festen Arbeit als Graphiker und Computertester. Mir ist übrigens endlich eingefallen, an wen mich Davide erinnert: an Dustin Hoffman in „Rain Man“! Das soll jetzt nicht heißen, dass er irgendwelche autistischen Züge an sich hätte (im Gegenteil: Er ist unheimlich lieb und fürsorglich), aber er sieht ein bisschen so aus und er tanzt auch ein bisschen so ;-) Außerdem hat er anscheinend ein wahnsinniges Talent dafür, sich zu verletzen. Am Samstag hat er beim Telefonieren im Auto eine falsche Bewegung gemacht und konnte daraufhin das gesamte Wochenende seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Und angeblich hat er es vor ein paar Jahren tatsächlich geschafft, sich beim Haaretrocknen zwei Halswirbel auszurenken. Wie genau das gehen soll, hab ich immer noch nicht verstanden. Der einzige Italiener, der mir bisher ein bisschen negativ aufgefallen ist, ist Marinas Freund, Flavio. Der erfüllt meiner Meinung nach so ziemlich alle Klischees eines typischen Italieners. Er hat lange dunkle Haare zum Pferdeschwanz gebunden, das Hemd ist stets mindestens bis zur Hälfte aufgeknöpft, er muss sich ständig präsentieren und in Pose werfen, hat diverse Tätowierungen (u.a. auch das obligatorische Arschgeweih) und fährt nicht nur wie eine besengte Sau Auto, sondern auch Motorrad (natürlich eine Harley Davidson). Ach, und er arbeitet bei Alpha Romeo. Naja, das alles macht er aber durch seinen Sinn für Humor wieder wett. Wie Marina und er es miteinander aushalten, ist mir allerdings rätselhaft… Ach, und zum Schluss gibt es dann doch noch was Interessantes zu berichten: Emmy hat endlich eine italienische Telefonnummer. Künftig bin ich jederzeit unter folgendem Anschluss zu erreichen: 0039-3484685098 Habe es doch tatsächlich geschafft, der Dame bei Vodafone zu verklickern, dass ich erstens eine SIM-Karte haben wollte und dass ich zweitens damit ins Ausland telefonieren können möchte. Allerdings habe ich den Fehler gemacht, erst um 14:30 Uhr in die Stadt loszuziehen. Tja, da musste ich dann erstmal feststellen, dass die Geschäfte hier alle von 14:00 bis mindestens 15:30 geschlossen haben. Naja, besser ist das – mir geht sowieso langsam das Geld aus…
11. September 2007 Komme mir gerade wahnsinnig kultiviert und gebildet vor. Ja, Freunde der Sonne, ich war heute in Pompeii. Mit der Circumvesuviana Bahn braucht man ab Neapel ca. 45 Minuten bis zur versunkenen Stadt am Vesuv. Und wenn man zwischen 18 und 24 Jahre alt ist und in Besitz eines EU-Passes, kommt man sogar zum halben Preis rein. Nun ja, was kann ich zu Pompeii sagen? Beeindruckend. Wirklich. Zuerst dachte ich: „Juhu. Trümmer. Oh, und da: noch mehr Trümmer!“, aber irgendwann hat mich das Ganze dann doch in seinen Bann gezogen. Ist schon erstaunlich, was die Römer so alles aufgebaut haben; z.B. ein Schwimmbad mit Außenbecken, Kalt- und Warmwasserbecken, Sauna, Fitnesscenter und Massagecenter. Und die Gipsabdrücke der Körper, die vom Vesuvausbruch überrascht wurden, sind schon wahnsinnig interessant, allein weil man sogar die Falten der Kleider und den genauen Gesichtsausdruck der Menschen sehen kann. Irgendwie unheimlich… Habe außerdem das erste Mal in meinem Leben ein antikes Theater in Augenschein genommen, was auch total spannend war (und ja, natürlich musste ich sofort die Bühne stürmen, um mal zu sehen, wie so ein Zuschauerraum auf die Schauspieler gewirkt haben muss. Ziemlich imposant. *schluck*). Naja, und besonders interessant war natürlich auch das pompeianische Bordell mit seinen recht expliziten Mosaiken über jeder Tür. Dazu der furztrockene Kommentar des Audioguide in schönstem Oxford-English: „It is presumed that these mosaics were meant to inspire customers to try out the various positions they present…“ – Herrlich! Die Ausgrabungsstätte an sich war gar nicht mal so überlaufen, wie man mir ausgemalt hatte. Klar, es waren schon einige Gruppen unterwegs (hauptsächlich Australier, Amerikaner, Engländer, Franzosen und Holländer), aber das Gelände ist so riesig, dass man denen gut ausweichen kann. Ich bin jedenfalls der vom Audioguide vorgeschlagenen Tour gefolgt, die laut Faltblatt ca. zwei Stunden dauern sollte. Nachdem ich knappe vier Stunden dafür gebraucht hatte, war ich dann doch froh, nicht die „4-hour-route“ gewählt zu haben. Wahrscheinlich hätten sie mich erst Mitte nächster Woche irgendwo unter einem kleinen Aschehäufchen entdeckt. Im Endeffekt war ich sowieso erst bei Anbruch der Dunkelheit wieder am Hauptbahnhof von Neapel, da ich mal wieder vergessen hatte, dass es hier ab ca. halb acht schlagartig dunkel wird. Dies stellte bei der Navigation des Rückwegs ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, weil ich nur meine Sonnenbrille in meiner Sehstärke dabei hatte. Folglich hatte ich auf dem Rückweg beim Schilderlesen die Wahl zwischen „extrem dunkel“ und „unscharf“. Muss jedenfalls ziemlich dämlich ausgesehen haben, wenn ich an jeder Straßenkreuzung erstmal im Stockdunklen einen auf pseudo-cool machen musste. Übrigens, um noch mal zum Thema des antiken Bordells zurückzukommen… Da ich nach meinem Streifzug durch die Antike ziemlich fertig war, hab ich mich einfach mal spontan vor den Fernseher gefläzt…um mit Erstaunen festzustellen, dass gerade auf drei verschiedenen Programmen Sendungen laufen, in denen sich die Leute gegenseitig auspeitschen. Hmm, das eröffnet doch eine ganz neue Sicht auf die italienische Kultur…
13. September 2007 Thema des Tages: Frustessen. Habe gerade zwei Zwieback mit Nutella verdrückt, dicht gefolgt von einer Portion Vienetta. Warum? Ich will endlich anfangen zu arbeiten. Ich weiß, ich weiß, das muss jetzt allen Daheimgebliebenen wie blanker Hohn vorkommen, wenn sich Klein-Emmy darüber beschwert, dass sie bei 25 Grad im Schatten an der Mittelmeerküste gerade zu viel Freizeit hat – aber es ist tatsächlich so: Ich sehne mich nach einer sinnvollen Aufgabe. Morgen sollte eigentlich mein erster Schultag sein. Daher habe ich nur mal so zur Sicherheit meiner Betreuungslehrerin Loredana heute eine SMS geschickt, in der ich höflich fragte, wann ich denn aufkreuzen solle und wo wir uns treffen. Daraufhin erhielt ich die Antwort, dass sie den Rektor gebeten habe, mir noch bis Montag freizugeben, damit sie mehr Zeit hat, meinen Stundenplan zu organisieren. Ja, kann denn das so schwer sein? Ich soll doch sowieso in der ersten Woche nur bei diversen Lehrern zugucken, um einen Eindruck vom Unterricht zu bekommen. Naja, sie nimmt wahrscheinlich an, dass sie mir damit einen riesigen Gefallen tut, aber ganz ehrlich: Das Letzte, was ich momentan brauche, ist Freizeit. Klar kann ich mir die Zeit mit Sightseeing vertreiben (und in spätestens drei Wochen werde ich mir wahrscheinlich inbrünstig wünschen, mehr Freizeit zu haben), aber erstens kostet das natürlich alles Geld (was mir nach diversen anfänglichen Ausgaben in diesem Monat nicht ganz so üppig zur Verfügung steht) und zweitens fände ich es viel schöner, diese ganzen Sachen zu unternehmen, wenn ich erstmal ein paar Leute kennen gelernt habe. Komme mir so langsam echt blöd vor, wenn ich alleine durch diese ganzen Urlaubsziele streife, an denen lauter Paare händchenhaltend den Sonnenuntergang bewundern. Ja okay, ich weiß, egal wie ich’s drehe und wende, es klingt immer noch nach Jammern ohne Grund. Dazu muss man aber wissen, dass ich im fremdsprachigen Ausland durchaus autistische Charakterzüge entwickle: Nichts macht mich glücklicher, als eine geordnete, verlässliche Routine. Dann geht nicht nur die Zeit schneller rum, sondern man hat auch weniger Gelegenheit, sich dem Heimweh hinzugeben. Ein erster Lichtblick ergab sich gestern Nachmittag, als wir Valeria besucht haben. Valeria ist eine Englischlehrerin an meiner Schule. Ihre Tochter Ilaria (24) macht dieselbe Lehrerausbildung wie meine Mitbewohnerin Alessia, und über diesen Umweg habe ich auch meine Wohnung erhalten. Alessia muss im Zuge ihrer Ausbildung eine Lehrerin interviewen und hat sich dafür eben Ilarias Mutter ausgesucht. Nun ja, Valeria wohnt direkt bei uns um die Ecke, ist eine sehr respekteinflößende Person – und begrüßte mich in wunderschönstem Bilderbuchdeutsch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wohl das tat! Natürlich bin ich in erster Linie hier, um Italienisch zu lernen, aber es freut mich grundsätzlich, Menschen kennen zu lernen, die genau wie ich Deutsch für eine der schönsten Sprachen halten, die es gibt. Valeria hat mir auch sogleich erzählt, dass sie vor Ewigkeiten mal als Fremdsprachenassistentin an einer deutschen Schule gearbeitet hat und dass sie die deutsche Sprache innig liebt. Außerdem spricht sie natürlich noch astreines Englisch, wirkt wahnsinnig intelligent und hat den Ruf, eine sehr strenge, auf Disziplin bedachte Lehrerin zu sein. Ich glaube, diese Frau muss ich mir im Laufe des Jahres zur Adoptivmutter machen ;-) Zusammen mit Valeria werde ich im zweiten und fünften Jahrgang des Liceo tätig sein (das Liceo geht insgesamt fünf Jahre lang, was so in etwa der 8.-12. Klasse entspricht. Übrigens unterrichten alle Lehrer in allen Jahrgängen.). Im zweiten Jahrgang geht’s natürlich hauptsächlich um Grammatik und die üblichen Teenie-Themen, die so gern in den Schulbüchern aufgegriffen werden. Der fünfte Jahrgang klingt allerdings etwas interessanter, da wir George Orwell’s Animal Farm lesen werden. Dieses Buch hat zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: 1.) Es ist kurz. 2.) Ich habe es schon mal vorher gelesen. Naja, Valeria hat mir jedenfalls erstmal ganz viel Lehrmaterial in die Hand gedrückt und so habe ich den heutigen Tag damit verbracht, mir zu überlegen, wie man Animal Farm einer Klasse auf interessante Art und Weise näher bringen kann. Vorschläge sind natürlich jederzeit willkommen…
17. September 2007 Die Zeit des „Carpe diem“ ist vorbei; fortan heißt es „ora et labora“ (wobei es einige Kollegen eher mit dem ora als mit dem labora haben, aber dazu später mehr…). Nachdem ich mich ja in letzter Zeit pausenlos über den Überfluss an Freizeit beschwert habe, kam am Samstag prompt die Quittung dafür. Loredana rief an und teilte mir mit, dass sie jetzt meinen vorläufigen Stundenplan erstellt habe (jauchzet, frohlocket – man mag es kaum glauben!) und dass ich am Montag eine Vertretungsstunde geben müsste. Allein. In der neunten Klasse. In der ersten Stunde. Ach so. Ja klar. Gut, kein Problem. Sowas nennt man, glaub ich, Feuertaufe. Während dieses Telefonats schnellte mein Puls auf ca. 200 und meine Innereien verknoteten sich ein ganz wenig, aber im Grunde war ich doch froh, dass es endlich losgehen sollte. Nun ja, Samstag und Sonntagmorgen noch schnell eine Stehgreifstunde vorbereitet, und Sonntagnachmittag ging’s dann auch schon wieder mit Alessia und Davide zum Strand. Herrlich…! Nachdem Alessia allen erzählt hatte, dass ich am nächsten Tag ganz allein meine Stunde geben müsste, riefen sie mir alle zum Abschied „in bocca al lupo“ zu, was so ungefähr mit „dem Wolf ins Maul“ übersetzt werden kann und wahrscheinlich dem deutschen „in der Höhle des Löwen“ relativ nahe kommt. Soll jedenfalls „viel Glück“ auf Neapolitanisch heißen. Darauf antwortet man übrigens „crepi il lupo“ – auf dass der Wolf krepiere Heute galt es also, Wölfe zum Krepieren zu bringen – und ich glaube, es ist mir einigermaßen gelungen. Bin zwar mittlerweile völlig erschöpft, weil’s heute außerdem plötzlich ca. 30 Grad warm war, aber insgesamt hätte mein Schulstart durchaus schlimmer verlaufen können. Die Neunte schien jedenfalls sehr interessiert und aufgeweckt (wenn auch etwas laut. Mein Gott, was können Italiener quatschen!) und hat ganz gut mitgemacht. Ich hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, was hier so die Unterrichtskonventionen sind – bis nach einer Viertelstunde der Ko-Rektor reinschneite, um ein Merkblatt ins Klassenbuch zu legen, und alle Schüler urplötzlich aufsprangen, um sich geordnet hinter ihren Tischen aufzustellen. Ups…naja, nächstes Mal werde ich sie dann ermahnen, sich am Anfang des Unterrichts hinzustellen und erst auf mein Zeichen hin Platz zu nehmen… Den Rest des Tages habe ich diverse Lehrer in ihre Stunden begleitet und ich muss sagen, mir bot sich im Lauf des Tages ein pädagogisches Pick’nMix. Das Spektrum reicht vom mediterranen „laisser faire“ bis hin zum nordkoreanisch anmutenden Militärregime. Grundlegendes Problem ist die Einrichtung und Ausstattung der Klassenräume, die nur eine winzige Tafel vorweisen. Diese ist Günstigerweise auch noch so angebracht, dass jeweils nur die Hälfte der Klasse tatsächlich lesen kann, was draufsteht. Außerdem sind die Räume gefliest, was sie extrem hellhörig macht. Hinzu kommt der neapolitanische Verkehrslärm von draußen, da die Temperaturen bei geschlossenen Fenstern nicht auszuhalten sind. – Der langen Rede kurzer Sinn: Entweder man sorgt für absolute Stille in der Klasse oder man schreit sich im Laufe des Morgens heiser. Zunächst war Loredana dran. Die ist definitiv eine Vertreterin der „laisser faire“-Fraktion. Soll heißen: Erst wird die Assistentin vorgestellt, dann wird die Klasse aufgefordert, der Assistentin Fragen zu stellen. Auch wenn keine Fragen mehr kommen, fischen wir weiterhin eine halbe Ewigkeit danach („No more questions?…Really?…Are you sure?…Luca, you must have a question…No?…“ *schnarch*). Sodann wird die beste Schülerin (ein unheimlich liebes Mädchen, das in der ersten Reihe sitzt, aufmerksam zuhört, alles mitschreibt und die ganze Zeit total ermutigend lächelt) aufgefordert, ihre Hausaufgaben (einen Aufsatz über den Unterschied zwischen englischen und italienischen Wohnverhältnissen) vor der ganzen Klasse zu verlesen. Dann wird der nächste Schüler aufgefordert, das selbe zu tun. Loredana korrigiert zwei, drei Wörter, dann muss der Nächste nach vorne. Dann der nächste. Und der nächste… Bei Nummer sieben oder acht hab ich aufgehört zu zählen. Ich musste zu viel Energie darauf verwenden, das Zuklappen meiner Augenlider zu verhindern. Während dieser gesamten Prozedur herrschte ein Grundlärmpegel erster Güte (d.h. kein Mensch hat irgendwas von den Aufsätzen der Anderen mitbekommen). Kein Wunder! Bei einer derartigen „Unterrichtsgestaltung“ würde ich auch sofort abschalten. Solche Hausaufgaben sammelt man ein und korrigiert sie zu Hause, wenn einem tatsächlich was daran liegt. Aber halt! Es ging ja noch weiter. Als nächstes Highlight wurde nämlich ein Text über englische Wohnverhältnisse ausgeteilt. Die erste Anweisung, nachdem die Schüler den Text gelesen hatten, lautete: „Tragt bitte die Zeilennummerierung ein und sucht dann die Wörter heraus, die ihr nicht versteht.“ (Und wieder: Zeilennummerierungen trägt man doch vorher zu Hause auf der Kopiervorlage ein, oder?) Danach lässt man dann in aller Ruhe die Assistentin sämtliche Vokabeln erklären. (Loredanas Stunde muss mich übrigens ziemlich an den Rande des Wahnsinns getrieben haben, da ich mich beim Erklären des Begriffs „Skyline“ sagen hörte: „Warte, ich mal dir eine Skyline an die Tafel, dann verstehst du’s.“ – bevor die Stimme der Vernunft mir sanft ins Ohr raunte: „Emmy…du kannst doch gar nicht malen. Kein Stück. Noch nicht mal ein Mondgesicht.“ – Aber da war’s schon zu spät. *seufz*). Fazit: Wenn Loredana weniger Zeit damit verbrächte, allen zu erzählen, wie beschäftigt sie ist, und stattdessen mehr Zeit (oder überhaupt mal Zeit) in die Unterrichtsvorbereitung investieren würde, wäre sie vielleicht nicht permanent heiser. Aber so was verkauft sich ja auch gern als rauchige italienische Stimme mit Sexappeal... Das einzig Gute an dieser Stunde war die Tatsache, dass die Musterschülerin am Ende losgeschickt wurde, um uns beiden einen Kaffee zu besorgen (mittlerweile trinke ich übrigens den richtigen Espresso mit tierisch viel Zucker – genau wie die Neapolitaner. Werde wahrscheinlich nie wieder irgendwo anders in Europa Kaffee trinken können). Viel schlimmer kann’s ja kaum werden, dachte ich nach dieser Stunde. Falsch gedacht. Nächste Kandidatin war nämlich Maria-Grazia. Trotz des klangvollen Namens hat diese Kollegin nicht besonders viel Grazie – und erbarmensreich wie die Mutter Gottes ist sie schon gar nicht. Die Stunde begann mit einer ordentlichen Standpauke, da sich einige Schüler ohne Erlaubnis zum Rauchen in den Hof begeben hatten und anfangs nur 12 von 26 Schülern anwesend waren. Obwohl sie gerechtfertigt war, fand ich diese Standpauke vom Ton her dann doch ganz schön hart, und sie ließ natürlich von Anfang an die Stimmung völlig in den Keller sinken. Diese Oberstufenklasse saß zudem in einem Raum im Kellergeschoss, dessen Wände völlig mit Edding-Gekritzel übersät waren. Das ganze mutete eher wie eine Gefängniszelle an – und einige der Schüler wirkten auch ein bisschen wie Insassen. „O-ha“, dachte ich, „das ist wohl der geistige Abschaum des fünften Jahrgangs.“ Aber weit gefehlt. Als sie mir wiederum Fragen stellen sollten, kam mit den zwei kriminellst aussehenden Jungs ein sehr nettes Gespräch zustande, in dem sie echtes Interesse für meine Antworten zeigten. Als ich z. B. auf die Frage nach meiner Lieblingsmusik das übliche Gestammel anfing: „Well, I like all sorts of music… pop, rock, country (hab ich das grad wirklich zugegeben?! Sag jetzt bloß nicht Céline Dion, sonst bist du unten durch.)…I also like opera…“, unterbrach mich einer der beiden Jungs mit der Zwischenfrage „What kind of opera?“ Daraufhin hab ich ein bisschen übriggebliebenes Bayreuthwissen aktiviert, worauf er antwortete: „Ah, I like opera too. But I prefer musicals.“ – Und das von einem 2-Meter-großen Schrank von einem Kerl. Meine spontane Antwort: „Dir ist schon klar, dass du damit von der gesamten englischsprachigen Welt als schwul eingestuft wirst, oder?!“, konnte ich mir zum Glück verkneifen. Puh! Der restliche Verlauf der Stunde gestaltete sich in etwa so: Maria-Grazia macht der Klasse unmissverständlich klar, dass sie sich schleunigst „Dubliners“ von James Joyce zulegen muss, da wir diese Lektüre demnächst durchnehmen. Sie übergibt mir eine Ausgabe und fängt an, mir stundenlang im Zwiegespräch zu erklären, was ich genau mit der Klasse bearbeiten soll. Derweil fangen die Schüler natürlich an, sich untereinander zu unterhalten. Mitten im Gespräch knallt Maria-Grazias Handfläche mit solcher Wucht auf den Schreibtisch, dass ich mich zu Tode erschrecke und erst nach einiger Verzögerung merke, dass es sich dabei um eine Disziplinarmaßnahme handelt. Diese wird im Laufe des Gesprächs mehrmals wiederholt und mir bleibt jedes Mal das Herz stehen. Fazit: Auch Maria-Grazia scheint so gut wie keine Unterrichtsvorbereitung geleistet zu haben und gleichzeitig so ein mieses Klima in der Klasse zu schaffen, dass sie sich dadurch unnötig Probleme schafft. Das klingt jetzt alles sehr altklug und natürlich bin ich nicht so naiv zu denken, alle Schüler seien kleine Engelchen, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich mit einem Lächeln und interessantem Unterricht bei dieser Klasse schon Einiges erreichen kann. Die letzte Stunde hatte ich zum Glück mit Valeria in der Klasse, in der ich schon die Vertretungsstunde gegeben hatte. Valeria ist – wie erwartet – streng, aber fair. Die Schüler halten den Mund, wenn sie nicht dran sind, und machen bei Aufforderung aktiv mit. Außerdem hat Valeria eine schöne Redensart für die neunte Klasse parat: „Euer Englischbuch ist wie eure Verlobte: Man vergisst es nicht und man teilt es nicht.“ Zur Hälfte der Stunde überlässt sie mir das Feld und gibt mir freie Hand, neue Vokabeln einzuführen. Und zu guter Letzt bittet diese Frau ihre neunte Klasse um Feedback: „Was war gut an der Stunde? Was war eurer Meinung nach verbesserungsfähig?“ – Da fühlt sich der Schüler doch fast schon, als wäre er ein vollwertiger Mensch… Nun ja, morgen erfahre ich dann, wie Anna (die Kollegin, die neu an der Schule ist) ihren Unterricht schmeißt. Sie ist mir trotz einiger Ecken und Kanten bislang jedenfalls sehr sympathisch. Heute Morgen im Lehrerzimmer reichte sie mir vor der ersten Stunde die Hand, zog mich zu sich hin und raunte mir verschwörerisch ins Ohr: „So, how do you feel?“ Worauf ich mit „Pretty nervous…?“ antwortete. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob auch diese Frau im Klassenzimmer einen totalen Persönlichkeitswandel erlebt… Danach bin ich mit Valeria in der Oberstufe mit Animal Farm zu Gange, worauf ich mich schon ein bisschen freue Unterwegs hätte ich übrigens beim Buchhändler am Straßenrand zum Schnäppchenpreis von 5€ eine Ausgabe von „Mein Kampf“ erstehen können. Ob auf Deutsch oder Italienisch, habe ich nicht nachgeprüft, da ich zu viel Angst hatte, von Schülern oder Kollegen beim Schmökern in Klassikern der Naziliteratur ertappt zu werden. Was war noch? Ach ja, ich habe Loredana während unserer Kaffeepause heute Morgen nach den Ferienterminen gefragt. Die Osterferien gehen vom 20. bis 25. März. Mir klappte die Kinnlade runter. Erst nach mehreren Rückfragen und unter Zuhilfenahme eines Kalenders war ich bereit, zu glauben, dass sie hier tatsächlich nur fünf Tage Osterferien bekommen. Fünf verdammte Tage!!! Dabei wollte ich doch in dieser Zeit entweder mit meiner Mom durch Italien reisen oder zu diversen Unibewerbungsgesprächen in England antanzen. *seufz* Zu guter Letzt noch ein kleiner Spruch, den ich während meiner ersten Tage im Hostel aufgeschnappt habe (leider krieg ich ihn nicht mehr ganz zusammen): Heaven is where… … the cooks are Italian. … the tax collectors are Greek. … the police are English. … the mechanics are German. … And it is all organised by the Swiss. Hell is where… … the cooks are English. … the tax collectors are Swiss. … the police are German. … the mechanics are Greek. … And it is all organised by the Italians. |
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